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TV-Kritik zum ARD-Programm Starke Serie „Charité“ startet heute Abend im Ersten

Von Joachim Schmitz


Im Ersten startet an diesem Dienstag um 20.15 Uhr die sechsteilige Serie „Charité“ mit Alicia von Rittberg und zahlreich prominenten Darstellern. Die Programmchefs halten sie für eines der Highlights in diesem Frühjahr. Und tatsächlich: „Charité“ ist gut gemachtes Unterhaltungsfernsehen, beim man auch noch etwas lernen kann.

Sie krümmt sich vor Schmerzen. Kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Schafft es mit knapper Not in das Krankenhaus, in dem so viele Menschen an Krankheiten sterben, die heute keine Gefahr mehr darstellen.

Und dann soll sie anstehen. Warten, bis sie an der Reihe ist. Bis ein Arzt sie erkennt, zu dem sie in einem früheren Leben eine ganz andere Beziehung hatte. Dieser Emil Behring (Matthias Koeberlin) rettet die 18-jährige Ida Lenze, indem er ihr bei einer Operation im Hörsaal vor Dutzenden von Medizinstudenten den Blinddarm entfernt – eine höchst riskante und selten durchgeführte Operation. Und als sie die Rechnung nicht bezahlen kann, muss sie in diesem Krankenhaus ihre Schuld abarbeiten. Als Hilfswärterin, auf der untersten Stufe des Personals.

Schwarzes Loch der Filmgeschichte

Willkommen in Deutschlands berühmtester Klinik, der Charité. Willkommen im Jahr 1888, das wegen zweier Machtwechsel als das „Drei-Kaiser-Jahr“ in die deutsche Geschichte eingegangen ist. Willkommen in einer Zeit, die im deutschen Film bislang so etwas wie ein schwarzes Loch ist.

Ida Lenze, angenehm natürlich und authentisch dargestellt von Alicia von Rittberg, ist die junge Frau, an deren Schicksal Sönke Wortmann seine (Mini-)Serie aufgehängt hat. Sie ist die emotionale Leitfigur von „Charité“. Und sie ist eine fiktive Figur inmitten historischer Größen. Denn in der Berliner Klinik arbeiten und forschen zu dieser Zeit medizinische Koryphäen, die später zum Teil mit Nobelpreisen ausgezeichnet werden und nach denen heute Institute und Kliniken benannt sind: Robert Koch (Justus von Dohnányi), Rudolf Virchow (Ernst Stötzner), Paul Ehrlich (Christoph Bach) und besagter Emil Behring.

Weißkittel als Halbgötter

Es ist eine Zeit, in der die Weißkittel noch Halbgötter waren und die Frauen höchstens als schmückendes Beiwerk oder pflegendes Personal in Erscheinung traten. Deshalb sind die weiblichen Rollen in „Charité“ zumeist fiktive, während die Männer in der (Medizin-)Geschichte breiten Raum einnehmen und hervorragende Schauspieler herausragende Ärzte darstellen. (Weiterlesen: So waren die Dreharbeiten in Prag)

Allein schon deshalb ist es gut, dass mit der Grimme-Preis-Trägerin Dorothee Schön und der Medizinjournalistin Sabine Thor-Wiedemann zwei Frauen für das Drehbuch verantwortlich zeichneten und neben den Stars der Forschung die weibliche Komponente weder vergaßen noch unterbelichteten. Sie geben Frauen ein Gesicht, die die Geschichtsschreibung längst vergessen hat. (Weiterlesen: Hier gibt es ein Porträt der Drehbuchautorin Dorothee Schön)

Pflänzchen der Emanzipation

Und doch ist es ein eigenwilliges Format, diese Serie. Wenn Ida Lenze vom damals in Deutschland den Frauen verbotenen Medizinstudium träumt, keimt das Pflänzchen der Emanzipation. Wenn Amors Pfeile durch die Charité fliegen, trägt die Serie Züge einer Soap. Und wenn Koch, Virchow, Ehrlich und Behring ihre Forschungen vorantreiben, weht der Hauch der Geschichte durch die sechs Folgen. (Hier gibt es ein Interview mit Regisseur Sönke Wortmann)

Doch obwohl der Zuschauer vieles über die erbärmlichen hygienischen Zustände dieser Zeit zeigt, in der die durchschnittliche Lebenserwartung gerade mal 35 Jahre betrug, wird das Elend jener Tage nicht wirklich fühlbar. Immer wenn es gerade anfängt, weh zu tun, inszeniert Sönke Wortmann seine Bilder mit dem Weichzeichner. Nur so ist man heute wohl 20.15 Uhr-kompatibel.

Emotionen und Inhalt

Hauptdarstellerin Alicia von Rittberg darf man das nicht vorwerfen. Sie fand es „spannend, eine Geschichte zu drehen, die einen packt und mitreißt – und wenn man dann aufwacht, hat sie dir auch noch etwas mitgegeben,“ sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Das könne „ein Stück Zeitgeschichte sein oder ein bisschen Medizinstudium. Wenn zu Emotionen auch noch Inhalt kommt, gefällt es mir am besten. Und das ist bei ,Charité‘ der Fall.“

Ganz unterschwellig könne man beim Zuschauen auch noch eine Menge lernen, meint die 23-Jährige: „Ich glaube, dass man den Figuren wirklich gerne folgt und jedes einzelne Mitglied des Ensembles eine runde, fertig erzählte Geschichte hat. Während man diesen Figuren folgt, bekommt man gar nicht mit, wie viel Wissen da auch noch vermittelt wird.“ (Weiterlesen: Hier gibt es das ausführliche Interview mit Alicia von Rittberg)

Das stimmt. In einer Folge „Charité“ lernt man mehr als in 50 Episoden „Familie Dr. Kleist“. Aber ob es das ist, was das Dienstags-Publikum im Ersten sehen will?

Charité, Das Erste, Dienstag, 20.15 Uhr (Start mit einer Doppelfolge), anschließend (21.50 Uhr) die Dokumentation „Die Charité – Geschichten von Leben und Tod“. Die weiteren Folgen immer dienstags um 20.15 Uhr und jeweils eine Woche vor der Ausstrahlung online.

Am 21. April erscheint „Charité“ dann auf DVD und Blue-ray.


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