Von 19.30 Uhr bis nach Mitternacht Arte-Themenabend zur Russischen Revolution

Der rote Stern über dem Kreml wurde zum Symbol für Moskaus Imperium – eine andere Welt, die sich selbst „Diktatur der Arbeiter und Bauern“ nannte. Foto: MDRDer rote Stern über dem Kreml wurde zum Symbol für Moskaus Imperium – eine andere Welt, die sich selbst „Diktatur der Arbeiter und Bauern“ nannte. Foto: MDR

Osnabrück. Der Dienstagabend auf Arte steht ganz im Zeichen Russlands, und im Besonderen der Russisschen Revolution. Während die erste von insgesamt vier Dokumentationen gruselig ist, sind die drei folgenden mehr als sehenswert.

Historische Ereignisse in das Gewand einer modernen Nachrichtensendung zu kleiden ist beileibe keine neue Idee. Arte startet mit „Breaking News: Zar gestürzt – Revolution in Russland“ einen weiteren – missglückten – Versuch.

Regisseur Andre Meier hat mit seinem offiziell „Dokumentarfilm“ genannten Experiment schon jetzt einen der absoluten Fernseh-Tiefpunkte des Jahres produziert. Die Idee, den Zarensturz und die Russische Revolution durch eine moderne Nachrichtensendung mit Live-Schalten und Experteneinschätzungen erzählen zu lassen, klingt schon schrecklich; und wenn man sich dann das Ergebnis ansieht, überkommt einen das kalte Grauen.

Maximal verkrampft

Da steht dann Nachrichten-Host Thomas Kausch vor einem Green Screen und „schaltet“ zu lauter bekannten ARD-Reporternasen, inklusive Börsenfrau Anja Kohl. Das Ganze ist natürlich maximal verkrampftes Gefasel, schließlich müssen die Journalisten ja schauspielern, und das gelingt einigen äußerst laienhaft.

Dann muss auch noch irgendein tatsächlicher Schauspieler in der Rolle von Marc Chagall das Geschehen kommentieren, so dass es einem beinahe schwer fällt, die Sendung noch ernstzunehmen.Wohl nur selten hat man sich stärker nach einer ganz normalen Geschichtsdokumentation gesehnt.

Die bekommt der Zuschauer dann zum Glück im Anschluss geliefert. Die französische Doku mit dem locker über die Zunge gehenden Titel „Good bye, Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin“ befreit den Bolschewiken-Führer von seinem Mythos als allgegenwärtiger Lenker der Russischen Revolution.

Wilde Kaskade

Tatsächlich war der alte Spitzbart selbst von den Ereignissen überwältigt und hatte seine Truppen nicht im Griff, das historische Bild eines Visionärs und großen Planers, der stets die Fäden zieht, darf nach diesem Film als Fiktion gelten. Wie Autor Cédric Tourbe die Russische Revolution vor allem als Ablauf vieler zufälliger Ereignisse nachzeichnet, eine wilde Kaskade, an deren Ende Lenin fast zufällig als strahlender Sieger dasteht, ist bestechend.

Die Krönung an diesem Arte-Themenabend kommt dann zum Schluss: Die zweiteilige Dokumentation „Moskaus Imperium“ ist ein echtes Glanzstück historischer Filmemacherkunst. Der erste Teil von Matthias Schmidt und Sebastian Dehnhardt trägt den Titel „Aufstieg und Fall“, was zur Hälfte ziemlicher Blödsinn ist. Denn die Dokumentation zeigt nur den Fall, also die mit Breschnew einsetzende langsame Auflösung der Sowjetunion ab etwa 1970.

Viele Erklärungsansätze

Was die Dokumentation so großartig macht, sind nicht zuletzt die vielen Erklärungsansätze für das heutige Russland. „Der Präsident im Kreml galt zu allen Zeiten als Alleinherrscher“, heißt es etwa, und natürlich klingt der Name Putin in jedem solcher Sätze mit. Ein russischer Politologe verweist schließlich darauf, dass die russische Geschichte schon immer in die Regentschaften der jeweiligen Herrscher eingeteilt wurde.

Der zweite Teil der Doppel-Dokumentation mit dem Titel „Russlands Rückkehr“ ist sogar noch stärker. Die allgemeine Verzweiflung, das unglaubliche Chaos nach der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1990 wurde vielleicht noch nie so gut geschildert wie hier von Regisseur Maarten van der Duin. Er lässt verstehen, warum Wladimir Putin zum Heilsbringer werden konnte, zum starken Mann im Kreml, der den überforderten Michail Gorbatschow und die Witzfigur und Oligarchen-Marionette Boris Jelzin vergessen ließ.

Bewundernswert präzise

Die Dokumentation ist dabei bewundertswert präzise, sie unterlässt es etwa nicht zu betonen, dass Wladimir Putin seinen ersten Kredit in der Bevölkerung dadurch erwarb, dass er nach den Anschlängen, die tschetschenischen Terroristen angerechnet wurden, in Fernseh-Interviews eine Sprache verwendete, wie sie in der Politikerkaste normalerweise nicht gebräuchlich ist, dafür aber im einfachen Volk.

Fazit: Der Arte-Themenabend über Russland beginnt auf einem katastrophalen Niveau und endet auf einem Level, der im deutschen Fernsehen nur selten erreicht wird


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