Einfühlsamer Film Sendung 37°: In Würde und selbstbestimmt sterben

Von Thomas Klatt

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Will ihrer Familie die Betreuung am Ende ihres Lebens nicht zumuten: Andrea hat Lungenkrebs und möchte im Hospiz sterben.Foto: ZDF/Yves SchurzmannWill ihrer Familie die Betreuung am Ende ihres Lebens nicht zumuten: Andrea hat Lungenkrebs und möchte im Hospiz sterben.Foto: ZDF/Yves Schurzmann

Mainz. Die Sendung 37° Grad hat drei Menschen begleitet, die laut Diagnose nicht mehr lange zu leben haben. Einfühlsam zeigt der Film den Sterbeprozess der Protagonisten.

Nein, ein Werbefilm für die Sterbehilfe ist es nicht geworden, aber auch kein gar kirchlich motivierter Beitrag dagegen. Moralische Urteile oder gut gemeinte Ratschläge, was denn nun der richtige, falsche oder gar beste Abgang aus dem Hier und Jetzt ist, unterbleiben. Vielmehr ist es den Autoren Yves Schurzmann und Ravi Karmalker gelungen, drei Menschen einfühlsam zu begleiten, die laut Diagnose nicht mehr lange zu leben haben.

Eine Hilfe bei der Recherche sei gewesen, dass das etablierte ZDF-Format bei den Protagonisten einen Vertrauensvorschuss genoss, sagen die Autoren. Mittlerweile wären die Bürger medienkritischer und würden sich genauer überlegen, welche Kamerateams sie in ihr Haus lassen. Auch hätten sich die Familien vom ZDF-Dreh immer zurückziehen können, es habe da seitens des Senders keinen Druck gegeben. Zum Glück sind aber alle Protagonisten über die Monate bis zum Ende dabei geblieben. Jeder äußert seine eigenen Ideen, wie er aus dem Leben scheiden möchte. Vor allem in Würde und selbstbestimmt, das ist für alle ein gemeinsamer Nenner.

Da ist Klaus V. aus Herne, ein ehemaliger Schausteller, den man sich gut auf der Cranger Kirmes vorstellen kann. Ein gestandener Familien-Vater und treuer Schalke-Fan. Er leidet an ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, eine unheilbare Krankheit, die das Nervensystem und die Muskeln lähmt. Irgendwann wird er ersticken. So lange will er aber nicht warten. Im Garten hat er sich schon mal einen Strick am Baum zurecht geknotet. „Wenn ich die Socken nicht mehr alleine anziehen kann und Arsch abputzen, dann ist Schluss“, sagt er.

Seine Tochter aber hat ihm das ausgeredet. Alternativ stellt ihm ein Palliativmediziner einen giftigen Medikamentencocktail bereit. Seine Freunde und Nachbarn wissen von all dem nichts. Noch hält er am Leben fest, schmiedet sogar noch Pläne, eine Ballonfahrt vielleicht oder eine Reise nach Marokko.

Die Ergotherapeutin Antje W. aus Dessau hat zwei 12 und 19 Jahre alte Kinder. Die alleinerziehende Mutter hat Lungenkrebs im Endstadium. Sterbehilfe kommt für die 37-Jährige nicht in Frage. Sie kämpft sich von einer Chemo zur nächsten Immuntherapie und Bestrahlung, Monat für Monat. Jede medizinische Möglichkeit nimmt sie wahr, ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen, um möglichst lange bei ihren Kindern sein zu können. Bei einem Foto-Shooting setzt sie sich eine Papier-Krone auf, „Fuck you cancer!“ seht darauf, da sitzt sie schon im Rollstuhl. „Ein Jahr habe ich geschafft! Hab jetzt zwei Mal im Jahr Geburtstag“, sagt sie stolz aber geschwächt in die Kamera.

Und dann ist da noch die 58-Jährige Andrea W. aus Baden-Württemberg, auch hier die Diagnose unheilbarer Lungenkrebs. Die katholische Diplom-Theologin ist als Krankenhausseelsorgerin mit den Sterbeprozessen bestens vertraut. Nun liegt sie selbst auf der Palliativstation. „Ich brauche die Sicherheit, dass jemand da ist, wenn ich Schmerzen habe und keine Luft mehr bekomme“, sagt sie. Ihrer Familie möchte sie ihre Betreuung und Pflege in den letzten Wochen ihres Lebens nicht zumuten.

Als Zuschauer erlebt man das Auf und Ab der Sterbeprozesse über Monate.

Der Rentner aus dem Ruhrgebiet macht seine Ankündigung schließlich wahr: „Ich will so sterben, wie ich gelebt habe - selbstbestimmt, mit erhobenem Haupt und nicht als Pflegefall!“ Seine Tochter findet ihn, Tablettenreste im Glas, noch ein Abschiedsbrief. Sie hätten in den letzten Wochen noch viel gelacht, er sei voll gut glücklich aus dem Leben gegangen, sagt sie.

Die Mutter aus Dessau verliert schließlich ihren Kampf gegen den Krebs. Dass ihr 19-jähriger Sohn noch in Ruhe seine Prüfungen machen konnte, das hat sie nicht mehr geschafft.

Im dritten Fall aber passiert ein kleines Filmwunder. Nach der Chemotherapie sind die Nebenwirkungen abgeklungen. Die Theologin kann wieder laufen, wird entlassen und erlebt einen fast beschwerdefreien Sommer zu Hause. Das Todesurteil der Ärzte war offensichtlich eine Fehl-Diagnose. Die Sendung ist insgesamt ein gelungener Film zu der Frage, wie jeder von uns sterben möchte. Eine ideale Antwort kann es darauf gar nicht geben, sondern immer nur eine je persönliche und höchst individuelle.

37°: Ich sterbe wie ich will – Entscheidung am Ende des Lebens – ZDF, 22.15 Uhr.


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