Neuauflage von „7. Sinn“? Internetkompetenz per TV vermitteln

Von Tilmann P. Gangloff

Tipps zum Umgang mit dem Internet bieten verschiedene Sender in ihren Ratgebermagazinen. Foto: dpaTipps zum Umgang mit dem Internet bieten verschiedene Sender in ihren Ratgebermagazinen. Foto: dpa

Osnabrück. Politiker wollen den „7. Sinn“ als Medienmagazin reaktivieren, das Kindern und älteren Menschen Verhaltenstipps zum Umgang mit dem Internet gibt. Die bieten aber die öffentlich-rechtlichen Sender bereits in verschiedenen Sendungen.

Was man nicht kennt, das macht Angst, und deshalb ist das Internet immer noch gerade für viele ältere Menschen Neuland. Diesen Zustand wollen zwei Bundestagsabgeordnete mithilfe des Fernsehens ändern: Innenexperte Clemens Binninger und Internetpolitiker Thomas Jarzombek (beide CDU) haben in einem Brief an den WDR-Intendanten Tom Buhrow angeregt, der Sender möge seinen vor zwölf Jahren eingestellten Klassiker „Der 7. Sinn“ reaktivieren, aber nicht wie früher als Verkehrsmagazin, sondern als Format, das Verhaltenstipps zum Umgang mit dem Internet und den sozialen Medien gibt. Auf diese Weise könnten gerade ältere Zuschauer „unterhaltsam und innovativ“ Regeln für den digitalen Alltag lernen.

Interessant ist dabei nicht zuletzt die Einschränkung „ältere Zuschauer“. Junge Nutzer hätten die Nachhilfe ja nicht minder nötig, zumal sich viele Eltern sorgen, ihre Kinder könnten bei Youtube oder anderswo Videos sehen, die ihnen schlaflose Nächte bereiten. Außerdem fürchten sie Phänomene wie Cybergrooming (sexuelle Belästigung übers Internet) oder das Mobbing in den sozialen Netzwerken. Seit langem fordern Jugendschützer daher ein viel größeres Engagement in Sachen Medienpädagogik, doch es gibt nach wie vor viel zu wenig Ausbildungsmöglichkeiten; an den meisten Schulen übernimmt ein engagierter Lehrer diese Aufgabe nebenbei.

Gefordertes Format gab es bereits

Mit einem „7. Sinn“ fürs Internet wäre bei entsprechender Qualität also womöglich beiden geholfen, Kindern und (Groß-)Eltern. Die Einführung der Ratgebersendung 1966 war eine Reaktion auf die zunehmende Motorisierung der Deutschen; die drei Minuten kurzen Filme behandelten Gefahren im Straßenverkehr. Nun wäre die Zeit offenbar in der Tat reif für ein Magazin, das sich mit den Gefahren im Internet befasst. Tatsächlich gab es das bereits: 2011 bis 2014 hat der WDR gemeinsam mit NDR und SWR für das „Erste“ einmal im Monat den „Ratgeber Internet“ produziert. In den Sendungen wurde beispielsweise darüber informiert, wie man sich vor Betrügereien und Abzocke schützt, was man beachten muss, wenn man sich in sozialen Netzwerken bewegt oder wie man sich gegen Cybermobbing wehren kann.

Laut einer WDR-Sprecherin hat „das an diesen Themen interessierte Publikum eine solche Spezialsendung jedoch nicht gezielt eingeschaltet. Gleichzeitig hat die Fokussierung auf den Bereich Internet die traditionellen Zuschauer der Ratgeberformate nicht angesprochen.“ Daher habe man sich entschieden, solche Themen „nicht isoliert im Rahmen einer Spezialsendung, sondern in der gesamten Breite unserer Programmangebote abzubilden“, etwa im Rahmen des Verbrauchermagazins „Markt“ (mittwochs um 20.15 Uhr); hier würden jede Woche ein bis zwei Themen mit Bezug zur digitalen Lebenswelt aufgegriffen.

Online- und Multimediathemen

Der NDR hat ebenfalls einen „Markt“ (montags um 20.15 Uhr), und auch hier geht es regelmäßig um Themen wie „Versteckte Reklame im Internet“, „Gefahr durch Datendiebstahl“ oder „Gefälschte Ware bei Amazon“. Der WDR hat zudem in seiner Nachrichtensendung „Aktuelle Stunde“ schon vor zwanzig Jahren die Rubrik „Angeklickt“ mit dem ARD-Netzexperten Jörg Schieb eingeführt. Auch die Servicemagazine des SWR greifen regelmäßig Online- und Multimediathemen auf: im „Ersten“ beim mittäglichen „ARD Buffet“, im SWR Fernsehen in erster Linie nachmittags bei „Kaffee oder Tee“. Im Wirtschafts- und Verbrauchermagazin „Marktcheck“ (dienstags um 20.15 Uhr) werden solche Themen ebenfalls angesprochen. Behandelt werden sowohl technische Entwicklungen wie auch konkrete Fragestellungen (Wie geht Facebook, wie kann ich auf den Datenschutz in sozialen Netzwerken achten etc.).

Zielgruppen Schüler und Lehrer

Im ZDF werden solche und ähnliche Themen regelmäßig im Wirtschafts- und Verbrauchermagazin „WISO“ (montags um 19.25 Uhr) sowie in der Servicesendung „Volle Kanne „montags bis freitags um 9.05 Uhr) behandelt. Im Ableger ZDFinfo gab es kürzlich mit Dokumentationen wie „Ich weiß, wer du bist“ oder „Hasskommentare und falsche Likes“ einen Schwerpunkt zu diesem Themenkomplex. Im Internet selbst gibt es die von den Politikern geforderten Ratgeber ohnehin längst, auch von den Fernsehsendern; allerdings richten sie sich an unterschiedliche Zielgruppen. So ist zum Beispiel „So geht Medien“ (www.br.de/sogehtmedien), ein Bildungsangebot, das der Bayerische Rundfunk im Auftrag von ARD, ZDF und Deutschlandradio produziert, eher für jüngere Nutzer gedacht. Lernen allerdings können auch Ältere eine Menge; die rund fünf Minuten langen Erklärstücke zeigen, wie man Nachrichten in drei Schritten hinterfragen kann, wie sich Verschwörungstheorien entlarven lassen oder wie sich Lügen im Netz verbreiten. Die Zielgruppe sind vor allem Schüler und Lehrer; zu vielen Themen gibt es zusätzliches Unterrichtsmaterial.

Facettenreich ist auch das Medienkompetenzportal „Medien360g“ des MDR (www.mdr.de/medien360g), aber hier wird die Materie ungleich trockener behandelt. Für Menschen, die auf der Suche nach dem kleinen Internetführerschein sind, ist die Seite ohnehin nur bedingt hilfreich, weil sie sich offenkundig an Fortgeschrittene richtet. Konkrete Internet-Themen sind beispielsweise das Unwesen der „Social Bots“ oder die algorithmengesteuerten Suchmaschinen; ansonsten ist „Medien360g“ ein Internetangebot mit Beiträgen zu allen möglichen Medienthemen.


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