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Tatort mit Furtwängler und Milberg Darum ist der 1000. Tatort so stark


Osnabrück. Es ist so weit: Das Erste zeigt den 1000. „Tatort“ – und er heißt so wie der erste: „Taxi nach Leipzig“ mit den NDR-Ermittlern Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Klaus Borowski (Axel Milberg) ist eine würdige Jubiläumsfolge – spannend bis zum überraschenden Abspann.

Am Anfang ist die Langeweile. Nachdem der Zuschauer kurz in die Gedankenwelt eines Taxifahrers eingeführt wurde, der sich immer wieder sagen muss, es ein ganz normaler Tag, ist sie da: Die Langeweile einer polizeilichen Fortbildung. Zwei unter vielen Teilnehmern: Die niedersächsische LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm und der Kieler Kommissar Klaus Borowski. Mit nahezu eingeschlafenen Gesichtern folgen sie einem Seminar zu Deeskalationsstrategien, dessen interessanteste Facette die belegten Brötchen sind, die hilfreiche Geister herbeischaffen.

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Das letzte dieser Appetithäppchen stibitzt Lindholm wenig später dem Kollegen Borowski weg und zieht sich dadurch dessen Unmut zu. Es wird die einzige wirklich lustige Szene in einem Krimi bleiben, der nicht auf die „Tatort“-übliche Prise Humor setzt, sondern voll und ganz auf ein anderes Element: Spannung.

Hier gibt es ein ausführliches Interview mit Maria Furtwängler zum Tatort.

Todesangst statt Humor

„Der NDR hat mir keine Humorvorgaben gemacht,“ sagt Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph dazu im Gespräch mit unserer Redaktion. „Menschen, die als Geiseln in einem Auto sitzen, sind nicht humorvoll, die haben Todesangst.“

Lesen Sie hier das komplette Gespräch mit Alexander Adolph.

Diese Geiseln im Auto sind Lindholm und Borowski. Sie haben die Braunschweiger Polizeiakademie verlassen, weil sie Besseres vorhaben: Nach Hause fahren. Doch auf die dozierte Deeskalation folgt die tatsächliche Eskalation.

Tödlicher Einzelkämpfergriff

An einer Bushaltestelle warten sie gemeinsam mit dem älteren Kollegen Affeld (Hans Uwe Bauer), der Borowski schon während des Seminars mit seiner Penetranz auf die Nerven gegangen ist. Als ein Taxi vorbeikommt, sehen sie die Chance, auf schnellstem Weg zum Bahnhof zu kommen – und steigen zu dem Fahrer, den der Krimi eingangs eingeführt hat.

Dieser Rainald Klapproth, brillant dargestellt von Florian Bartholomäi, platzt fast vor innerer Anspannung: Die Freundin hat den früheren Afghanistan-Kämpfer wegen seines Vorgesetzten verlassen und will ihn nun in Leipzig heiraten. Als Affeld auch ihn nervt und zum Anschnallen zwingen will, bricht sich die Anspannung Bahn: Ein einziger Einzelkämpfergriff – und der alternde Polizist sackt tot neben dem jungen Ex-Soldaten zusammen.

Lesen Sie hier: Folrian Bartholomäi mit jungen Jahren schon ein alter Tatort-Hase.

Auf engstem Raum

Klapproth nimmt Lindholm und Borowski als Geiseln, macht sich mit ihnen auf den Weg nach Leipzig. Und die so unterschiedlichen und sich alles andere als sympathischen Kommissare ahnen, dass es für sie eine Fahrt in den Tod werden wird, wenn ihnen nicht die rettende Idee kommt.

Grimme-Preisträger Adolph, der übrigens auch die Idee hatte, diesen „Tatort“ so zu nennen wie den ersten, hat seinen packenden Krimi größtenteils auf engstem Raum inszeniert: im Taxi. Etwa sieben Tage habe er mit Team und Schauspielern unter extremen Bedingungen gedreht, zunächst ganze Nächte bei Regen, Schnee und Minusgraden auf niedersächsischen Wiesen und Autobahnstücken zugebracht und dann die Taxiszenen gedreht: „Wobei wir zwei aufgesägte und ein ganzes Taxi hatten und noch einen Volvo. Und da gab es in positiver Hinsicht durchaus so etwas wie einen Lagerkoller. Die Rollen schlugen sich auf die Personen durch, mit all den dazugehörigen Reibereien.“

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Tatort mit Denkblasen

Einig sind sich die Polizisten auf der Rückbank nämlich nur in einem: ihrer Hilflosigkeit. „Die beiden haben sehr unterschiedliche Standpunkte,“ beschreibt Adolph das Verhältnis von Lindholm und Borowski. „Sie sind unterschiedlich ehrgeizig, haben unterschiedliche Auffassungen von Fleiß. Charlotte ist eine einsame Wölfin. Klaus ist Chef und delegiert auch mal. In einem Punkt sind sich zu Beginn aber einig: Dass sie selber viel mehr Ahnung haben als der andere. Und dass der andere nervt.“

Lesen Sie hier: Das sind die Tatort-Favoriten der Fernsehschaffenden.

Außergewöhnlich an diesem „Tatort“: Der Regisseur arbeitet viel mit sogenannter Overvoice-Technik – Stimmen aus dem Off verraten, was die Figuren denken: „Die Personen in diesem Tatort tun und planen extreme Dinge. Warum sie das tun und was sie bezwecken, begreift man erst, wenn man versteht, was die sich dabei denken. Auch weil sie voreinander nicht die Wahrheit sagen können. Und diese Diskrepanz ist ein Spannungselement - wie beim Comic die Denkblase.“

Außergewöhnlicher Abspann

Es ist nicht der einzige Aspekt, der diesen „Tatort“ von den 999 zuvor ausgestrahlten Folgen unterscheidet. Auch die Musik beim Abspann ist eine andere als die altvertraute, auch wenn sie mit der viel zu tun hat: „Es ist die Melodie von Klaus Doldinger, welche die beiden Komponisten Christoph M. Kaiser und Julian Maas – nur für diesen Anlass - neu interpretiert haben,“ verrät Alexander Adolph. „Wir hoffen sehr, dass es in seinem Sinne ist.

Sehenswert ist übrigens auch die Dokumentation „Sonntagsmörder – Ermittlung über 1000 Tatorte“, durch die Ulrike Folkerts gleich im Anschluss an den Jubiläums-„Tatort“ führt.

Hier gibt es einen Trailer zum 1000. Tatort.

Tatort: Taxi nach Leipzig, ARD, Sonntag, 13. November, 20.15 Uhr


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