Eva Mattes‘ Tatort-Ausstand Heute Abend letzter Tatort vom Bodensee: Ein Fassbinder-Fest


Osnabrück. Der Tatort heute Abend ist der letzte vom Bodensee. Und zugleich der außergewöhnlichste mit Eva Mattes. Nicht nur sie, sondern gleich drei weitere legendäre Frauen aus der großen Ära des Rainer Werner Fassbinder standen vor der Kamera – ein echtes Abschiedsgeschenk.

Es hätte wohl niemand erwartet, aber dieser Tatort ist tatsächlich ein Fest. Nein, nicht weil wir damit Klara Blum (Eva Mettes) und ihre schon lange schwächelnden Folgen vom Bodensee endlich los sind. Nicht, weil, der Krimi extrem spannend oder gar lustig wäre. Und natürlich auch nicht, weil die Mordopfer ein diabolisch predigender Rechtspopulist und ein windiger Anlagebetrüger sind.

Der Film ist ein Fest, das der SWR seiner Kommissarin beziehungsweise deren Darstellerin ausrichtet. Dass Eva Mattes ihre Karriere in den Filmen der Regie-Legende Rainer Werner Fassbinder begann, ist bekannt. Dass sie aber nun in ihrem letzten Tatort auf all die anderen großen Fassbinder-Frauen trifft, macht diesen Film zu einem Ereignis.

Anarchisches Trio

Hanna Schygulla, Margit Carstensen und Irm Hermann begegnen als exzentrisch-anarchisches Trio und „Schwestern im Geiste“ in einem heruntergekommenen Haus am See der ermittelnden Eva Mattes – das ist zumindest eine dicke Fußnote in der deutschen Filmgeschichte und ein Geschenk an die Hauptdarstellerin, das schöner kaum sein könnte. Zumal dieses Trio dem Film eine heiter-morbid-melancholische Stimmung verleiht, die lange nachschwingt. Regisseurin Aelrun Gotte wollte, dass man Klara Blum am Ende ein bisschen vermisst.

Aelrun Goettes starker Film „Im Zweifel“.

Dabei wohnt schon dem Anfang ein wenig Ende inne. Klara Blum hat einen Urlaub in Portugal vorgetäuscht, um in Ruhe einen Termin bei ihrem Kardiologen in Konstanz wahrnehmen zu können. Und der stellt eine wahrlich niederschmetternde Diagnose: Die Kommissarin hat nicht nur zwei unentdeckte Herzinfarkte hinter sich, sondern sieht sich auch der Gefahr eines drohenden Herzmuskelrisses ausgesetzt. Und tatsächlich wird es ein Tatort mit (krankem) Herz: Immer wieder verschwimmt das Bild, wenn es die Perspektive der bedrohlich schwächelnden Ermittlerin einnimmt.

Real, irreal, surreal

Doch es verschwimmt noch mehr in diesem außergewöhnlichen Krimi. Real, irreal, surreal – die Ebenen wechseln ständig, und wer gerade noch geschmunzelt hat, wird im nächsten Moment wieder von den Grausamkeiten unserer Welt eingeholt.

Über allem aber schwebt geradezu dieses unglaubliche Trio betagter Filmlegenden. Sathyan Ramesh, der zusammen mit Regisseurin Aelrun Goette das Buch zu „Wofür es sich zu leben lohnt“ schrieb, bezeichnet es im Info des SWR als „Geschenk, wenn man für Frau Hermann, Frau Carstensen und Frau Schygulla schreiben darf“. Zu Recht.

Begegnung mit Idolen

Ähnlich wie bei deren Partner Matthias Habich habe er zunächst das Gefühl gehabt, der Filmgeschichte höchstselbst zu begegnen. „Und wenn man schließlich in einem Raum mit ihnen ist, wie bei der Leseprobe, werden sie plötzlich gleichzeitig einerseits zu überlebensgroßen Idolen und andererseits zu bezaubernden jungen Damen[…], denen man unbedingt gefallen möchte.“

Diesem Zauber kann man auch als Zuschauer kaum entgehen, selbst wenn man keinen einzigen Fassbinder-Film gesehen hätte. Fast wünscht man sich, es gebe in diesem Tatort gar keine Kriminalfälle, die doch nur von dieser wunderbaren Alt-Damen-Clique abzulenken scheinen. Doch Regisseurin Aelrun Goette wollte auch „eine Geschichte über unsere Zeit erzählen, die aus den Fugen ist und sich den bösen Mantel der humorvollen Leichtigkeit überwirft. Eine poetische Parabel, die in der Frage mündet, wem und warum man sich beugt.“ Diesen Anspruch hat sie erfüllt. Dass Julia Jäger (mal wieder) eine grandiose Rolle als Witwe des Rechtspopulisten spielt, macht diesen Krimi endgültig zu einem beeindruckenden Frauenfilm.

So stark war Julia Jäger im letzten Kölner Tatort.

„Wofür es sich einzuschalten lohnt“

Nein, Eva Mattes und ihr Bodensee-Tatort haben es uns nicht immer leicht gemacht und wurden mit den Konsequenzen konfrontiert. Vor fast zwei Jahren setzte das lange Sterben ein, im Dezember 2014 verkündete der SWR das Aus für Klara Blum und ihren Assistenten Perlmann (Sebastian Bezzel), vor Jahresfrist gab es dann die schockierend schwache Folge „Cote d’Azur“.

So schlecht war der Tatort „Cote d‘Azur.

Auch diesmal werden sich die Geister scheiden an einem Film, der nicht allen gefallen kann und wird. Aber am Ende wird der eine oder andere den 31. und letzten Bodensee-Tatort wohl doch der Kategorie „Wofür es sich einzuschalten lohnt“ zuordnen. Und Eva Mattes ein bisschen vermissen.

Die Nachfolge des Bodensee-Tatorts tritt dann im nächsten Jahr der Schwarzwald-Tatort mit Hans-Jochen Wagner, Eva Löbau und Harald Schmidt an.

Der neue Schwarzwald-Tatort.

Tatort: Wofür es sich zu leben lohnt – Das Erste, Sonntag, 4. Dezember, 20.15 Uhr.


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