Dreieinhalbjährige Tochter Mama Mühe: Wie Anna Maria Mühe über Familie denkt

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Osnabrück. Sie ist mit ihren gerade mal 31 Jahren schon über die Hälfte ihres Lebens selbst erfolgreiche Schauspielerin und Mutter einer dreieinhalbjährigen Tochter. Nun spielt Anna Maria Mühe eine der Hauptrollen im ZDF-Zweiteiler „Familie“ (ab 10. Oktober). Im Interview spricht sie über ihre Tochter, Familie und ihre Filme.

Hamburg. In einem Hamburger Hotel unterhalten wir uns über Familien, Kinder und Schauspielerei:

Frau Mühe, Sie sind jetzt 31 und schon mehr als die Hälfte Ihres Lebens Schauspielerin. Welches war die bessere der beiden Hälften?

Die Berufslebenshälfte. Durch den Beruf und den Erfolg damit habe ich heute sehr viele Möglichkeiten und Freiräume. Ich kann mir vieles von dem leisten, was mir wichtig ist – wie zum Beispiel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden. Das sind Dinge, die ich brauche, um glücklich zu sein.

Und das hatten Sie in der ersten Lebenshälfte nicht?

Sicher auch, aber eben viel mehr fremdbestimmt.

Haben Sie in der ersten Hälfte denn mal mit einem anderen Beruf als der Schauspielerei geliebäugelt?

Immer wieder, auch wenn ich es im Nachhinein gar nicht mehr so ernst nehmen kann. Als mein Vater angefangen hat, „Der letzte Zeuge“ zu drehen, hatte ich plötzlich den Spleen, Gerichtsmedizinerin werden zu wollen. Das lag wohl daran, dass er ständig Requisiten wie Hände und Ohren mit nach Hause gebracht hat. Das fand ich interessant.

Mit 15 haben Sie schon Ihren ersten Film gedreht – wie ließ sich das mit der Schule vereinbaren?

Ganz einfach, es war in den Sommerferien. Die Dreharbeiten haben nur eine Woche in die Schulzeit hineingereicht.

Und dann waren Sie Exotin in Ihrer Klasse?

Es war schon ein bisschen schwierig. Dieses Alter ist ziemlich von Neid geprägt. Und wir hatten dummerweise auch noch direkt vor der Schule eine Litfaßsäule stehen, an der sowohl mein erster als auch mein zweiter Film mit Bildern von mir plakatiert war. In dem Alter ist es wohl schwierig, Freude und Erfolg zu teilen und dem anderen nur das Beste zu wünschen.

Hatten Sie sofort Spaß an der Schauspielerei?

Sofort, ab dem ersten Take. Da wusste ich: Das ist das, was ich machen will.

Fußballer sagen ja gerne mal „Der nächste Gegner ist der schwerste Gegner“. Gilt das auch für Filme?

Oft, aber nicht immer. Ich habe seit einigen Jahren das Glück, dass mir sehr unterschiedliche Rollen zugetraut werden, deshalb war die Beate Zschäpe eine ganz andere Herausforderung als „Familie“. Beate Zschäpe zu spielen war eine besondere Verantwortung, eine sehr komplexe Figur.

Wie schwer war „Familie“?

Gar nicht schwer, weil ich meine Figur sehr klar beschrieben fand. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, woher bei meiner Figur Melanie der unbedingte Wunsch nach Familie kommt und warum sie so sehr dafür kämpft. Abgesehen davon war es einfach eine tolle Zeit mit den Kollegen am Set. Wir hatten extrem viel Spaß miteinander.

Inwiefern?

Iris Berben ist einfach eine wunderbare Frau und Kollegin, und Jürgen Vogel ist wirklich ein lustiger Geselle – so lustig, dass ich sehr viele Takes vor Lachen abbrechen musste.

Was macht er denn?

Faxen und Sprüche.

Wenn er nicht im Bild ist?

Auch wenn er im Bild, aber die Kamera hinter ihm ist. Er ist aber auch so sehr Profi, dass er schlagartig wieder ganz normal ist, wenn die Kamera läuft. Das kann ich leider noch nicht (lacht).

Was verstehen Sie persönlich unter Familie?

Für mich bedeutet Familie nicht zwangsläufig Blutsverwandtschaft, sondern auch Wahlverwandtschaft, deswegen zähle ich meine Freunde auch dazu. Für mich heißt Familie Zusammenhalt, füreinander da sein und einstehen – in guten wie in schlechten Zeiten, auch wenn sich das ziemlich pathetisch anhört.

Gleich in der ersten Szene des Films erleben wir Sie bei einer schweren Geburt. Interessant gemacht, oder?

Na ja, es ist offenbar eine sehr schmerzhafte Geburt, bei der man als Mann froh ist, keine Frau zu sein und so etwas durchleiden zu müssen.

War die Geburt Ihrer Tochter auch so eine Qual?

Also, was ich in der Figur der Mel spiele, ist doch nur das Minimum von dem, was eine Frau da meistens durchzumachen hat.

Ihr Kollege Felix Klare bezeichnet die Tage, an denen seine vier Kinder geboren wurden, als die schönsten seines Lebens. Sehen Sie das auch so?

Ob es der schönste Tag war, weiß ich nicht. Aber es war definitiv der besonderste, aufregendste und tiefgehendste Moment meines Lebens, das Kind das erste Mal auf dem Arm zu halten.

So eine Geburt verändert das Leben ja von einem Tag auf den anderen.

Ja, aber als Frau hat man es da leichter, weil man sich neun Monate lang mit dem Gedanken anfreunden kann, dass da was in dir wächst. Für eine Frau ist die Verantwortung für das Kind vielleicht nicht so beängstigend wie für den Mann.

Was war für Sie die schönste Veränderung?

Meine Tochter hat mir einfach einen unglaublichen Lebenssinn gegeben, sie hat mein Leben lebenswerter gemacht. Ich liebe es, dass der Beruf nicht mehr an erster Stelle steht, sondern jetzt die Familie.

Sie leben vom Vater des Kindes getrennt, Ihre Tochter ist dreieinhalb. Wie organisieren Sie es eigentlich , wenn Sie drehen?

Genauso wie wir das die letzten Jahre auch gemacht haben. Zudem haben wir viele Freunde, die uns gerne helfen. Sie wechseln sich ab und kommen samt Kind zum Dreh. Meine Tochter ist dann zwar nicht den ganzen Tag am Set, aber immer in meiner Nähe.

Sie leben in Berlin in Prenzlauer Berg, dem Mutti-Kiez.

Mittlerweile ist das eher ein Klischee. Kreuzberg und Neukölln sind heute auch Mütter-Kieze. Es gibt einfach sehr viele Familien in Berlin, egal wo man wohnt. Ich fühl mich da sehr wohl und habe nicht das Gefühl, jeden Trend mitmachen zu müssen.

Gibt es etwas aus Ihrer eigenen Kindheit, das Sie Ihrer Tochter gern mitgeben würden?

Was ich im Nachhinein toll finde, auch wenn es anstrengend war, ständig umzuziehen und achtmal die Schule zu wechseln: Ich habe eine große Offenheit für neue Situationen und neue Menschen gelernt. Das würde ich meiner Tochter auch gerne mitgeben: Offen bleiben und nicht nur stur seinen Weg gehen, interessiert sein auch an anderen Lebensformen und Menschen. Das schaffe ich, indem ich alle meine Freundinnen einbeziehe und meine Tochter in der Mittagspause bei mir ist, auf 40 Menschen trifft und den ganzen Laden unterhält.

Sie selbst sind ja als Kind von Ost-Berlin über Wien und Hamburg wieder nach Berlin, noch mal nach Wien und zurück nach Berlin gezogen. War das schrecklich oder schön?

Eigentlich fand ich es immer schön, aber es gab einen Umzug, der für mich sehr schwierig war – der von Hamburg nach Berlin. Damals war ich 14, ich war zum ersten Mal verknallt und hatte zum ersten Mal einen festen Freundeskreis. Mitten in der Pubertät hat man überhaupt keine Lust auf so einen Umzug. Aber die Umzüge vorher mochte ich immer gerne und habe mich richtig auf die neue Stadt und die neuen Umstände gefreut.

Obwohl Sie immer wieder ziemlich frische Wurzeln aus der Erde ziehen mussten?

Ich habe gelernt, mich schnell anzupassen. Das festigt vielleicht nicht sonderlich den Charakter, weil man ja immer wieder neu bei seinen Mitschülern ankommen muss. Aber das habe ich dann später gelernt.

Hatten Sie eine Taktik, möglichst schnell reinzukommen in die neue Klasse?

Mit elf ging es los, dass Mode eine Rolle spielte, da habe ich mich dann immer schnell angepasst. Ich war zwar gern mal laut, aber nie ein Klassenclown.

Waren Sie ein Schauspielerkind in dem Sinne, dass Sie ständig bei Ihren Eltern im Theater und beim Set waren?

Ich war häufig dabei, mehr im Theater als am Set. Aber meine Eltern haben schon sehr darauf geachtet, dass ich nicht so ein klassisches Schauspielerkind bin, sondern ganz normal zur Schule gehe, meine Freunde treffen kann und nicht nur ständig mit ihren Kollegen zusammensitze.

Erstaunlich ist ja, dass Ihre Eltern – obwohl beide Schauspieler – gar nicht daran beteiligt waren, als Sie für den Film entdeckt wurden. Wie kam denn eine schwedische Regisseurin dazu, eine in einem Café mit Freunden Geburtstag feiernde 15-Jährige darauf anzusprechen, ob sie die Hauptrolle in ihrem Film spielen will?

Maria von Heland saß in einem American Diner mit ihrer Ausstatterin für den Film „Große Mädchen weinen nicht“, weil sie in dieser Location drehen wollte. Karoline Herfurth hatte sie schon besetzt und war noch auf der Suche für die Figur der Kathi. Sie hat mich gesehen, ist mir hinterhergerannt und hat gesagt, dass sie mich gern zum Casting einladen würde. Zu diesem Casting hat mich dann meine Mutter begleitet, weil sie erst mal dachte, das sei etwas Dubioses. Kann man ja denken, wenn die Tochter so auf der Straße angesprochen wird.

Das hätte ich als Papa wohl auch gedacht.

Natürlich. Aber dann war schnell klar, dass Columbia Tristar den Film produziert und alles geordnet und gesittet abläuft.

Und dann hat die Regisseurin Bauklötze gestaunt, wessen Tochter sie sich da geangelt hatte?

Erst mal gar nicht. Die Produzentin hat sie zwar darauf hingewiesen, aber Maria von Heland als schwedische Regisseurin kannte meine Eltern gar nicht.

Sie haben ja nie eine Schauspielschule besucht, sondern vor jedem Film ein privates Coaching genommen. Machen Sie das heute auch noch?

Ja, bis heute. Ich gehe mit dem Drehbuch zu meiner Coaching-Frau, und dann erarbeiten wir das. Wir reden erst mal über die Figuren, dann werden die Szenen auseinandergenommen, um sie am Ende wieder zusammenzusetzen. Das ist alles sehr theoretisch, sehr kopflastig und mit vielen Notizen verbunden. Beim Drehen versuche ich dann, mich davon frei zu machen, primär den Bauch sprechen zu lassen und darauf zu reagieren, was die Kollegen und Regisseure für einen Input geben.

Gab es schon Rollen, bei denen Sie gedacht haben: Das kann ich nicht?

Beate Zschäpe. Das war schon eine extreme Herausforderung, bei der ich gleich wusste, dass man so eine Figur vielleicht ein-, zwei- oder höchstens dreimal im Leben bekommt – wenn man Glück hat.

Wenn Sie heute die Möglichkeit hätten, mit Beate Zschäpe eine oder zwei Stunden in einem Raum zu verbringen und ihr Fragen zu stellen – hätten Sie Lust dazu?

Vor einem Jahr bestimmt, aber jetzt nicht mehr. Ich habe damit abgeschlossen.

Sie haben mal gesagt, Stärke sei ein Wert, der für Sie ganz groß geschrieben werde. Beruflich wie privat?

Mehr privat als beruflich. Für mich bedeutet Stärke, auf sich und sein Gefühl zu hören und dafür auch mal durch Wände gehen zu müssen. Dafür einzustehen, was man möchte, auch wenn es nicht allen Menschen gefällt. Das ist nicht immer leicht, aber im Nachhinein meistens richtig gewesen.

Wie holen Sie sich diese Stärke, wenn sie Ihnen gerade mal nicht zufliegt?

Ich bin einfach so gebaut. Durch meinen Lebenslauf habe ich eine gewisse Stärke schöpfen können. Die habe ich, und die geht auch nicht weg.

Was ist die Stärke des Films „Familie“?

Familie wird nicht durch eine rosarote Brille gesehen, sondern ehrlich und konsequent erzählt. Außerdem finde ich die Besetzung unglaublich spannend, es ist wirklich ein sehr guter Ensemble-Film geworden. Und wir hatten eine tolle Kamera, die den Film im wahrsten Sinne des Wortes sehenswürdig macht.

Zweimal 90 Minuten zur besten Sendezeit sind im deutschen Fernsehen ja durchaus üppig – in den USA hätte man aus dem Stoff vermutlich eine Serie gemacht. Das war auch mal so gedacht. In der Entwicklung waren sechsmal 45 Minuten geplant.

Iris Berben, Jürgen Vogel, Sie und die anderen kommen ja aus sehr unterschiedlichen Familienkonstellationen. War das Thema Familie unter Ihnen auch nach Drehschluss eines?

Nicht nur nach Drehschluss, sondern auch in den Pausen. Wir haben eine Szene gespielt, und schon konnte einer was aus seinem Leben erzählen.

Wer war eigentlich Ihr Filmbaby?

Es gab zwei, die sich abgewechselt haben. Einerseits durften sie natürlich nicht so lange am Set sein, andererseits musste man auch immer gucken, welches von den beiden Babys gerade wach war. Aber das eine wie das andere war ganz bezaubernd.

Wie war es für Sie, zu Katharina Thalbach „Mama“ zu sagen?

Das war lustig. Katharina kennt mich schon seit dem Kleinkindalter, und sie ist ein so herrlicher Mensch, dass ich zu ihr wirklich gerne „Mama“ gesagt habe.

Springen wir mal in das Jahr 2027. Ihre Tochter ist dann 15 und sagt: Mami, ich geh jetzt zum Film. Was sagt die Mami dann zu ihr?

Meine Tochter hat einen ganz starken Willen und einen ausgeprägten Charakter. Ich glaube, dann habe ich nicht mehr so viel zu sagen. (lacht) Also lasse ich es mal auf mich zukommen.


Anna Maria Mühe

wird am 23. Juli 1985 in Ost-Berlin als Tochter des in der DDR populären Schauspielerpaars Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe geboren. Die Eltern trennen sich, als das Mädchen vier Jahre alt ist. Anna wächst bei ihrem Vater in Berlin, Wien und Hamburg auf.

Über den vor Gericht ausgetragenen Streit ihrer Eltern, ob Jenny Gröllmann – wie der Vater behauptete und ihm gerichtlich zu behaupten untersagt wurde – als IM für die Stasi gearbeitet hat, mag sie bis heute nicht sprechen. Als Vorbilder nennt sie dafür „meine Eltern“. Mit 15 wird Anna zufällig in einem American Diner von der schwedischen Regisseurin Maria von Heland für den Kinofilm „Große Mädchen weinen nicht“ entdeckt. Die Filmemacherin ist von ihr begeistert: „Sie spielt alles genau, wie es sein muss. Ihr Timing ist perfekt, und sie hat alle Emotionen in sich.“

Sie soll recht behalten: Anna Maria Mühe entwickelt sich innerhalb weniger Jahre zu einer der ausdrucksstärksten und gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands und wird mit Preisen überhäuft. Zuletzt ist sie als Beate Zschäpe in den ARD-Fernsehfilmen „Die Täter – Heute ist nicht alle Tage“ und „Die Ermittler – Nur für den Dienstgebrauch“ zu sehen.

Bei den Dreharbeiten für den Film „Was nützt die Liebe in Gedanken“ lernt sie 2002 den Regisseur Tim Modersohn kennen, der später ihr Partner und Vater der gemeinsamen Tochter wird, die heute dreieinhalb Jahre alt ist. Anfang dieses Jahres trennt sich das Paar.

Anna Maria Mühe wohnt mit ihrer Tochter im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Ab 10. Oktober ist sie im ZDF-Zweiteiler „Familie“ (Szene mit Jürgen Vogel) als junge Mutter zu sehen.

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