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Grandages „Genius“ in der Kritik „Genius“: Was taugt der Film mit Law und Firth?

Von Daniel Benedict

Hohe Literatur als Teamarbeit: Colin Firth und Jude Law in Michael Grandages „Genius“. Foto: Marc Brenner/Pinewood FilmsHohe Literatur als Teamarbeit: Colin Firth und Jude Law in Michael Grandages „Genius“. Foto: Marc Brenner/Pinewood Films

Berlin. Wer ist das wahre Genie hinter den Romanen von Thomas Wolfe? Er selbst oder sein Lektor? Colin Firth und Jude Law beantworten die Frage mit einem Buddy-Film aus der Literaturgeschichte. Nach der Berlinale-Premiere startet Michael Grandages „Genius“ jetzt im Kino.

„Eugene sah eine Frau. Ihre Augen waren blau. So schnell zersprang sein Herz für sie, dass niemand im Raum das Geräusch vernahm.“ Diese bündigen 22 Wörter sind Teil des literarischen Werks von Thomas Wolfe (1900–1938). Seines veröffentlichten Werks, muss man präzisieren. Denn in seiner Handschrift schwelgte der Autor in derselben Passage noch über volle 237 Wörter in Metaphern und Vergleichen – wie zum Beispiel dem von der „Röte im Innern einer Meeresschnecke, die von einem jungen Zoologen zum ersten Mal gesehen wird und ihn mit ihrem rosigen Versprechen in Bedrängnis bringt“. Dass die Sprache im fertigen Buch genauso zügig zur Sache kommt wie Amors Pfeil, verdankt sich Wolfes Lektor Max Perkins; der dampfte in jahrelangem Ringen mit dem Autor die Manuskripte ein, deren Papiermassen Wolfe nicht in Heftern, sondern kistenweise in den Verlag schaffen musste.

Wer ist der Genius? Jude Law oder Colin Firth?

Wer also ist das Genie hinter Thomas Wolfes Romanen „Schau heimwärts, Engel“ (1929) oder „Von Zeit und Strom“ (1935)? Der Autor, der in den knapp 38 Jahren seines Lebens das Material lieferte? Oder der Lektor, der es lesbar machte? Michael Grandages „Genius“ beantwortet die Frage mit einem fröhlichen „Beide!“. Der Künstler und der Verlagsmann werden in der Doppelbiografie zum „odd couple“, zum schrägen Paar, das erst in der Symbiose die Vollendung erreicht. Jude Law zeigt seinen Wolfe als unbeherrschten Schwärmer, dem zum Erfolg vor allem die Disziplin fehlt. Colin Firth spielt den Lektor als Kaufmann des Geistes, der Wolfes Genie erkennt, fördert und so zurechtstutzt, dass seine Kundschaft es auch begreift. Die gemeinsame Arbeit wird für die Männer so existenziell, dass beide zwischenzeitlich ihre Partnerinnen darüber vernachlässigen.

Es gehört zu den Stärken von „Genius“, geistige Arbeit als Teamwork begreiflich zu machen und dabei sogar, wie mit dem eingangs zitierten Beispiel, in die Textkritik einzusteigen. Die treibende Kraft hinter dem Projekt ist wohl nicht zufällig selbst ein Schriftsteller: John Logan, der für Film und Bühne gleichermaßen schreibt, hatte die Rechte an Scott Bergs Max-Perkins-Biografie vor Jahren mit der Gage für sein erstes verfilmten Drehbuchs gekauft. Zu seinem eigenen Werk gehören die letzten zwei Bond-Filme und Ridley Scotts kommende „Alien“-Fortsetzung, die Serie „Penny Dreadful“ und ein Theaterstück über Mark Rothko. („Will Smith war zu arrogant für ‚Independence Day 2‘“: Roland Emmerich im Interview)

Vom Theater zum Film: Das „Genius“-Team

Vom Theater kommt auch der Regisseur Michael Grandage, der mit „Genius“ zum ersten Mal für die Leinwand arbeitet. Mit Jude Law hat er schon zwei Shakespeare-Abende inszeniert, und die Routinen der Arbeit wirken unangenehm nach. Von der entgleisenden Mimik bis zum Südstaaten-Akzent spielt Law den Schriftsteller so laut, dass man es im zweiten Rang noch begreifen würde. In der Großaufnahme des Kinos wird es zur Karikatur.

Und auch sonst hat „Genius“ einen Hang zum Überdeutlichen, weshalb man sich im Kino wahlweise unwohl oder allzu wohl fühlt. In warmen Tönen leuchtend, bildungssatt und vollgestopft mit Oscar-Preisträgern und -Nominierten, präsentiert der Film eine labile Künstlerexistenz so gediegen, dass zur Behaglichkeit nur noch die Flasche Rotwein fehlt. Angesichts des Kampfes zwischen Kunstexzess und Markttauglichkeit, von dem hier erzählt wird, bekommt diese massenkompatible Kulinarik etwas entschieden Parteiliches. In einer Szene führt Thomas Wolfe den widerstrebenden Lektor in einen verrauchten Jazzkeller – und verortet seine eigene Poetik in dieser Welt der rauschhaften Spontaneität. In der aufgeräumten Regie von Michael Grandage ist davon nichts zu spüren. So wenig, dass man hinterher zum Ausgleich einen ganzen Stoß ausufernder Wolfe-Seiten lesen möchte. Aber nicht in der lektorierten Fassung.

„Genius: Die tausend Seiten einer Freundschaft“. GB/USA 2016. R: Michael Grandage, D: Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney, Guy Pearce, Dominic West. 104 Min., ab 6 Jahren.