Streaming-Plattformen auf Vormarsch Steht das klassische Fernsehen vor dem Aus?

„Das klassische Fernsehen verliert seine große Bedeutung. Die Zukunft gehört Streaming-Diensten und Mediatheken“, sagt Timm Lutter vom Digitalverband Bitkom. Foto: imago/xim.gs„Das klassische Fernsehen verliert seine große Bedeutung. Die Zukunft gehört Streaming-Diensten und Mediatheken“, sagt Timm Lutter vom Digitalverband Bitkom. Foto: imago/xim.gs

Osnabrück. Während des Schulwegs auf dem Smartphone, beim Kochen auf dem Tablet oder vom dem Sofa mit Blick auf den Smart-TV: Fernsehen ist heutzutage nicht mehr an einen Ort, eine Zeit oder ein Gerät gebunden. Streamingdienste und Mediatheken sind auf dem Vormarsch. Steht das klassische Fernsehen vor dem Aus?

Wenn Thomas Gottschalk in den 90er Jahren zu einer „Wetten, dass..?“-Show vor den TV-Bildschirm lud, hat gefühlt die halbe Republik zugesehen. Das war die große Zeit der Samstagabend-Show, die zur Hochzeit des linearen Fernsehens zählt. Heutzutage nimmt das Internet immer mehr Zeit im Mediennutzungsverhalten der Menschen ein. Damit einher geht die Nutzung von Streaming-Angeboten und dem Schauen von Sendungen zu einer vom Nutzer selbstbestimmten Zeit (Video on Demand).

„Das klassische Fernsehen verliert seine große Bedeutung. Die Zukunft gehört Streaming-Diensten und Mediatheken“, sagt Timm Lutter vom Digitalverband Bitkom. Jeder vierte Nutzer von Video-Streams kann sich laut einer repräsentativen Bitkom-Umfrage vorstellen, komplett auf das lineare TV zu verzichten. Gut ein Drittel der Streamer (35 Prozent) hat das lineare Fernsehen bereits ganz gegen Video-Streaming auf Smart-TV, Smartphone oder Tablet ausgetauscht. „Die Fernsehzuschauer emanzipieren sich von passiven Verbrauchern zu aktiven Nutzern, die ihr TV-Programm selber bestimmen.“ Nur noch wenige würden ihren Tagesablauf rund um den Sendetermin ihrer Lieblingssendung planen.

Umgestaltung des TV-Programms

Jeder zweite Video-Streaming-Nutzer gibt an, weniger klassisch fernzusehen, seit er Videos im Internet streamt. Darum gilt es für die klassischen Sender, ihr Kerngeschäft zu stärken. Besonders unter jüngeren Streamern zwischen 14 und 29 Jahren hat sich der TV-Konsum zugunsten der Video Angebote im Internet entwickelt. „Die Sehgewohnheiten der jungen Generation verändern den Markt für bewegte Bilder komplett. Um zukunftsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen in der Unterhaltungs- und Medienbranche daher in maßgeschneiderte Angebote investieren“, sagt Bitkom-Experte Lutter.

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Erste Sender versuchen zum Beispiel den Trend „Komaglotzen“ (engl. „Binge Watching“) aufzugreifen. Studien zeigen, dass immer mehr junge Zuschauer mehrere Serienfolgen am Stück schauen. Um sich den neuen Gewohnheiten anzupassen, und anstatt die Zuschauer eine Woche zwischen den Serien-Episoden warten zu lassen, zeigen einige TV-Anstalten manchmal drei Folgen am Stück. Das ZDF reagiert auf den Wandel, indem es seine Mediathek neu gestaltet. Der öffentlich-rechtliche Sender stellt Serien schon vor der TV-Ausstrahlung und zusätzlich in Originalfassung online. Doch reicht das aus?

TV-Sender werden zu Internet-Netzwerken

Netflix-Chef Reed Hastings prophezeit das Aussterben des klassischen Fernsehens in 15 bis 20 Jahren. „Lineares Fernsehen wird im Niedergang sein wie die Festnetz-Telefonie nach der Ausbreitung von Handys. Die heutigen Sender werden sich zu Internet-Netzwerken wandeln.“ Aktuelle Entwicklungen zeigen, wie recht er damit haben könnte.

Die Privatsender gehen noch einen Schritt weiter. So macht die ProSiebenSat.1 längst nicht mehr nur Fernsehen. Der Chef der Senderkette Thomas Ebeling ist auf die Idee gekommen, Werbefernsehen und Internetshops in einem Konzern zu kombinieren – und verdient damit viel Geld. Der Trick geht so: Mit seinen TV-Sendern erreicht ProSiebenSat.1 täglich etwa 42 Millionen Zuschauer. Mit den Werbespots macht Ebeling die Hälfte des Konzernumsatzes (2016: 3,8 Milliarden Euro) und drei Viertel des Gewinns.

Aber nebenbei hat er eine ganze Reihe von Online-Händlern und Internet-Portalen gekauft. Bezahlt hat ProSiebenSat.1 oft mit TV-Werbezeit im Tausch gegen Umsatz- und Firmenanteile. Der Umsatz mit den Internet-Geschäften schoss im vergangenen Jahr um 65 Prozent hoch, das Betriebsergebnis legte um 33 Prozent zu. Inzwischen trägt der Bereich „Digital Commerce“ schon ein Fünftel zum Konzerngeschäft bei.

Konkurrent RTL ist ganz anders unterwegs. Die Kölner liegen mit 23 Prozent Marktanteil bei allen Fernsehzuschauern vor ProSiebenSat.1 mit 19 Prozent. Und sie sind bei Produktion und dem weltweiten Verkauf von Videos an Streaming-Dienste, Online-Portale und Sender ungleich stärker. Bei RTL ist dieses Digitalgeschäft mittlerweile milliardenschwer.

Deutschland ist TV-Land

Ein plötzliches Ende des klassischen Fernsehens müssen die Sender jedoch nicht befürchten. Eine Langzeitstudie von ARD und ZDF zeigt: Noch behauptet sich das Fernsehen gegenüber Streams. Die TV-Nutzung im Jahr 2015 stieg mit 223 Minuten im Vergleich zum Vorjahr sogar um zwei Minuten an. (mit dpa und epd)


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