Am Montagabend im ZDF Lenz-Verfilmung „Schweigeminute“ mit Jonas Nay

Von Susanne Haverkamp


Die erste große Liebe: aufregend, neu, hochemotional. Christian ist 18 und steht kurz vor dem Abitur, als er Stella sieht und sofort hin und weg ist. Das Problem: Stella ist seine neue Englischlehrerin. Das Wunderbare: Stella fühlt wie er.

„Solange ist meine erste große Liebe auch noch nicht her“, sagt Jonas Nay (26). „Da kann ich mich schon einfühlen. Und …“, lacht er, „ … in eine Lehrerin war ich auch schon mal verliebt.“ Aber nicht nur deshalb ist der talentierte Nachwuchsschauspieler die ideale Besetzung für die Rolle des „Christian“. Denn die Verfilmung der Novelle „Schweigeminute“ , die Siegfried Lenz 2008 als „Alterswerk“ verfasste, spielt an der Ostsee. „Ich stamme aus Lübeck“, erzählt Nay im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich liebe das Meer und werde immer ganz nervös, wenn ich längere Zeit nicht dort war.“

Christian ist der Sohn eines „Steinfischers“, große Teile der Handlung spielen am, im und auf dem Meer. „Die Szenen mit dem kleinen Motorboot auf der Ostsee waren ein großer Spaß“, sagt Nay. „Als wir gedreht haben, war ordentlich Wind, das war ganz nach meinem Geschmack.“ Weniger angenehm war es, „zum gefühlt hundertsten Mal – manchmal mit, manchmal ohne Klamotten – in die eisige Ostsee zu springen.“

Auf Bornholm gedreht

Gedreht wurde der Film auf der dänischen Insel Bornholm. „Wenn ich mir die deutsche Ostseeküste vorstelle, da wäre es schwierig geworden solche unberührten Flecken zu finden, solch ein kleines Hafenstädtchen, das noch für 1950 durchgeht“, so Nay. Bornholm dagegen sei in vielen Teilen „wunderbar ruhig und abgeschieden.“

Das Lob der Ruhe – es scheint fast seltsam für einen 26-jährigen Schauspieler, der in den letzten Jahren reihenweise Preise abgeräumt hat, etwa für „Homevideo“ (2012), für „Hirngespinster“ (2014) und für die Miniserie „Deutschland 83“ (2016).

Mit „Pudeldame“ auf Tour

„Für mich war lange nicht klar, ob die Schauspielerei mein Beruf werden soll“, sagt der ambitionierte Musiker, der im November mit seiner Band „Pudeldame“ auf Tour geht. „Als ich mit 14 als Kinderschauspieler anfing, war das sehr aufregend, sehr toll, aber ich habe das nicht als Berufsperspektive wahrgenommen.“ Auch bei seinen verschiedenen Drehs während der Oberstufe im Lübecker Johanneum war der Film „nicht mehr als ein Nebenjob“. „Gymnasiallehrer für Musik, das war eigentlich meine Berufsvorstellung“, erzählt Nay.

Und so ganz weg ist die Idee auch nicht. „Ich habe angefangen, Musik zu studieren, Schwerpunkt Jazzpiano“, erzählt er. „Ich habe ganz bewusst dem Film in den letzten anderthalb Jahren eine Pause gegeben und studiert.“ Aber gerade durch die Pause habe sich etwas verändert. „Ich habe gemerkt, wie sehr ich das alles vermisse, die Vorbereitungen, die Castings, die Drehs. Ich habe gemerkt, wie beschenkt ich bin und wie dankbar, dass ich das machen darf.

„Etwas Besonderes“

„Zum Beispiel einen Film wie „Schweigeminute“. „So eine Literaturverfilmung ist schon etwas Besonderes“, sagt Nay. „Als die Anfrage für das Casting kam, habe ich noch vor dem Drehbuch die Novelle von Lenz gelesen.“ Er fand sie „großartig“, aber auch schwierig umzusetzen in einen Film. „Ich war da zuerst sehr skeptisch, dann aber auch beeindruckt, wie die Autoren es geschafft haben, die Figuren zu fassen.“ Christian als hemmungslos verliebten Schüler, der aber viel reifer und „ganz anders drauf“ ist als seine Mitschüler. Und Stella (Julia Koschitz), die junge Frau, die nach Jahren in London in ihre alte Heimat zurückkehrt, um dort zu unterrichten und sich in einen Schüler verliebt. Unmöglich bis heute – ein unfassbarer Skandal in den 1950er Jahren.

„Es hängt alles daran, ob das Zusammenspiel zwischen den beiden funktioniert, ob die Zuschauer das glauben, was da passiert“, sagt Jonas Nay. Denn diese Liebe ist nicht nur skandalös, sondern auch ungleichgewichtig zwischen einer weltgewandten jungen Frau und einem unbedarften Jungen von der Küste, zwischen einer Lehrerin, die Zensuren verteilt und einem Schüler, dem der Schulverweis droht.

„Zusammenspiel mit Julia war großartig“

„Das Zusammenspiel mit Julia war großartig“, sagt Nay. „Wir waren uns schon beim Casting sehr einig, was die Beziehung der beiden angeht.“ Und auch was das Ungleichgewicht der Liebenden betrifft: „Das ist nur im Kontext der Institution Schule und angesichts der bürgerlich konservativen Konventionen in einem kleinen Hafenstädtchen der 50er Jahre ein Problem. Wenn die beiden allein ihre Ruhe haben, dann sind sie sich sehr ähnlich und passen gut zusammen.“ Was nichts daran ändert, dass die Geschichte tragisch endet.

Schweigeminute - ZDF, Montag, 31. Oktober, 20.15 Uhr


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