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Schwere Vorwürfe gegen Mitarbeiter „Team Wallraff“: erschreckende Bilder aus Behindertenwohnheimen

Von Meike Baars

Der Fuß eines Betreuers als Stolperfalle: Während die schwerbehinderte Lisa versucht, aufzustehen, machen sich die Mitarbeiter lustig. Foto: RTLDer Fuß eines Betreuers als Stolperfalle: Während die schwerbehinderte Lisa versucht, aufzustehen, machen sich die Mitarbeiter lustig. Foto: RTL

Osnabrück. Kränkungen, Erniedrigungen, Strafen: Die RTL-Enthüllungssendung „Team Wallraff“ zeigt erschreckende Bilder aus Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen. Eine Reporterin hatte undercover als Praktikantin in mehreren Einrichtungen angeheuert. Gegen die Mitarbeiter erhebt sie schwere Vorwürfe. Inzwischen gibt es juristische Konsequenzen.

Es ist nur eine der verstörenden Szenen, die „Team Wallraff – Reporter undercover“ am Montagabend zeigte: Eine junge, schwer geistig behinderte Frau mit körperlichen Einschränkungen läuft durch den Flur ihres Wohnheims. Sie kann zwar eigenständig gehen, ist aber nicht vollkommen sicher auf den eigenen Beinen. Zudem kann sie Hindernisse nicht richtig einschätzen. Die junge Frau will sich an einer Gruppe von Betreuern vorbeischieben, übersieht aber das ausgestreckte Bein eines Mitarbeiters, der keine Anstalten macht, seinen Fuß einzuziehen. Und es passiert: Die junge Frau stolpert und kommt zu Fall. Doch es gibt keine Entschuldigung, kein Zu-Hilfe-Eilen. Stattdessen: Häme. „Sie hat zwei Füße. Ist zwar nicht zu glauben, aber ist so“, sagt einer der Kollegen. „Bis sie mal hinguckt, wo sie läuft“, ein anderer. (Weiterlesen: „Team Wallraff“-Reportage über die Fernbus-Branche)

„Sie freuen sich, wenn jemand hilflos auf dem Boden liegt.“

Für den Pflegeexperten Claus Fussek, den „Team Wallraff“ das mit versteckten Kameras in Wohnheimen gedrehte Material beurteilen lässt, ist hier eindeutig eine Grenze überschritten. Er zeigt sich fassungslos. „Das ist mutwillig und das ist Vorsatz. Besonders beschämend ist, dass die umliegenden Mitarbeiter das für normal halten. Sie freuen sich, wenn jemand hilflos auf dem Boden liegt.“

Mehr als ein Jahr lang habe sich die „Team-Wallraff“-Reporterin Caro Lobig immer wieder als Praktikantin in zahlreichen Wohn- und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen unter die Mitarbeiter gemischt, um die Zustände in den Einrichtungen zu überprüfen, heißt es in der Sendung. Missstände in drei Heimen und Werkstätten werden in der Ausstrahlung schließlich zum Thema gemacht. Betreiber ist jeweils der Verein Lebenshilfe. ( Weiterlesen: RTL nimmt Klinik-Klage nach Wallraff-Einsatz gelassen)

Strafe für eingenässte Hose

Gezeigt werden Betreuer, die gemütlich ihre Raucherpause beenden, bevor sie einen um Hilfe bittenden Rentner auf die Toilette begleiten. Gezeigt wird eine Mitarbeiterin, die einen Mann mit schwerer Spastik in einem dunklen Zimmer sitzen lässt, als Strafe dafür, dass er in die Hose gemacht hatte. Und gezeigt wird eine Kollegin, die einen Bewohner beim Mittagessen beschimpft: „Hör doch mal auf zu schmatzen jetzt. Ist doch nicht mehr normal, solche Geräusche. Ist ja widerlich.“

„Widerlich, wie die Betreuerin mit dem Bewohner spricht“, lautet das Urteil von Simone Holderrieg, die die heimlich aufgezeichnete Szene im Nachhinein zu sehen bekommt. RTL zog die Psychologin zurate, um das Verhalten des Personals einschätzen zu lassen. Sie arbeitet als Supervisorin für Menschen in Pflegeberufen. Ihr Urteil: Auch hier sei eine Grenze überschritten.

Mitarbeiter verhöhnen Bewohnerin

Entsetzt und sprachlos macht die vom „Team Wallraff“ hinzugezogenen Experten auch eine weitere Beobachtung der Reporterin Lobig. Beim Mittagessen löffelt eine Bewohnerin einen weißen Joghurt und bekleckert sich um den Mund herum. Die Betreuer, die gemeinsam mit den Bewohnern essen, beginnen anzügliche Bemerkungen zu machen. Sie vergleichen den Nachtisch offensichtlich mit Sperma. „Mhm lasziv“, sagt einer. „Die Konsistenz ist sehr ähnlich. Es ist kein ganz durchgängiges Weiß. Klebt nicht ganz so sehr, aber...“ Pflegeberater Fussek ringt um Worte, als er die Bilder sieht. „Da fällt dir nichts mehr zu ein. Wie krank“, sagt er.

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe bezog inzwischen Stellung zu der Sendung. „Die Lebenshilfe ist von den dargestellten Handlungsweisen sehr betroffen. Was dort zu sehen war, widerspricht all unseren Werten“, heißt es in dem Statement. Es liefen „Maßnahmen zur Aufklärung“. Das in der Sendung gezeigte Verhalten von Mitarbeitern werde nicht toleriert. Der Verein kritisiert seinerseits jedoch auch die Informationspolitik von RTL. Die Namen der betroffenen Mitarbeitenden seien vom Sender erst kurz vor der Ausstrahlung mitgeteilt worden.

Juristische Konsequenzen

Zumindest für eines der Heime bahnen sich Konsequenzen an. Die Geschäftsführung der Lebenshilfe Speyer Schifferstadt nehme die Vorwürfe sehr ernst und habe die zuständige Prüfbehörde eingeschaltet, heißt es in ihrer Presseerklärung. In dem Schreiben bedauern die Betreiber den Schaden für „die seit Jahren erfolgreiche Arbeit der Lebenshilfe“ durch das Fehlverhalten Einzelner.

Zudem prüft die Staatsanwaltschaft Frankenthal den Anfangsverdacht einer Straftat, wie Sprecher Hubert Ströber unserer Redaktion bestätigte. Es werde geprüft, ob wegen Körperverletzung, Misshandlung Schutzbefohlener und Beleidigung ermittelt werden müsse. Eine Strafanzeige eines Betroffenen habe es im Bereich Frankenthal bis Montagabend nicht gegeben.

Anders sieht das im in der Sendung angeprangerten Leverkusener Lebenshilfe-Wohnheim aus. Hier wurde am 31. Januar Strafanzeige gestellt. Die entsprechenden Mitarbeiter seien freigestellt, teilte Bundesgeschäftsführerin Jeanne Nicklas-Faust unserer Redaktion mit.

Wie die Lebenshilfe Speyer in ihrem Statement noch mitteilte, haben Mitarbeiter wiederum Strafanzeige gegen die Reporterin von Team-Wallraff gestellt.


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