Neue Dokureihe auf Arte „CineKino“ feiert Europas Kino

Auszug aus Chantal Akermans „Eine ganze Nacht“. Foto: Paradise Films/Avidia Films/CinematekAuszug aus Chantal Akermans „Eine ganze Nacht“. Foto: Paradise Films/Avidia Films/Cinematek

Osnabrück. Es gibt Film-Klassiker, die nur im jeweiligen Entstehungsland bekannt sind, aber kaum bei den EU-Nachbarn. Eine Arte-Reihe will dem entgegen wirken und feiert europäische Filmkunst.

Das Fest kann beginnen: Eine Stadt erstrahlt in den schönsten Pastellfarben, der Marktplatz ist geschmückt, eine Tanztruppe setzt über die Schwebebrücke rüber . Es ist nicht nur der Beginn zu einem einer der schönsten Musicals der Filmgeschichte, sondern auch der Auftakt zu einer Reihe auf Arte: Die Szenen aus „Les Demoiselles de Rochefort“ („Die Mädchen von Rochefort“) sind bereits ein Fest der Farben, Töne und der Originalität.

Nun, Sie haben noch nie von diesem Film gehört? Eigentlich schade. Und kein Wunder: Denn obwohl in Frankreich ein Kultklassiker, ist er rechts des Rheins leider kaum bekannt. Und dass trotz seiner Stars: Wie etwa Catherine Deneuve und Françoise Dorleac , die nicht nur im Film, sondern auch im wirklichen Leben Schwestern waren, oder Michel Piccoli und Danielle Darrieux, aber auch Hollywood-Größen wie Gene Kelly und George Chakiris („West Side Story“). Zeit also, Jacques Demys 1967 entstandenen Klassiker endlich kennen zu lernen. Dass vielen Menschen Hollywood vertrauter ist, als das Filmschaffen der EU-Nachbarn oder des eigenen Landes, dagegen kämpft nun die Doku-Reihe „CineKino“ an.

Den Auftakt in dieser jeweils 26 Minuten langen Folge über europäische Filmnationen macht – naturellement – Frankreich. Schließlich wurde hier 1895 das Kino erfunden.

Stellt sich aber eine entscheidene Frage: Was kann man aus gut 120 Jahren Filmgeschichte als „exemplarisches Beispiel“ nehmen? Die beiden Autoren Rainer Rother ( Deutsche Kinemathek Berlin ) und der französische Filmhistoriker Jean Ollé-Laprune beschreiten einen cleveren Weg. Jeweils zehn Punkte zeigen pro Folge schlaglichtartig cineastische Preziosen. Ein Punkt etwa: „eine Person“. Zum Beispiel: Napoleon . Seine historische Gestalt inspirierte immerhin zu 400 Filmen. Oder es wird exemplarisch „eine erotischen Szene“ präsentiert. Wobei der Anfang von „Betty Blue – 37,2° am Morgen“ beweist, dass Beatrice Dalle mindestens so heiß wirkt, wie es der Titel des Films verspricht. Im Nachbarland Belgien im Anschluss, geht es in der Rubrik „ein Datum“ um den 16.8.2008, also die Uraufführung des erfolgreichsten belgischen Films aller Zeiten: des Thrillers „Loft“. Der entstand erst auf flämisch, wurde 2010 im wallonischen Teil neu gedreht, um dann (ausgerechnet!) als englischsprachiges Hollywood-Remake auch bei uns 2014 im Kino zu landen – als einzige der drei Verfilmungen übrigens. Hollywoods Marktmacht ist halt stärker.

In Deutschland ehrt (nächste Woche) Christian Petzold „einen Regisseur“: Helmut Käutner, dessen Werke „Romanze in Moll“, „Große Freiheit Nr. 7“ und „Unter den Brücken“ - heute kaum bekannt - zu den wenigen Kunstwerken der NS-Ära der 40er Jahre gehören. Und dass Italien nicht nur das Land von Neorealisten wie Fellini, De Sica oder Luchino Visconti ist, sondern auch von Genremeistern wie Sergio Leone ist, beweist „ein Datum“ : Am 12. September 1964 startete in Florenz „Für eine Handvoll Dollar“. Der Italo-Western ward geboren, der Amerikaner Clint Eastwood wurde dank Europa zum Weltstar.

England, Spanien, die Schweiz, Polen, Tschechien und Österreich sollen demnächst folgen. Schade nur, dass Dänemark, das Land Lars van Triers, Russland, wo Eisenstein und Tarkowskij das Kino revolutionierten, oder Schweden, wo Ingmar Bergman seine Dramen schuf, in der Liste (bislang) fehlen.

Trotzdem: Diese Dokureihe macht Lust auf Kino und Filmgeschichte. Und mal ehrlich: Wer würde nicht dahinschmelzen beim Lächeln einer Claudia Cardinale , die französischsprachig in Tunis aufwuchs, in Italien zum Star wurde und heute in aller Welt vergöttert wird. Ein multinationaler Star aus Europa. Verkörpert sie damit nicht geradezu exemplarisch das Motto der EU: „In varietate concordia“ („In Vielfalt vereint“)? Fürwahr: Europas Sterne strahlen!


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN