Interview zum 1000. Tatort Tatort-Melodie macht Maria Furtwängler früher Angst


Hamburg. Diese Rolle dürften ihr etliche Kollegen neiden: Maria Furtwängler ist am Sonntag als niedersächsische LKA-Ermittlerin Charlotte Lindholm zusammen mit dem Kieler Kollegen Borowski (Axel Milberg) im 1000. Tatort „Taxi nach Leipzig“ zu sehen. In Hamburg erzählt sie von einem Dreh auf engstem Raum, der Einsamkeit ihrer Figur, einem Ladendiebstahl als Schülerin und der Angst, die ihr als Kind die Tatort-Melodie machte:

Frau Furtwängler, kurz nach Ihrem 50. Geburtstag nun der 1000. „Tatort“ – es ist ein runder Herbst für Sie. Auch ein rundum gelungener?

(lacht) Ich kann mich eigentlich nicht beschweren. Mit dem 50. Geburtstag habe ich meinen völligen Frieden spätestens in dem Moment gemacht, als ich las, ich sei nun so alt wie Salma Hayek, Sophie Marceau und Halle Berry, die auch alle in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag gefeiert haben. Alles kluge Frauen, die viel erreicht haben und darüber hinaus verdammt attraktiv sind. In besserer Gesellschaft kann ich mich doch gar nicht befinden. Damit habe ich also schon mal kein Problem, und mit dem 1000. „Tatort“ natürlich auch nicht. Im Gegenteil – für mich ist es natürlich eine Auszeichnung, dabei zu sein.

Haben Sie Ihren Geburtstag denn ordentlich gefeiert?

Ja, ich bin jemand, die gerne feiert.

Werden Sie den 1000. „Tatort“ auch feiern?

Es ist für mich ja schon eine Tradition, mit Freunden und Familie zusammen zu gucken. Beim Film fehlt uns im Gegensatz zum Theater das unmittelbare Feedback des Publikums – da ist es schön, wenn man das nachholen kann. Das hat sich auch bewährt. Alle kommen gern, und dann diskutieren wir nachher, was cool war und was man hätte besser machen können. Für mich ist das ganz wichtig.

Sagen Ihre Gäste Ihnen tatsächlich, wenn ihnen mal etwas nicht so gut gefallen hat?

Ja, doch, ist auch schon vorgekommen. Dann gibt es Einwände wie „Das habe ich jetzt nicht geglaubt, dass du da ohne Waffe reingegangen bist“. Oder dass jemand etwas nicht verstanden hat. Ich finde das total interessant – wenn man es selbst gelesen hat und beim Drehen dabei war, hat man ja oft einen ganz anderen Blickwinkel.

Ihr Mann hat bei Ihrem ersten „Tatort“ nach fünf Minuten den legendären Satz gesagt „Ich langweile mich noch nicht“. Hat er sich im Laufe der Jahre irgendwann mal gelangweilt?

Wahrscheinlich, aber er hat es mir nicht gesagt (lacht).

Der 1000. „Tatort“ ist in mehrerlei Hinsicht außergewöhnlich – unter anderem dadurch, dass große Teile auf engstem Raum mit drei Leuten in einem Taxi gedreht wurden. Wie fühlt sich das an, wenn man drei Wochen lang derart beengt miteinander dreht?

Das ist eine Herausforderung, weil man furchtbar wenig Platz hat, einander aus dem Weg zu gehen. Man hockt einfach aufeinander und ist den Stimmungen und Macken der anderen furchtbar ausgeliefert. Und jeder hat so seine Möglichkeiten und Methoden, sich in den Vordergrund zu spielen. Das war nicht immer ganz konfliktfrei. Aber es ist auch spannend, wie ein Regisseur dann aus zwei Wildpferden wie Axel Milberg und mir einen Zweispänner macht. Irgendwann läuft es, und dann wird es interessant und herausfordernd.

Treffen sich zwei Wildpferde in einer Telefonzelle – gibt es da auch mal Lagerkoller?

Das gab’s schon ein- oder zweimal. Aber ich bin nicht jemand, der dazu neigt, groß auszurasten und diese dramatische „Ich tick jetzt mal aus“-Nummer hinzulegen. Dafür müsste schon wirklich sehr viel schieflaufen. Und das war nicht der Fall. Andererseits passten die Reibungen zwischen uns Schauspielern natürlich total zu unseren Figuren.

Sie wollten als kleines Mädchen immer ein Junge sein und im Stehen pinkeln können.

Und jetzt wollen Sie wissen, ob ich das heute kann? (lacht)

So weit würde ich niemals gehen. Stellen wir uns mal vor, dieser Wunsch wäre in Erfüllung gegangen...

(lacht) Sehen Sie – ich wusste, dass es in diese Richtung geht.

Nein, ich möchte nur wissen: Was für eine Art „Tatort“-Kommissar statt Kommissarin wären Sie geworden?

Na ja, vielleicht einer, der diese hinreißend klare, durchsetzungsstarke Männlichkeit kombiniert mit der Fähigkeit, sich in jemanden hineinzuversetzen, wirklich empathisch mit jemandem zu schwingen. Das wäre ein toller Kerl geworden.

Wer von den aktiven „Tatort“-Kommissaren kommt dem am nächsten?

Ich glaube, der muss noch erfunden werden.

Ihre Figur Charlotte Lindholm haben Sie kürzlich mal als so einsam beschrieben, dass Sie Ihnen leidtut. Wie konnte es so weit kommen, wo Sie doch selbst immer ein Auge auf die Drehbücher haben?

Es ist eine merkwürdige Geschichte, aber so eine Figur hat tatsächlich eine überraschende Eigendynamik, die man nicht mehr wirklich im Griff hat. Und übrigens auch nicht haben will. Ich hatte ja angeregt, dass sie unbedingt Mutter werden soll, weil im fiktionalen Fernsehen viel zu wenig erzählt wurde, dass berufstätige Frauen durchaus auch Mütter sind. Und natürlich wollte ich von meiner hingebungsvollen Mütterlichkeit ganz viel mit hineingeben. Aber es hat sich irgendwie gezeigt, dass Charlotte Lindholm im Unterschied zu mir keine begeisterte Mutter ist. Sie ist eher mit ihrem Beruf verheiratet und geht eben nicht in der Mutterrolle auf. Das war mir total fremd, und es ist sehr merkwürdig, aber die Lindholm hat tatsächlich ein Eigenleben, das ich immer nur ein bisschen steuern und korrigieren kann.

Sie hatten die Rolle der Charlotte Lindholm ja mal so lange ruhen lassen wollen, bis es gelungen ist, einen humorvollen Stoff für sie zu entwickeln.

Das ist fast richtig. Wir sind daran gescheitert, einen humorvollen Fall so zu erzählen, dass er meinen – vielleicht auch viel zu hohen – Ansprüchen genügt hätte. Was wir uns vorgenommen hatten, ist einfach nicht so gelungen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber das heißt nicht, dass ich erst wieder spiele, wenn es einen humorvollen Fall gibt. Trotzdem: Ich würde gern auch mal Komödie spielen – ob aber die Lindholm die geeignete Plattform dafür ist, weiß ich nicht.

Einsamkeit und Humor sind zwei Dinge, die sich schlecht zusammenführen lassen.

Oh doch. Natürlich kann ein extrem einsamer Mensch in der Überhöhung oder der Genauigkeit der Beobachtung dafür geeignet sein. Letztendlich haben wir Spaß, jemandem zuzusehen, wenn er mit seinen eigenen Dämonen kämpft. Den extrem einsamen Menschen müsste man dann zwingen, extrem sozial zu leben. Einer Lindholm müsste man vermutlich drei Flüchtlingsfamilien reinsetzen, damit daraus eine Komik entstehen kann. Das Missverständnis ist ja, dass Komödie nur da stattfindet, wo es ohnehin leicht und lustig ist.

Muss sich nicht jeder „Tatort“, der sich an Humor versucht, mit den Kollegen aus Münster messen lassen? Und hat er dann noch eine Chance?

Ich denke, dass die Münsteraner links und rechts von sich durchaus noch Platz lassen. Quotenmäßig natürlich nicht, da sind sie sehr verdient die unangefochtenen Kings. Aber ich glaube schon, dass es noch eine andere Möglichkeit für Humor im „Tatort“ gibt.

Sie legen gern selbst Hand an, wenn’s um die Drehbücher geht. Wie sehr konnten Sie sich beim 1000. „Tatort“ einbringen?

Gar nicht. Es ist auch nicht so, dass ich regelmäßig Hand anlege, das klingt doch übergriffig. Ich respektiere die Arbeit der Autoren, heute vielleicht noch mehr als vor fünf Jahren. Da habe ich viel dazugelernt. Und ich respektiere Alexander Adolph als Autor über alle Maßen.

Bis zu welchem Alter haben Ihre Eltern Ihnen eigentlich verboten, „Tatort“ zu gucken?

Sie haben einmal nicht so gut aufgepasst, als ich eindeutig noch zu klein war. Ich habe mich da reingeschlichen, während meine Eltern gebannt einen „Tatort“ schauten. Und da habe ich, hinter dem Sofa kauernd, Dinge gesehen, die ganz grauenvoll und gleichzeitig furchtbar spannend erzählt waren. Danach war diese „Tatort“-Melodie für mich über lange Zeit mit einem so großen Schrecken verbunden, dass ich mich verkrochen habe, wenn ich sie gehört habe. Ich habe dann erst ab meiner Volljährigkeit wirklich häufiger mal „Tatort“ geguckt.

Mit dem 1000. „Tatort“ ziehen Sie vermutlich den Neid vieler Kollegen auf sich.

Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Vermutlich hat eher der NDR den Neid anderer Sender auf sich gezogen. Aber wenn ihn nun schon mal der NDR hat, dann würde ich als Sender auch eine Frau mit ins Boot nehmen. Damit war ich ohne Frage eine fast unumgängliche Wahl (lacht).

Wie geht’s denn jetzt mit Charlotte Lindholm weiter? Sehen wir sie wirklich nur noch einmal im Jahr?

Ja. Es geht sehr spannend weiter, den nächsten Film inszeniert eine ganz junge Regisseurin – Anne Zohra Berrached, die auf der Berlinale mit „24 Wochen“ ihren Erstlingsfilm präsentiert hat. Bei einem anderen Format würde man sich das nicht trauen, aber der „Tatort“ macht es. Das ist das Tolle an diesem Format, dass es immer wieder diesen Spagat schafft zwischen Tradition und Aufbruch und eigentlich sehr experimentierfreudig ist. Das quasi eingebaute Interesse des Publikums und die Quote machen es möglich.

Warum bleiben Sie bei nur einer Folge pro Jahr? Der NDR und wohl auch das Publikum hätten wohl lieber zwei.

Weil es mir viel mehr Möglichkeiten für anderes gibt. Am 25. Februar haben wir Premiere mit einem sehr ausgefallenen Stück am Theater am Ku’damm in Berlin. Ein echtes Wagnis für mich, und ich freue mich schon sehr darauf. Außerdem gibt es auf sozialer und politischer Ebene Projekte, die mir am Herzen liegen.

Wotan Wilke Möhring hat mehrfach in Interviews eingeräumt, früher Autos geknackt zu haben. Wie steht’s um Ihre kriminelle Vergangenheit abseits des dem „Stern“ gegenüber eingeräumten Cannabis-Konsums und -Anbaus?

Ich erinnere mich lichterloh und ganz genau, wie ich als Zehn- oder Elfjährige mit Herzklopfen und einer Freundin nach der Schule in ein Kaufhaus in München gegangen bin. Das war so etwas wie eine Mutprobe, die ich nie vergessen werde. Ich habe da mit zittrigen Händen so einen Glitzerstift, den man sich ins Gesicht schmieren konnte, eingesteckt. Wir haben wohl eine halbe Stunde wachsbleich und schwitzend vor diesem Regal gestanden – meine Freundin hat sich nicht getraut, aber ich hab mich getraut. Es war furchtbar, aber für uns Kinder war das ein Thrill.


Maria Furtwängler

wird am 13. September 1966 als Tochter der Schauspielerin Kathrin Ackermann und des Architekten Bernhard Furtwängler in München geboren. Ihren Großonkel, den berühmten Dirigenten Wilhelm Furtwängler, lernt sie wegen seines frühen Todes nie kennen. Nach dem Abitur studiert sie im französischen Montpellier Medizin, macht ihren Doktor und arbeitet als Ärztin in München.

Nach einer frühen Kinderrolle in dem Film „Zum Abschied Chrysanthemen“ unter der Regie ihres Onkels Florian Furtwängler findet sie auch während des Studiums wieder ihren Weg als Schauspielerin ins Fernsehgeschäft: Ab 1986 agiert sie in TV-Serien wie „Eine glückliche Familie“ und „Hallo Onkel Doc“. Auch in Komödien und Melodramen ist sie zu sehen – unter anderem in Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen des ZDF. Ihre Neigung zum Kriminalistischen bringt sie auch in etlichen Produktionen wie „Der Alte“, „Fahnder“ oder „Siska“ auf den Bildschirm.

2002 ist Furtwängler erstmals als niedersächsische „Tatort“-Kommissarin Charlotte Lindholm zu sehen. Das Debüt „Lastrumer Mischung“ wird von 10,22 Millionen Zuschauern eingeschaltet, seitdem sind die Top-Quoten Maria Furtwängler in dieser Rolle treu. Dennoch tritt sie seit einiger Zeit in dieser Rolle kürzer und widmet sich wieder mehr dem Theater.

Vielseitig ist das soziale Engagement von Maria Furtwängler – gegen Krebs und für Kinder. Für die Hilfsorganisation „Ärzte für die Dritte Welt“ arbeitet sie wiederholt in den Elendsgebieten von Kalkutta und Nairobi und wird später Schirmherrin. Dafür erhält sie 2003 das Bundesverdienstkreuz. Als Schauspielerin wird sie unter anderem mit der Goldenen Kamera, dem Deutschen Fernsehpreis und der Romy ausgezeichnet.

Seit 1991 ist Maria Furtwängler mit dem 26 Jahre älteren Verleger Hubert Burda (Bild) verheiratet. Das Ehepaar lebt in München und hat zwei erwachsene Kinder.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN