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Zukunfts-„Tatort“ mit Richy Müller Mord beim Sex: „Tatort“ in ARD heute Abend aus Stuttgart

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Osnabrück. Beim „Tatort“ wird mal wieder munter experimentiert – zum ersten Mal spielt ein Krimi auf diesem Sendeplatz in der (nahen?) Zukunft. Einfach zu verstehen ist die Folge „HAL“ aus Stuttgart allerdings nicht.

Dabei beginnt es so konventionell wie in schon vielen „Tatorten“ zuvor: Ein „Hänschen klein“ vor sich hin pfeifendes Mädchen entdeckt die im Neckar treibende Leiche einer jungen Frau. In der nächsten Szene wird der Software-Entwickler und Internet-Unternehmer David Bogmann (Ken Duken) von den Stuttgarter Kommissaren Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) beim Tontaubenschießen festgenommen. Von seiner IP-Adresse aus ist ein sogenanntes Snuff-Video ins Internet gelangt, auf dem zu sehen ist, wie eine junge Frau beim Sex mit einer Plastiktüte erstickt wird. Es ist die Tote aus dem Neckar. (Hier gibt‘s einen Trailer)

Elena Steimle war zwar eigentlich Schauspielschülererin, ihren Lebensunterhalt aber verdiente sie sich mit eigenwilligen Nebenjobs: Sie verdingte sich als Callgirl bei einem Online-Escortservice namens „Love Adventure“. Und sie war Probandin in Bogmanns Firma „Bluesky“, die er gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Mea Welsch (Caroline Eichhorn) betreibt. Dort hat Bogmann ein sich selbst weiterentwickelndes sogenanntes Social Analysis Programm entwickelt, das Menschen genauestens analysiert und Prognosen darüber abgibt, wie diese sich künftig verhalten werden und ob von ihnen eine Gefahr ausgeht. (Hier gibt‘s ein ausführliches Interview mit Caroline Eichhorn)

Antlitz eines Affen

Der „Main Character“, also das Sprachrohr von Bluesky heißt Judy, sein Antlitz ist einem Affen nachempfunden und auf den Bildschirmen des Unternehmens allgegenwärtig. Judy pfeift wie das eingangs erwähnte Mädchen auch gerne „Hänschen klein“, aber dieser Affe ist alles andere als naiv. Vielmehr ist Judy offenbar auf dem besten Weg, sich von seinen Schöpfern loszusagen und den Spieß umzudrehen, also die Kontrolle zu übernehmen. Hat der Affe seinem Entwickler nun sogar einen Mord untergeschoben? Judy soll der digitalen Gefahr in den Augen der Zuschauer ein Gesicht geben, wirkt allerdings über weite Strecken wie eine Witzfigur. (Hier gibt‘s ein ausführliches Interview mit Richy Müller)

Klingt kompliziert? Ist es auch. Selbst Felix Klare als Darsteller des Kommissars Sebastian Bootz räumt im Gespräch mit unserer Redaktion ein, dass vor allem ältere und weniger internetaffine Zuschauer Verständnisprobleme haben könnten. Aber: „Es gehört ja auch zum Thema, zur Arbeit von Niki Stein (Drehbuch und Regie) und der Message des Films, dass alles sehr undurchsichtig geworden und schwer zu begreifen ist.“ (Hier geht‘s zum ausführlichen Interview mit Felix Klare)

Verbeugung vor Stanley Kubrick

Selbst für ihn als vergleichsweise jungen Menschen sei es beim Dreh nicht immer einfach gewesen: „Wir Schauspieler mussten mehrfach fragen: ,Wie ist das jetzt gemeint?‘.“ Dem Publikum gibt Klare den Rat: „Wer nicht alles versteht, sollte sich zurücklehnen und genau das auf sich wirken lassen.“ Angst und bange kann dem Zuschauer in jedem Fall werden, denn je länger man zusieht, umso mehr beschleicht einen das Gefühl, in eine wirklich nicht allzu ferne Zukunft zu blicken, in der die totale Überwachung zum Alltag geworden ist.

Für Niki Stein ist der Titel dieses Krimis „wie auch mehrere kleine Bildzitate im Film eine Verbeugung vor dem großen Stanley Kubrick, der ja schon vor fast 50 Jahren in ,2001: Odyssee im Weltraum‘ den Konflikt Mensch-Computer erzählt hat. Sein Computer hieß HAL, abgeleitet von IBM – jeweils der Buchstabe davor.“

Computer überwachen uns

Seinen Krimi hat Stein an der Schnittstelle von Gegenwart und Zukunft angesiedelt: „De facto ist es längst Realität, dass Computer uns überwachen, manipulieren und für uns entscheiden.“ Hinzu komme, „dass wir es inzwischen mit selbstlernenden Programmen und Algorithmen zu tun haben, die sich ständig verbessern. Wir selber füttern diese Maschinen durch unser sorgloses Datenverhalten permanent mit immer neuen Informationen über unser Verhalten, Denken, Fühlen. Wir sind gerade dabei, unsere Souveränität zu verlieren und merken das noch nicht mal.“

Das alles ist tatsächlich interessant, brisant, gerade gruselig und dürfte in nicht allzu ferner Zukunft zu den großen Themen gehören, die uns beschäftigen. Wobei sich Stein für seinen Film gerne selbst modernster Technik bediente und am Computer ein Bauwerk, das eigentlich in der Nähe von Offenburg steht, visuell an den Stuttgarter Flughafen versetzte. Das, so der Regisseur, habe er ganz bewusst gemacht, denn: „Kein Bild ist verlässlich, nichts echt.“

Grober Unfug

Alles schlüssig, alles nachvollziehbar. Doch warum Niki Stein dann die Staatsanwältin Álavarez mit ihrem neuen Referendar im Büro Tango tanzen lässt, bleibt sein Geheimnis. So eine Szene ist weder „near future“ noch lustig und erst recht kein Beitrag zum Thema. Sondern nur grober Unfug. Leider ist es nicht die einzige Szene, die diesen eigentlich guten und wichtigen „Tatort“ ein wenig verwässert.

Tatort: HAL, ARD, Sonntag, 28. August, 20.15 Uhr

Wertung: 4 von 6 Sternen


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