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„Ich bin großer Merkel-Fan“ Autor Wladimir Kaminer über Russland, Putin und Trump

Wodka nur noch selten: Wladimir Kaminer veranstaltet zwar nicht mehr so viele Russendiskos, reist aber gerne durchs Land. Foto: dpaWodka nur noch selten: Wladimir Kaminer veranstaltet zwar nicht mehr so viele Russendiskos, reist aber gerne durchs Land. Foto: dpa

Münster. Erfrischt von der Sauna des Mövenpick-Hotels in Münster, hat Wladimir Kaminer (49) Zeit für ein exklusives Interview in der Cocktail-Bar, bevor er an diesem Abend auf die andere Seite des Aasees zur Lesung in die Aula muss. Das Gespräch mit dem beliebten Berliner Autor und DJ („Russendisko“) beginnt zunächst als spontaner Smalltalk.

Herr Kaminer, „s ljochkim parom“ („mit leichtem Dampf“) – so sagt man doch in Russland nach der Sauna...

Richtig. Vielen Dank.

Geht es Ihnen gut?

Bestens. Ich habe sehr viel Spaß auf Lese-Tour und erlebe viel Interessantes. Leider verliere ich dabei regelmäßig einige Dinge. Ich bin gerade mal fünf Tage unterwegs, schon sind ein T-Shirt, eine Socke und meine Zahnpasta weg.

Etwa eins von den begehrten Russendisko-T-Shirts?

Nein, wir machen ja Russendisko nur noch sehr, sehr selten und unregelmäßig.

Woran liegt es?

An der Gesundheit.

Wie bitte?

Ich werde schließlich in diesem Jahr 50. Ich kann nicht mehr jede Nacht bis an die Decke springen.

Kommt das nicht auf die Menge des Wodkas an?

Doch. Aber du musst ja bis morgens um sechs durchhalten. Wodka ist da kein guter Ratgeber. Wodka bringt mich langfristig eher nach unten als nach oben.

Aber ist Russendisko nicht auch eine Art Sport?

Ja klar. Viel Bewegung hält bekanntlich fit. Ich sage ja auch nicht, dass wir keine Russendisko mehr feiern. Diese speziellen Abende gibt es jedoch nur noch zu speziellen Anlässen. In der finnischen Stadt Turku hatte ich vor einigen Monaten eine tolle Russendisko auf der Buchmesse. 2016 war Deutschland dort das Gastland, und ich habe mit Russendisko deutsche Kultur präsentiert.

Finden Sie das nicht paradox?

Nein. Ich verstehe natürlich Ihre Bedenken, aber ich habe auch schon auf der Frankfurter Buchmesse Russland repräsentiert, als Russland das Gastland war. Das ist eine Völker verbindende Sache und zeigt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, in dem die Russendisko dazugehört. In Bielefeld habe ich übrigens im Januar auch eine Russendisko gegeben.

Bielefeld haben Sie gefunden?

Ja, die Stadt existiert. Die Leute dort haben mich schon vor vielen Jahren eingeladen, als alle anderen Städte in der Republik noch Angst vor den Russen hatten. Deswegen kann ich denen nichts abschlagen und mache gern Russendisko für sie. Das ist schon wie eine Freundschaft.

Haben Sie viele Freunde?

In nahezu jeder Stadt habe ich Bekannte und Freunde.

Wo fühlen Sie sich abgesehen von Berlin am wohlsten?

In Bremen.

Warum?

Die Bremer sind ein bisschen wie die Russen. Sehr liebenswerte Menschen, die sich aber schon ein wenig aufgegeben haben. Man möchte sie am liebsten mal ganzkörperlich bügeln. Man meint immer, noch die Daunen des Kopfkissens in ihren Haaren zu entdecken. Das finde ich sehr sympathisch. Und sie essen viel Fisch wie ich.

Essen Sie gern landestypisch, wenn Sie unterwegs sind?

Manchmal bleibt mir gar nichts anderes übrig, wenn ich irgendwo in der Pfalz bin und nur noch ein Gasthof geöffnet ist.

Mögen Sie deutsche Küche?

Ja. Einige Gerichte auf jeden Fall. Aber in letzter Zeit gibt es besonders in Berliner Lokalen so einen seltsamen Trend, irgendwelche ungeheuerlichen Rezepte aus dem Mittelalter wieder auf die Speisekarte zu setzen, von denen die Menschen damals wahrscheinlich Brechreiz bekamen. Euter mit Zwiebeln zum Beispiel. Innereien mag ich dagegen sehr gern. Das war ja immer schon die Küche der armen Menschen. So ein Steak kann jeder, aber versuch mal, Nierchen richtig zuzubereiten. Das ist hohe Kunst.

Kochen Sie selbst auch?

Sehr selten. Bei uns in der Familie wollen leider alle kochen.

Leider? Klingt doch gut...

Nicht wenn es in eine Art Konkurrenzkampf ausartet. Meine Mutter kocht zum Beispiel gerne Sülze. Das schmeckt mir und meiner Frau, aber nicht den Kindern, weil das Bild der Sülze nicht unbedingt mit dem Essensbild der Kinder übereinstimmt. Die Schwiegermutter mag die Sülze auch nicht, weil sie vom Kaukasus ist. Dann ist meine Mutter schon halb beleidigt, und fragt jeden Tag nach, ob wir die Sülze auch aufgegessen haben. Die Schwiegermutter kocht gerne Borschtsch. Das mag wiederum meine Mutter nicht, und ich auch nicht so gern, weil das Essen sehr schwer ist. Trotzdem müssen wir sie loben. Unser Sohn versucht sich an Rezepten wie Pasta mit Sardellen. Und alle bestätigen ihm, wie toll das schmeckt. Am nächsten Tag kocht unsere Tochter irgendeinen Quatsch mit Soße. Und meine Frau brutzelt ebenfalls. Wenn ich da auch noch mitmischen würde, hätten wir jeden Tag eine Blutfehde zu Hause. Also gehen wir lieber aus, in ein Fischlokal oder zum Vietnamesen.

Beschweren sich Ihre Kinder nicht, wenn sie Privates in Ihren Büchern wiederfinden?

Die sind ja damit aufgewachsen und kennen es nicht anders. Sie lieben die Geschichten und kommen gerne mit zu Lesungen. Ich schreibe nichts, was sie nicht vorher gegengelesen haben. Aber sie erzählen mir auch längst nicht mehr alles aus ihrem Privatleben. Ich weiß praktisch gar nichts über ihre Freunde und was sie mit ihnen besprechen und erleben. Wahrscheinlich befürchten sie, ich könnte das eine oder andere verwenden. Dafür kommen sie manchmal von sich aus mit Geschichten an, die sie für tauglich halten. Wenn ich mein nächstes Buch fertig habe, das von meiner Frau handeln wird, bin ich mit allen Familiengeschichten durch und endlich ein freier Mann. Dann kann ich schreiben, was ich will.

Das können Sie bei Ihrem Erfolg doch sowieso…

Mein Verlag möchte aber am liebsten Familienbücher von mir. Das wollen alle lesen und verkauft sich gut, sagen sie. Es war anfangs gar nicht so einfach, sie von meinem aktuellen Buch „Goodbye Moskau“ über die politischen Entwicklungen meiner Heimat zu überzeugen. Jetzt findet meine Verlegerin das Buch ganz hervorragend. Ich möchte auch gerne mal ein Buch über Flüchtlinge schreiben. Ich fahre ja quer durch Deutschland und schnappe viele Geschichten auf. Aber meine Agentin sagt: Mach das lieber nicht, die Leute sind von dem Thema überfüttert. Ich merke das ja selbst: Wenn ich im Taxi bin, schaltet der Fahrer sofort das Radio ab, wenn über Flüchtlinge geredet wird. Jetzt hat Trump das Thema abgelöst.

Was halten Sie von Trump, auch in Bezug auf Putin?

Amerika hatte noch nie einen so unerfahrenen Präsidenten und so ein schwaches Kabinett. Da sitzen Menschen auf Ministerposten, von denen sie absolut keine Ahnung haben, weil sie keine Politiker sind. Putin hat großes Glück, nun einen Gesprächspartner zu haben, der ein totes Eichhörnchen auf dem Kopf trägt, wie man in Russland schon witzelt. Fünf Fragen – und Putin hat Trump auseinandergenommen.

Was macht Sie da so sicher?

So ist er schließlich auch mit den Oligarchen umgesprungen, weil er festgestellt hat, dass Menschen, die über Nacht ihr Vermögen gemacht haben, große Schwächen zeigen. Oligarch Wladimir Gussinski zum Beispiel wollte irgendwann aus seinem Exil Spanien zurück nach Russland. Putin sagte ihm, er solle dafür seine Fernsehkanäle an den Staat verkaufen. Das tat der auch brav, aber zurück durfte er trotzdem nicht. Das ist Putins Judo-Politik: Er wartet auf die Fehler des Gegners und wirft ihn dann auf die Matte.

Putin agiert also nicht, sondern reagiert nur?

Natürlich agiert Putin auch, aber oft sehr subtil. Ein Beispiel: In Russland gibt es viele unterschiedliche Bewegungen, die politisch aktiv sind. Wohin mit deren Wut, Stimmungen und Forderungen? Da hat der „leitende Offizier“ mit der Ostukraine für sie ein wunderbares Schlachtfeld gefunden – und es sehr indirekt offenbart. Den Rechten sagte er, dass sie jetzt endlich für das Projekt Großrussland kämpfen können, den Linken, dass sie endlich mal gegen den kapitalistischen Westen die Ideen des Kommunismus verteidigen können. Auch sonstige Hitzköpfe konnten zum Kämpfen überzeugt werden. All diese Menschen sind hingefahren und jetzt tot. Es ist Ruhe im Karton. Zehntausend Unruhestifter sind umgekommen. Und Putin wäscht seine Hände in Unschuld, indem er betont, er konnte ja nicht jedem hinterherlaufen und sagen, denk noch mal darüber nach.

Denken Sie, dass die Ukraine nur der Anfang war?

Nur ein Träumer glaubt, dass die baltischen Länder in Sicherheit sind. Im Gegenteil, ich sehe sie in großer Gefahr. Stellen Sie sich vor, die russische Minderheit in Estland ruft um Hilfe, weil sie sich unterdrückt und schikaniert fühlt. Und irgendwelche ehemaligen russischen Soldaten ohne Abzeichen, aber mit Waffen, stehen plötzlich auf der Matte. Wird die Nato den Bündnisfall ausrufen?

Damit es nicht so weit kommt, verlegt die Nato ja gerade Truppen und Gerät ins Baltikum…

Darüber lächelt Russland doch nur müde. Der Verteidigungsminister sagte bereits: Früher brauchten wir drei Stunden, um Estland zu erobern, heute brauchen wir drei Stunden und 20 Minuten.

Wohin steuert Russland denn unter Putin?

Dem Land geht es jedenfalls immer schlechter.

Woran machen Sie das fest?

Ein Staat muss als Solidargemeinschaft einen Sinn und einen Zukunftsentwurf haben. Man braucht einen politischen Überbau. Die Menschen müssen ihre Wünsche definieren können, und eine Führung sollte sie respektieren und realisieren. Das ist aber mit der „Sicherheitsabteilung“ nicht zu machen. Für das Volk wird immer nur eine Art Fake-Politik inszeniert, es gibt keine echte Politik und auch keine Politiker. Diese Sicherheitsleute brauchen Russland nicht mehr, es ist eher ein Klotz am Bein für sie. Die machen längst ihre globalen Geschäfte woanders, mehr als die Hälfte von Putins Freunden hat ausländische Pässe. Einzig die Ölproduktion hält den ganzen Laden noch zusammen.

Frau Merkel ist fast so lange an der Macht wie Putin. Kein Problem für Sie?

Ich bin ein großer Fan von Kanzlerin Merkel. Sie sieht aus wie eine gemütliche Tante aus der Küche, die von nichts Ahnung hat außer Mathematik, aber in Wahrheit ist sie einer der weitsichtigsten Politiker überhaupt. In dieser Flüchtlingskrise wird sehr viel über Unsicherheiten und Risiken geredet. Zu Recht, aber auch typisch für die Deutschen: Sie reden immer schnell über die Nachteile und lassen die Vorteile außen vor. Der größte Schatz eines Landes sind die Menschen, die Geschichte hat doch bewiesen, dass kein Land durch Abwanderung glücklich geworden ist. Wenn es den Deutschen gelingt – und mit Merkel können sie das sehr gut –, diesen jungen Menschen Ehrgeiz statt Verzweiflung und einen Lebensentwurf statt Frustration zu geben, werden alle davon profitieren.

Fühlen Sie sich schon deutsch?

Europäisch.

Verblasst das Russische in Ihnen, oder wie dürfen wir den Titel Ihres neuen Buches „Goodbye Moskau“ verstehen?

Ich bin ein Moskauer und habe dort immerhin 23 Jahre meines Lebens verbracht. Ich wurde sozialisiert in einer sehr speziellen Umgebung, in der Sowjetunion. Das war ein großes Experiment, der erste und wahrscheinlich auch der letzte sozialistische Staat der Erde. Es war eine sehr spannende Reise, die ich auf keinen Fall noch mal machen möchte. Andere schauen hingegen mit Wehmut zurück, liegen wie Fische in einem trockengelegten Becken und gucken bedeutungsvoll. Ich nicht. Für mich war diese Reise mit der Auflösung der Sowjetunion vor 26 Jahren zu Ende, und eine neue Reise begann. Diese Erfahrung spiegelt sich in meinem Leben und in meinen Werten wider, diese Erfahrung ist auch ein Teil der Entstehung des heutigen Europas. Das kann man nicht trennen.

Sie klingen ja wie ein deutscher Politiker. Haben 27 Jahre Deutschland Sie verändert?

Wir haben uns zusammen verändert. Deutschland war ja ein ganz anderes Land, als ich ankam. Damals wussten sie nicht mal, was grüner Tee ist. Deutschland ist heute ein Turm zu Babylon, eine unglaubliche Mischung aus verschiedenen Kulturen und Lebensentwürfen. Ich sehe sehr viele Menschen, die Energie, Lust und Chuzpe haben, ein besseres Europa zusammen zu bauen. Es gibt natürlich immer Leute, die Angst haben und zitternd nach dem Rückwärtsgang suchen, weil sie meinen, ihr gewohntes Leben wird ihnen unter den Füßen weggerissen. Aber wenn ich auf die 27 Jahre in Deutschland schaue, sehe ich eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Und ich fühle mich glücklich in diesem Land.


Biografie

Wladimir Kaminer wird am 19. Juli 1967 als Sohn einer Lehrerin und des Vize-Direktors in einem Betrieb der sowjetischen Binnenflotte in Moskau geboren. Nach einer Ausbildung zum Toningenieur studiert Kaminer Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Nebenbei organisiert er Rockkonzerte. 1990 beantragt er als jüdischer Kontingentflüchtling Asyl in der damaligen DDR. Noch vor der Wiedervereinigung erhält er die DDR-Staatsbürgerschaft und folglich danach die bundesdeutsche Staatsbürgerschaft. 1995 lernt er in Berlin seine russische Frau Olga kennen, mit der er zwei Kinder hat. Im Lokal „Kaffee Burger“ organisiert Kaminer zusammen mit seinem Freund Yuri Gurzhy Veranstaltungen wie die „Russendisko“. So heißt auch sein erster Roman, der 2012 verfilmt wird. Kaminer veröffentlicht Bücher, CD-Sampler und schreibt lustige Kolumnen für Tageszeitungen. tac

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