„Taxi nach Leipzig“ am Sonntag Alexander Adolph - der Mann, der den 1000. Tatort drehte


Osnabrück. Am Sonntag zeigt das Erste den 1000. Tatort: „Taxi nach Leipzig“. Grimme-Preisträger Alexander Adolph schrieb das Drehbuch und führte Regie. Im Interview erklärt Adolph, wie er diesen außergewöhnlichen und starken Krimi drehte:

Herr Adolph, der 1000. Tatort bringt mit Charlotte Lindholm und Klaus Borowski zwei Kommissare zusammen, die noch nie gemeinsam in einem Krimi zu sehen waren. Was war für Sie das Schwierige daran?

Schwierig war es eigentlich nur so lange, wie ich nicht wusste, ob die Konstellation zeitlich auch klappt. Maria Furtwängler und Axel Milberg sind mein Traumpaar gewesen – auch weil sie keine gemeinsame Tatort-Erfahrung mitbrachten. Daraus entsteht eine besondere Form von Reibung. Und weil sie ja zwei Alphatiere in einer ausweglosen Situation spielen, war das für uns alle ein großes Geschenk.

Die beiden passen also gut zusammen, weil sie nicht zusammenpassen?

Ja. Die beiden haben – wohlgemerkt als Kommissare – sehr unterschiedliche Standpunkte. Sie sind unterschiedlich ehrgeizig, haben unterschiedliche Auffassungen von Fleiß. Charlotte ist eine einsame Wölfin. Klaus ist Chef und delegiert auch mal. In einem Punkt sind sich zu Beginn aber einig: Dass sie selber viel mehr Ahnung haben als der andere. Und dass der andere nervt. Und dann sind sie noch unterschiedlichen Geschlechts.

War der Titel „Taxi nach Leipzig“ vorgegeben, weil der erste „Tatort“ auch schon so hieß?

Der Titel war nicht vorgegeben, im allerersten Tatort ging es ja um ein Familiengeheimnis im geteilten Deutschland. Es war meine Idee, dessen Titel „Taxi nach Leipzig“ quasi als Assoziation zu nehmen. Und zu fragen, was würde passieren, wenn Leute in einem Taxi nach Leipzig sitzen und da vielleicht gar nicht hinwollen. Weil sie da vielleicht nicht freiwillig sind. Und aus dieser Idee ist dann eine Geschichte entstanden, in der ein Taxi allerdings aus anderen Gründen und in einem anderen Deutschland als vor 46 Jahren nach Leipzig fährt.

Es tauchen einige Figuren aus der „Tatort“-Geschichte auf – Karin Anselm, Hans Peter Hallwachs, Günter Lamprecht und Friedhelm Werremeier. Was hat es mit denen auf sich?

Das ist ein Hommage und ein Wiedersehen mit vier Menschen, die für die Entstehung des Tatorts ganz ganz wichtig waren. Es freut mich sehr, dass wir sie dafür gewinnen konnten, mitzumachen.

Mittlerweile muss ja fast jeder „Tatort“ zumindest ein bisschen witzig sein. Ausgerechnet im 1000. „Tatort“ sind solche Szenen die totale Ausnahme.

Der NDR hat mir keine Humorvorgaben gemacht. Es gibt aber auch in unserem Film Szenen, die mancher Zuschauer lustig finden könnte. Es ist nur so: Menschen, die als Geiseln in einem Auto sitzen, sind nicht humorvoll, die haben Todesangst. Das Wesentliche an dieser Konstellation ist die zwischenmenschliche Spannung, nicht der Witz.

Sie haben ja nicht nur Regie geführt, sondern auch das Buch geschrieben – welche Vorteile hat das für Sie?

Wenn ich beide Aufgaben übernehme, weiß ich als Autor, dass der Regisseur mich verstanden hat. Und als Regisseur habe ich das Einverständnis des Autoren, Dinge anders zu machen als im Buch , im schlimmsten Fall auch Dialoge neu zu schreiben. Das war bei „Taxi nach Leipzig“ aber nicht nötig. Es sind zwei völlig verschiedene Arbeitsbereiche: Wenn ich schreibe, darf ich nicht daran denken, was es später kosten wird. Und als Regisseur bin ich der Spezialist fürs Machbare.

Wie zufrieden war der Regisseur Alexander Adolph mit dem Autor Alexander Adolph?

Abgesehen davon, dass der Autor im Sommer bei sehr komfortablen Temperaturen gearbeitet hatte und der Regisseur mit Team und Schauspielern nachts bei Regen, Schnee und Minusgraden auf niedersächsischen Wiesen und Autobahnstücken stand, war ich sehr zufrieden.

Maria Furtwängler ist bekannt dafür, dass sie sich gern in die Bücher einmischt – hat sie es bei „Taxi nach Leipzig“ auch getan?

Wir hatten ein einziges Buchgespräch und das war ein extrem gutes konstruktives. Sie hat eigentlich nur an einer Stelle Änderungsvorschläge gemacht – als es um die Angst der kleinen Charlotte Lindholm geht. Und das war sehr hilfreich.

Sie haben relativ viel mit „Overvoice“ gearbeitet – die Zuschauer hören also, was die Figuren denken. Für einen „Tatort“ ist das eher außergewöhnlich – warum macht es in Ihrem Film Sinn?

Die Personen in diesem Tatort tun und planen extreme Dinge. Warum sie das tun und was sie bezwecken, begreift man erst , wenn man versteht, was die sich dabei denken. Auch weil sie voreinander nicht die Wahrheit sagen können. Und diese Diskrepanz ist ein Spannungselement - wie beim Comic die Denkblase. Der Zuschauer dieses Tatorts hat streckenweise die Möglichkeit, in die Hauptpersonen reinzugucken.

Wie lange haben Ihre Schauspieler in diesem aufgesägten Taxi sitzen müssen?

Etwa sieben Tage. Wobei wir zwei aufgesägte und ein ganzes Taxi hatten und noch den Volvo. Davor waren wir zweieinhalb Wochen hauptsächlich nachts auf Niedersachsens Straßen unterwegs. Vom Gefühl her eine sehr lange Zeit. Und da gab es in positiver Hinsicht durchaus so etwas wie einen Lagerkoller. Die Rollen schlugen sich auf die Personen durch, mit all den dazugehörigen Reibereien.

Der Abspann ist ganz anders als sonst beim „Tatort“.

Es ist die Melodie von Klaus Doldinger, welche die beiden Komponisten Christoph M. Kaiser und Julian Maas – nur für diesen Anlass - neu interpretiert haben. Und wir hoffen sehr, dass es in seinem Sinne ist.


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