Anders als Will und Illner Toller Polit-Talk: „Thadeusz und die Beobachter“

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Gastgeber Jörg Thadeusz (vorn) diskutiert mit vier Kolleginnen und Kollegen aus dem journalistischen Fach. Von links: Claudius Seidl, Elisabeth Niejahr, Hajo Schumacher, Ulrike Demmer. Foto: RBB/Oliver ZiebeGastgeber Jörg Thadeusz (vorn) diskutiert mit vier Kolleginnen und Kollegen aus dem journalistischen Fach. Von links: Claudius Seidl, Elisabeth Niejahr, Hajo Schumacher, Ulrike Demmer. Foto: RBB/Oliver Ziebe

Osnabrück. Existieren jenseits von Plasberg, Maischberger und Co. noch Polit-Talkshows, in denen nicht immer dieselben Köpfe sitzen und dieselben Sachen sagen? Oh ja. Mit der RBB-Fernsehsendung „Thadeusz und die Beobachter“ und dem Audio-Podcast „Lage der Nation“ gibt es zwei Sendungen, die echten Erkenntnisgewinn und gute Unterhaltung bieten.

Thadeusz und die Beobachter

Einmal im Monat, immer an einem Dienstag und immer um 22.15 Uhr, zeigt der RBB einen Journalisten-Talk, der den etablierten aber furchtbar langweiligen ARD-“Presseclub“ so richtig bloßstellt: „Thadeusz und die Beobachter“ heißt das Format, und die Beobachter sind Elisabeth Niejahr von der „Zeit“, Hajo Schumacher von der „Berliner Morgenpost“, Ulrike Demmer vom Redaktions-Netzwerk Deutschland und Claudius Seidel von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Dass hier lebendiger diskutiert wird als in praktisch jeder anderen Talkshow, liegt schon an einer sehr weisen Entscheidung der Redaktion: Alle sitzen an einem Tisch. Warum es auch anders machen als zu Hause, warum die Diskutanten an Pulte stellen oder im Halbkreis gruppieren? „Thadeusz und die Beobachter“ zeigt meinungsfreudige Menschen im respektvollen Infight, und das ist einfach eine Wohltat. Wegen der Sommerpause gibt es die nächste Sendung allerdings erst am 6. September zu sehen.

Hier geht es zu einem ausführlichen Interview mit Jörg Thadeusz.

Besser als Politiker

Es soll wirklich keine Lobhudelei auf den eigenen Berufsstand sein, aber: Journalisten sind - in den meisten Fällen - die besseren Talkgäste als Politiker. Das lässt sich leicht erklären. Beide Gruppen kennen sich - in den meisten Fällen - ziemlich gut mit dem aus, was gerade die politische Tagesordnung bestimmt. Im Gegensatz zu Politikern müssen Journalisten aber keiner Parteilinie folgen und auch nicht gewählt werden.

Dass Politiker in Talkshows eingeladen werden, ist gut und richtig, schon allein wegen des grundgesetzlich verankerten Beteiligung der Parteien an der Willensbildung. Doch wenn man ehrlich ist, weiß der regelmäßige Zuschauer von Polit-Talks in der Regel schon vorher, was Menschen wie Wolfgang Bosbach, Sahra Wagenknecht oder Anton Hofreiter auf eine Frage von Menschen wie Frank Plasberg, Anne Will oder Maybrit Illner antworten werden.

Ohne Häme

Für die fast immer in derselben Konstellation diskutierende Journalistenrunde von Jörg Thadeusz gilt das nicht. Und wenn das Münsteraner Temperamentbündel Hajo Schumacher eine Attacke fährt, dann immer nur gegen eine Meinung, nie gegen einen Mitdiskutanten persönlich. Der Deutsche hat es, wie etwa Heiner Geißler immer wieder und völlig zurecht anmerkt, viel zu gerne konfliktfrei, eine echte Streitkultur gibt es in diesem Land nicht. Was aber doch wirklich niemand braucht, ist diese ständige einstudierte Häme gegenüber dem politischen Gegner. Und das gibt es bei „Thadeusz und die Beobachter“ naturgemäß nicht.

Dass in dieser Sendung der Moderator mitdiskutiert und die Ironie beherrscht wie nur wenige im deutschen Fernsehen, macht „Thadeusz und die Beobachter“ zu einer echten Perle in eben diesem deutschen Fernsehen. Ach ja: Auf der Internetseite der Sendung kann man sich alle Folgen aus diesem Jahr anschauen.

Lage der Nation

„Lage der Nation“ klingt doch herrlich staatstragend, oder? Natürlich muss man beim Titel der Audio-Podcast-Sendung von Philip Banse und Ulf Buermeyer ein Augenzwinkern mitlesen, aber: Die Umschreibung passt, denn die beiden erörtern umfassend das, was die Republik gerade politisch bewegt.

Sendungen unterschiedlich lang

Seit dem 13. März dieses Jahres laden Banse und Buermeyer einmal pro Woche auf der Website www.kuechenstud.io eine neue Sendung hoch, die Folgen sind von völlig unterschiedlicher Länge, mal dauern sie knapp eine Stunde, mal fast zwei Stunden.

Das Thema, das die Sendungen der letzten Wochen bestimmt hat, war der Brexit - und man wird wohl kaum ein Medium in Deutschland finden, in dem dieser für Europa so epochale Akt besser aufgearbeitet wurde als in der „Lage“. Philip Banse und Ulf Buermeyer haben ihren Hörern genau erklärt, warum der Brexit für die Briten völliger Blödsinn ist und wie es nun rein formal weitergeht.

Clever und humorvoll

Der freie Journalist Banse macht dabei seine Sache ziemlich gut, der Jurist und Richter am Landgericht Buermeyer macht sie sogar hervorragend. Er ist maximal differenziert, kundig, clever und humorvoll, und er tritt völlig ohne Dünkel auf, was bei seinem Beruf nun wirklich nicht selbstverständlich ist. „Ich möchte nur durch meine Argumente überzeugen“, hat er einmal gesagt, und man darf es ihm glauben.


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