Warum es immer mehr Titel gibt Die neue Vielfalt im Zeitschriftenregal

Von Stefanie Hiekmann

Achtsamkeit, Kochen, Wandern, Reiten, Psychologie – die Auswahl im Zeitschriftenregal nimmt zu. Hintergrund ist eine zunehmende Ausdifferenzierung, die auch mit den Möglichkeiten des Internets zusammenhängt. Foto: Stefanie HiekmannAchtsamkeit, Kochen, Wandern, Reiten, Psychologie – die Auswahl im Zeitschriftenregal nimmt zu. Hintergrund ist eine zunehmende Ausdifferenzierung, die auch mit den Möglichkeiten des Internets zusammenhängt. Foto: Stefanie Hiekmann

Osnabrück. Wandern, Motorsport, Schwimmen, Kochen, Gartengestaltung, Einrichtung, Mindstyle oder Fitness – die Themenbandbreite im Zeitschriftenregal ist riesig. Und immer mehr neue Magazine kommen hinzu. Was hat es mit dieser Ausdifferenzierung auf sich?

Sport ist ein gutes Beispiel. Im Regal mit dem Titel „Sport und Fitness“ finden sich Magazine speziell über den Laufsport, über das Schwimmen, übers Reiten, Wandern, Walken sowie auch zu spezifischer Männer- oder Frauenfitness. Beim Kochen ist es nicht anders: Vegetarisch kochen, vegan kochen, kochen mit modernen Mix-Geräten, fortgeschrittene Küche, moderne Trendküche – für jedes einzelne Thema gibt es eigene Titel und Special-Hefte. „Das Special-Interest-Segment wächst, wächst und wächst“, sagt Peter Klotzki, Pressesprecher des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) in Berlin.

Auf dem Markt der Publikumszeitschriften, die von Fach- und Businessmagazinen zu unterscheiden sind, entstehen laut Klotzki zunehmend mehr Titel innerhalb eines Themensegments sowie auch neue Segmente. Die Unterschiede finden sich dementsprechend im Detail. Wer eine Kochzeitschrift sucht, hat individuell die Möglichkeit, sich zwischen veganer Küche, Fleischküche, vegetarischer Küche oder schneller Trend-Küche zu entscheiden. „Wir haben heute rund 50 Prozent mehr Titel auf dem Markt als noch vor zehn Jahren“, beschreibt Peter Klotzki diese Entwicklungen mit Zahlen.

Neue Möglichkeiten

Für ihn spiegele dieser enorme Zuwachs auch eine starke Gründungslust wider: „Die Digitalisierung eröffnet diesbezüglich natürlich zusätzliche Möglichkeiten“, sagt der Sprecher des VDZ. Über Internetseiten, Social-Media-Kanäle oder auch schon komplett gestaltete Online-Zeitungen wird der Markt von Gründern oder Verlagen für den neuen Titel getestet. Schlägt die Idee ein, erfolgt oft und ergänzend der Schritt ins Printformat. „Es gibt auch Formate, die sich anfangs über ein Crowdfunding finanzieren“, erklärt der Verbandssprecher. Die Möglichkeiten, Zeitschriften auf den Markt zu bringen und den Leser über verschiedene Kanäle im Sinne von Editorial Media zu erreichen und zu binden, seien inzwischen beachtlich.

Für Mediensoziologin Madeline Dahl von der Universität Mannheim eine spannende Entwicklung: Gemeinschaften, die sich heute durch das Internet schnell finden und ausbauen können, arbeiten aus intrinsischer Motivation an ihrem Thema. Sie gründen Webseiten, Online-Angebote oder eben auch Zeitschriften. „Das ist eine interessante Entwicklung auch im Hinblick für die Zukunft des Journalismus“, sagt die Wissenschaftlerin. Menschen möchten sich spezifisch mit ihren persönlichen Schwerpunkt-Themen beschäftigen und werden dabei zu Gründern. Oft übrigens in Kooperation mit Profis, also Verlagen, die Erfahrung ins Spiel bringen. So wachsen neue Ideen auch mitunter aus der Zielgruppe selbst, wie die Mediensoziologin erläutert.

Sichtbares Interesse

Warum all die verschiedenen Titel dann auch auf dem Markt funktionieren? „Die Gesellschaft ist zunehmend heterogener, die Ausdifferenzierung nimmt dort genauso zu wie bei den Zeitschriften“, sagt Peter Klotzki. Zudem seien es die Leute inzwischen durch das Internet gewohnt, mit ihren Interessen sehr spezifisch abgeholt zu werden. „Die Ausdifferenzierung ist ein fortlaufender Prozess, in den letzten 50 bis 100 Jahren sind natürlich enorme Schritte passiert“, ergänzt Mediensoziologin Madeline Dahl. Die Interessen der Menschen seien aus ihrer Sicht auch schon vor 10 oder 20 Jahren sehr spezifisch gewesen. „Durch das Internet wird es jetzt nur immer mehr sichtbar, und die Erreichbarkeit ist gegeben.“ Die Zeitschriften bespielten diesen Markt nun und kommen dem sichtbaren Interesse nach.

Peter Klotzki nennt eine weitere spannende Marktbeobachtung: Während die Zeitschriftenwelt stetig vielfältiger wird, nähern sich die Formate auch untereinander an. „Fachzeitschriften werden immer häufiger mit bunten Bildern, insgesamt mehr wie Publikumszeitschriften gestaltet“, so Klotzki. Die zahlenreichen Publikumszeitschriften nehmen auch ein Stück den neuen Charakter von Fachzeitschriften an. „Die Landlust ist ein schönes Beispiel“, sagt Klotzki. Entstanden sei das Magazin in einem Fachverlag. In der Sprache und Gestaltung ist es aber sehr magazinig und damit klar in Richtung Publikumszeitschrift einzuordnen.

Was das Ganze für den Markt bedeutet? „Global gesehen verhindert die Ausdifferenzierung stärkere Erosionen. Würde es diese Entwicklungen und Spezialisierungen nicht geben, gäbe es vermutlich einen stärkeren Sinkflug im Zeitschriftenmarkt“, sagt Peter Klotzki. Die Kleinteiligkeit des Marktes kommt hier also nicht nur den Leserinteressen, sondern auch der Wirtschaft zugute.


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