Wegen Voyeurismus und Schadenfreude Nichts für Kinder: Medienexperten kritisieren „Dschungelcamp“

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Diese zwölf Prominente kämpfen 2017 im TV-Format „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ um die Dschungel-Krone. Foto: RTL / Stempell/Skowski, Grafische Bearbeitung: Stephan LangerDiese zwölf Prominente kämpfen 2017 im TV-Format „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ um die Dschungel-Krone. Foto: RTL / Stempell/Skowski, Grafische Bearbeitung: Stephan Langer

Osnabrück. Die Medienpädagogen von Flimmo warnen vor Fernseh-Formaten wie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“. Die Sendung vermittle ein fragwürdiges Menschenbild und schüre Voyeurismus und Schadenfreude. Der Sender RTL setzt auf das Verantwortungsbewusstsein der Eltern.

Kinder sollten das RTL-Format „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ nicht schauen, heißt es auf der Homepage von „Flimmo“, einem Portal für Medienerziehung aus München. „Flimmo“ ist eine Programmberatung für Eltern und bewertet, ob Fernsehsendungen für 3- bis 13-Jährige geeignet sind. Die Sendung sei gespickt mit Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen. „Der Zuschauer wird zum Voyeur gemacht, Häme und Schadenfreude sind die wesentlichen Bestandteile der Sendung. Wie Menschen hier in gefährlichen, peinlichen und ekligen Situationen bloßgestellt werden, vermittelt ein fragwürdiges Menschenbild“, urteilen die Medienpädagogen. Die Schadenfreude des Publikums werde angestachelt, Kandidaten würden abgewertet und es werde zur Abstimmung aufgerufen, wer die nächste „Mutprobe“ bestehen soll.

Jüngeren Kindern im Grundschulalter sollten solche Sendungen bestenfalls erspart bleiben, rät das Portal. Geschützt seien diese nicht automatisch, nur weil das Format nach 21 Uhr ausgestrahlt werde. Das mediale Echo, Mediatheken oder Apps machen es dennoch möglich, dass Kinder die Sendung oder Ausschnitte daraus sehen, und das Dschungelcamp sei oft Gesprächsthema auch auf Schulhöfen.

Auch ungeeignet für ältere Kinder

Die Medienpädagogen raten Eltern zudem, solche Formate mit älteren Kindern kritisch zu reflektieren. „Wird der Gruppendruck und die Neugierde zu groß, können Eltern mit älteren Kindern gemeinsam eine Folge ansehen“, rät das Portal. Entscheidend sei, Kinder zu vermitteln, dass eine solche Sendung inszeniert ist und nicht das „wirkliche“ Leben abbildet. „Fragwürdige Vorbilder und eine medial inszenierte Wirklichkeit können auf diese Weise entschlüsselt werden“, schreiben die Pädagogen.

„Setzen auf die Verantwortung der Eltern“

RTL wies in einer Stellungnahme daraufhin, kein Kindersender zu sein und dass die Verantwortung bei den Eltern liege. „RTL ist sich seiner besonderen Verantwortung als Programmanbieter bewusst. Alle genannten Formate durchlaufen eine permanente interne vorherige Kontrolle durch unseren internen Jugendschutz“, teilte der Privatsender mit. Häufig würden bestimmte Sendungen schon im Vorfeld den zuständigen Institutionen zur Freigabe vorgelegt. „Grundsätzlich gilt aber auch: RTL ist kein Kindersender und richtet sich mit seinem Programm vornehmlich an Erwachsene und Jugendliche.“ Für das Kinderprogramm sei der Schwestersender Super RTL zuständig. „Wir setzen auf die Verantwortung der Eltern über das TV-Programm ihrer Kinder zu entscheiden.“

Kritik an „Deutschland sucht den Superstar“

Doch nicht nur mit dem „Dschungelcamp“ geht das Portal Flimmo hart ins Gericht: Zu den kritisierten Fernseh-Sendungen gehören außerdem das Format „Bachelor“ (RTL), „Germany‘s next Topmodel“ (ProsSieben) und „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL). Auch Kuppel- und Castingsshows würden schlechte Werte, Normen und Rollenbilder vermitteln. Bei „DSDS“ würden „verunglückte Auftritte talentfreier Kandidaten“ ausgeschlachtet, bemängeln die Pädagogen an der Castingshow mit Dieter Bohlen. „Die Sendung vermittelt vor allem eine Botschaft: Um Erfolg zu haben, muss man bereit sein, sich dem Werturteil einer höheren Instanz zu unterwerfen. Individualität, Kreativität und kritisches Denken bleiben dabei auf der Strecke.“

Kritik am Format „Bachelor“

Beim „Bachelor“, bei dem junge Frauen um einen Mann buhlen und um die letzte Rose kämpfen, kritisiert „Flimmo“ Vorstellungen von Liebe und Beziehung, die „aus pädagogischer Sicht haarsträubend“ seien. „Die Kandidatinnen bieten sich ihrem Märchenprinzen an, um endlich ihre Erfüllung zu finden. Dabei sind Äußerlichkeiten ausschlaggebend: Attraktiv, sexy und anschmiegsam müssen die Kandidatinnen sein.“ Außerdem werde die „Stutenbissigkeit“ als typisch weibliches Verhalten implementiert.

Kritik an „Germany’s Next Topmodel“

Nach ähnlichen Spielregeln funktioniere auch Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ auf ProSieben: Dabei werde ein „Frauenbild von vorgestern“ verbreitet. „Das Ideal vom makellosen Körper und von bedingungsloser Anpassung ist für junge Zuschauer doppelt problematisch: Statt selbstbewusst die eigene Individualität samt körperlicher Eigenheiten zu akzeptieren, wird ein mediales Schönheitsideal zur Messlatte.“ (mit dpa)


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