3sat-Reihe „Wahnsinnswerke“ Goethes Faust als Spiegel der Zeit

Von Marie-Luise Braun

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Bibiane Beglau spricht in „Wahnsinnswerke“ über Verführung und die positiven Eigenschaften der Mephisto-Figur. Foto: ZDF/Martin KoboldBibiane Beglau spricht in „Wahnsinnswerke“ über Verführung und die positiven Eigenschaften der Mephisto-Figur. Foto: ZDF/Martin Kobold

Osnabrück. Es ist das zweite große Theaterstück, dem sich 3sat unter dem Titel „Wahnsinnswerke“ nähert: Faust. Ob daraus jetzt eine Reihe wird, entscheidet der Sender nach den Einschaltquoten. Verdient hat die Folge „Faust: Was hat uns Goethes Geniestreich heute noch zu sagen?“ von Ralf Dörwang viele Zuschauer.

Als er 21 Jahre alt war, hat Johann Wolfgang von Goethe die ersten Sätze seines „Faust“ geschrieben. Die letzten im Alter von 57 Jahren. 1808 hat er die erste Fassung veröffentlicht, 1829 wurde das Stück uraufgeführt. Über Jahrzehnte hat Goethe der Stoff beschäftigt, der jeden Menschen betrifft: die Suche nach Erfüllung und Erkenntnis, das Leben der Lust, das Ausloten von Grenzen und der ständige Kampf: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“

„Faust“ auf dem Spielplan

Im Deutschunterricht haben Generationen von Schülern das Stück gelesen. Und längst nicht alle sind in den Genuss gekommen, dass ein Lehrer oder Theaterpädagoge es ihnen so weit nähergebracht hat, dass sie die Fragen aus dem Buch auf ihr Leben übertragen oder zumindest in die aktuelle Zeit transportieren konnten. Manch einer wies seine Schüler einfach an, den Osterspaziergang auswendig zu lernen. Übrig geblieben sind in den Köpfen oft allein Zitate wie „Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ oder „Das also war des Pudels Kern.“ Aber das Stück und die Gedanken darin sind aktuell. Vor allem auch angesichts des Selbstoptimierungstrends, manche sprechen sogar von Selbstoptimierungswahn, der heutigen Zeit. Nicht umsonst findet sich in jeder Spielzeit mindestens ein Theater, das „Faust“ auf den Spielplan schreibt.

Moderne Varianten

Und nicht umsonst hat Thea Dorn im vergangenen Jahr mit ihrem Buch „Die Unglückseligen“ eine moderne Faust-Variante veröffentlicht, die die Gentechnik thematisiert. Die letzte bedeutende Veröffentlichung des Themas lag da 70 Jahre zurück. Es war Thomas Mann mit seinem „Doktor Faustus“. Alles das zeigt der Film von Ralf Dörwang: hochaktuell, vielschichtig, locker, intensiv und alles andere als trocken oder verstaubt. „Uns geht es darum, die bedeutendsten Werke des Theaters vorzustellen“, sagt Wolfgang Horn.

Vor allem eines soll der Beitrag nicht sein: „Ein wissenschaftliches Proseminar“, ergänzt der Redakteur im Bereich Theater & Festival bei 3sat im Gespräch mit unserer Redaktion.

Die beiden Folgen – die erste drehte sich um Shakespeares Hamlet – seien ein Versuchsballon gewesen. Bei Erfolg sollen weitere Beiträge folgen, beispielsweise über Stücke von Brecht, Schiller oder Büchner.

Nein, Dorns Buch sei nicht der Anlass für diese Folge gewesen, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung habe es die Pläne des Senders bereits gegeben, sich dem Faust zu widmen. „Aber uns kam es sehr gelegen.“ Und da Dorn immer eine gute Gesprächspartnerin sei, wurde sie gebeten, beim Film dabei zu sein.

Mehr als gelungen

Die Auswahl der Interviewpartner ist mehr als gelungen. Da erläutert Bibiana Beglau, die am Münchner Residenztheater die Rolle des Mephisto übernommen hat, ihre ganz eigenen Gedanken zu dem Stück, ebenso wie der Regisseur Nicolas Stemann, der 2011 eine acht Stunden dauernde Version am Hamburger Thalia-Theater brachte. Nur eines gibt es an dem Film zu bemängeln: Mit 45 Minuten Dauer ist er viel zu kurz. Es ist viel zu wenig Zeit, um all den Fragen auf den Grund zu gehen, die nicht nur das Werk in sich vereint, sondern die es heute noch so spannend machen. Viel zu kurz die Gesprächseinschübe mit Wissenschaftlern, Regisseuren, Schauspielern und Schriftstellern.

Ein eigener Look

„Wir wollten es nicht überreizen“, meint Wolfgang Horn dazu, „Fernsehzuschauer für Literatur und Kunst zu begeistern ist nicht die einfachste Übung.“ Sicher hätte der Stoff auch eine längere Fassung getragen, aber: „Natürlich wird man einem Werk wie Hamlet oder Faust nicht umfassend gerecht.“ Allein über die Sprache könnte man eine ganze Folge machen. „Aber das wäre dann eine völlig andere Reihe.“

Bislang sei der Sender sehr zufrieden mit den Reaktionen. So zeige sich, dass bei der Hamlet-Folge nicht nur das kulturinteressierte ältere Publikum eingeschaltet habe, sondern auch „viele junge Leute“. In der 3sat-Redaktion freue man sich, zwei unterschiedliche Gruppen erreicht zu haben. Dafür sei mit der Hamburger Produktionsfirma Nordend Film ein eigener Look kreiert worden, sagt Wolfgang Horn.

Wahnsinnswerke: Faust. Was hat uns Goethes Geniestreich heute noch zu sagen? Samstag, 11. Februar, 21.35 Uhr, 3sat.


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