TV-Dokumentationen bei Arte Magersucht: Der Wunsch nach Kontrolle

War ein gefragtes Model: Isabelle Caro sorgte 2007 für Aufsehen, als sie sich mit nur 32 Kilo Körpergewicht für eine „No-Anorexia“-Kampagne fotografieren ließ. Foto: ZDF/Kiki AllgeierWar ein gefragtes Model: Isabelle Caro sorgte 2007 für Aufsehen, als sie sich mit nur 32 Kilo Körpergewicht für eine „No-Anorexia“-Kampagne fotografieren ließ. Foto: ZDF/Kiki Allgeier

Osnabrück. Die Französin Isabelle Caro wurde erst durch ihre Magersucht zum Model, doch ihren Ruhm konnte sie nicht lange auskosten. Arte zeigt heute das bedrückende Porträt „Seht mich verschwinden“ und zuvor die sehr gute Dokumentation „Liebe Magersucht . . .“.

Nachdem man sich die Dokumentation „Seht mich verschwinden“ über Isabelle Caro 20 Minuten lang angesehen hat, ist das Mitleid bereits langsam aufgebraucht. Die schwer magersüchtige junge Frau, die 2007 für eine weltweite Plakatkampagne gegen Anorexie nackt posierte, nervt. Wenn sie spricht, dreht sich alles nur um sie.

„Ich empfand es als Aufgabe herauszutreten, es allen und jedem zu beweisen“, ist so ein typischer Isabelle-Caro-Satz. Anschauen mag man sie bei ihrer oft direkt vor der Kamera vorgetragenen Selbstbespiegelung auch nicht – und Schuld daran ist nicht ihre Auszehrung. Es ist ihr völlig verbautes Gesicht, das man kaum ertragen kann. Nase, Mund und Kinn sind kleiner operiert, und dann hat sie sich auch noch Sommersprossen tätowieren lassen, um ihrem Idol Isabelle Huppert ähnlich zu sehen.

Tatsächlich sieht sie aber einfach nur aus wie eine Todgeweihte, die sich mit einem Filzstift noch einmal zur unzerbrechlichen Sehnsuchtsfigur Pippi Langstrumpf geschminkt hat.

Doch dann erzählt Isabelle Caro davon, wie sie als Kind plötzlich das Haus nur noch in seltenen Fällen verlassen durfte. Ihre Mutter bekam Depressionen und klammerte sich an der Tochter fest, wollte sie nicht erwachsen werden und im Grunde wohl auch nicht Mensch sein lassen. „Wenn wir zu meiner Großmutter fuhren, musste ich fünf Schals um den Kopf tragen, denn meine Mutter hatte im Fernsehen gehört, dass sonst das Wachstum der Kinder gefördert würde.“

Und plötzlich ist das Mitleid wieder da. Dass diese junge Frau einen Vogel hat, kann niemanden wundern; zumal ihr Vater ebenfalls eine Meise unterm weit zurückgewichenen Pony hat. Von Filmemacherin Kiki Allgeier mit Isabelles Aussage konfrontiert, er sei gar nicht ihr richtiger Vater, widerspricht er deutlich. Begründung: Als Kind habe Isabelle regelmäßig Transfusionen benötigt, und dafür sei immer sein Blut verwendet worden. Schon interessant, wie man sich biologische Gesetze zurechtbiegen kann.

Allgeier hat diesen Irrsinn in ihrer 52-minütigen Dokumentation ordentlich eingefangen. Der Film hat einige Schwächen – er ist chaotisch, weiß lange nicht, wohin er will, und kleine grafische Spielchen wie verfremdete Alleen in Schwarz-Weiß passen sich in den konventionell gefilmten Rest nicht ein.

Aber: Wie aus einer Magersüchtigen ein Model wird, kurzzeitig sogar eine Schauspielerin, wie also die Welt ein unerhörtes Interesse daran bekommt, eine durch ihre Krankheit schwer entstellte junge Frau immer und immer wieder zu zeigen, das dokumentiert „Seht mich verschwinden“ im letzten Drittel wirklich gut. Und, und das ist das vielleicht größte Verdienst des Films: Das Thema Essen respektive Nicht-Essen kommt nicht vor.

Dass der Wunsch nach Schlanksein oder gar eine grundsätzlich fehlende Freude an der Nahrungsaufnahme ursächlich für die Anorexia nervosa sind, ist immer noch ein verbreiteter Volksglaube. Umso souveräner, diesen Unfug einfach zu ignorieren.

Ganz ähnlich macht es auch die Dokumentation „Liebe Magersucht . . .“, die Arte um 22 Uhr und damit direkt vor „Seht mich verschwinden“ zeigt. Über fast 90 Minuten widmet sich die französische Autorin Judith Du Pasquier der Krankheit, die fast ausschließlich junge Frauen befällt und immer zu einem großen Anteil Ausdruck eines unfassbar starken Wunsches nach Kontrolle ist. „Wenn ich sehe, wie andere essen, freue ich mich immer. Denn sie sind schwach, und ich bin stark“, sagt eine Betroffene im Gespräch.

Zu den Ursachen für und Ausprägungen der Magersucht werden Ärzte und Patientinnen in Frankreich, Deutschland, Italien und Bulgarien befragt, und natürlich geht es auch um die Behandlungsmöglichkeiten einer Krankheit, die viel zu oft zum Tod führt.

So wie auch bei Isabelle Caro, die 2010 an einer Lungenentzündung und allgemeiner Entkräftung starb. Ihre Mutter, die die Tochter nie loslassen wollte, nahm sich wenige Wochen später das Leben.


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