Auf dem Teppich geblieben Mark Forster: „Habe zuhause an die 200 Kappen“

Ohne Kappe geht er nicht aus dem Haus: Sänger und Songwriter Mark Forster, der Deutschland in diesem Jahr mit „Wir sind groß“ den EM-Hit bescherte. Fotos: dpaOhne Kappe geht er nicht aus dem Haus: Sänger und Songwriter Mark Forster, der Deutschland in diesem Jahr mit „Wir sind groß“ den EM-Hit bescherte. Fotos: dpa

Osnabrück. „Wir sind groß“ war der Soundtrack der Fußball-EM 2016 in Deutschland. Geschrieben und gesungen hat ihn Mark Forster („Au revoir“), der in den vergangenen vier Jahren einen rasanten Aufstieg vom unbekannten Songwriter zum erfolgreichen Popstar erlebte. Wie der 32-jährige Berliner damit umgeht und was ihn mit Polen verbindet, erzählt er im Interview mit unserer Zeitung.

Mark, wie viele Kappen und Mützen besitzen Sie?

(Lacht) Oh, eine ganze Menge. Das Gute ist, wenn man in der Öffentlichkeit immer Kappen trägt, bekommt man auch oft welche geschenkt oder zugeschickt. Ich mutiere allerdings in letzter Zeit stylemäßig zum Steve Jobs. Ich habe immer dieselbe Kappe auf oder welche ohne Beschriftung.

Haben Sie sie mal gezählt?

Ich habe mal geschätzt: Mittlerweile müssten es an die 200 Kappen sein.

Was verbirgt sich darunter: Glatze, Justin-Bieber-Schopf oder Fußballer-Friese?

Darunter ist so ein schwarz-rot-goldener Lockenkopf, der dann so tingeltangelbobmäßig herausspringt (lacht). Nein, meine Haare werden so langsam grau und immer dünner. Wenn ich morgens eine Kappe aufsetze, habe ich ein Problem weniger.

Und wann außer zum Schlafen ziehen Sie oben blank?

Ich wechsle kurz vom Käppi zur Schlafmütze. Also nur wenige Sekunden am Tag habe ich nichts auf dem Kopf.

Ist Ihr Barttrimmer immer auf Sieben-Tage-Bart eingestellt?

Ich trage Bart, seitdem ich vor ein paar Jahren den Jakobsweg gelaufen bin. Da ist es üblich, dass man sich zwei Monate lang nicht rasiert. Ich trug vorher keinen Bart, aber am Ende des Jakobsweges, der für mich ziemlich wichtig war, hatte ich auf einmal so einen großen Bart. Ich habe ihn drangelassen als Erinnerung an die Zeit und dass ich mich verändern möchte. Irgendwann habe ich festgestellt, dass es ganz cool aussieht.

War der Jakobsweg ein großer Einschnitt in Ihrem Leben?

Ja. Zumindest habe ich selber dadurch eine Veränderung für mich herbeigeführt. Und das macht man ja nicht so oft. Du sprichst ja mit einem Typen, dem in den letzten fünf, sechs Jahren unglaublich viel unrealistisch gute Dinge widerfahren sind. Ich hatte ziemlich viele verrückte Einschnitte in meinem Leben, die ich nicht vermissen werde. Den Jakobsweg habe ich aber selber erzwungen. Ich war zu der Zeit schon in Berlin, hatte gerade das Jura-Studium abgebrochen und angefangen, BWL zu studieren – sogar zu Ende: Ich bin Master of Business Administration.

Und Musik lief immer parallel?

Ja. Ich habe ja mein ganzes Leben Musik gemacht, in Bands gespielt und produziert. Dabei habe ich immer wieder ein Projekt angefangen, aber nie zu Ende gebracht. Auf dem Jakobsweg nahm ich mir fest vor: Wenn ich nach Hause komme, mache ich ein Album fertig. Und das war „Karton“.

Sie kommen aus Winnweiler, wie sah Ihre Kindheit aus?

Winnweiler ist ein kleines Dorf in der Nähe von Kaiserslautern. Meine Kindheit war sehr ruhig. Ich hatte ständig so ein Gefühl, das mir fremd ist, seit ich erwachsen bin: Langeweile. Zeit, die einfach nicht vorbeigeht. Da kommt man dann auf Flausen, man denkt sich verrückte Sachen aus und versucht, sie umzusetzen. Etwas, das mich geprägt hat und zu meinem Beruf geführt hat. Ich denke mir auch heute viele Sachen aus.

Ihre Mutter ist Polin. Sind Sie zweisprachig aufgewachsen?

Ja. Ich bin zwar nicht in Polen geboren und habe da nie gelebt, aber meine Mutter, die aus Warschau kommt, hat mein ganzes Leben lang mit mir Polnisch gesprochen. Ich spreche eigentlich ziemlich gutes Polnisch. Ich beherrsche jetzt nicht den Jugendslang, sondern spreche die Sprache wie ein höflicher Elfjähriger.

Wie ist Ihre Beziehung zu dem Land?

Ich war sehr oft dort, früher immer in den Sommerferien, zu Weihnachten und Ostern. Wenn ich an Polen denke, ist da immer Feiertag – in die Kirche gehen, Eier verstecken oder Geschenke kriegen. Jeder, der eine polnische Frau oder Mutter hat, weiß, dass es eine sehr intensive Erfahrung ist. Obwohl ich nie dort gelebt habe, fühle ich mich eindeutig als halber Pole.

Dann kennen Sie auch die deftige polnische Küche...

Natürlich. Ein guter polnischer Salat besteht aus viel Mayonnaise und gekochtem Gemüse. Das ist mir nicht fremd.

Sie sind später in Berlin als „Polski Balboa“ in der Kurt-Krömer-Show aufgetreten. Das klingt nach jeder Menge Spaß…

Ja. Ich habe lange für Kurt Krömer gearbeitet. Ich war Producer und Redakteur seiner Sendung und habe auch die Titelmelodie geschrieben. Ich war auch als Keyboarder auf Tour mit ihm. Meine Rolle war allerdings stumm, ich durfte nichts sagen. Und Krömer hat sich lauter verrückte Namen für mich ausgedacht.

Eine lehrreiche Zeit?

Auf jeden Fall war es lustig. Kurt Krömer ist ein Künstler, der mehr kann als schnöde Comedy. Das war spannend zu sehen, wie einer nur mit Sprache und Komik mehrere Tausend Leute am Abend glücklich machen kann. Das konnte ich mir jahrelang vom Keyboard aus anschauen und habe daraus gelernt. Mein Humor, den ich heute bei meinen Beiträgen fürs Fernsehen verwende, ist verwandt mit dem Humor von Kurt Krömer.

Sie scheinen immer die richtigen Leute getroffen zu haben: Kaffeemaschine mit Peter Fox geteilt und Freundschaft mit Sido...

Peter Fox weiß wahrscheinlich gar nichts von seinem Glück (lacht). Ich hatte damals einen kleinen Raum für meinen Computer und mein Keyboard gemietet. Das war mein kleines Tonstudio, zufällig auf derselben Etage, wo Fox und Seeed auch arbeiteten. Da gab es eine Gemeinschaftsküche wie bei einer WG oder Bürogemeinschaft. Für mich war es damals spannend zu beobachten, wie Fox seine legendäre „Stadtaffe“-Platte gemacht hat. Ich war sozusagen live dabei und habe immer vom Flur aus zugehört, wie die Großen das so machen. Auch von Sido habe ich eine Menge gelernt. Ich habe für seine „301180“-Platte einige Refrains geschrieben und gesungen. Auch mit Flo Mega und Anna Depenbusch habe ich zusammengearbeitet. Das war meine Ausbildung.

Auf dem neuen Album haben Sie mit den Harlem Gospel Singers und der Adele-Arrangeurin zusammengearbeitet. Paradiesische Bedingungen?

Das ist für mich das, was Erfolg ausmacht. Ich hatte schon bei „Bauch und Kopf“ mein ganzes Geld und meine ganze Liebe hineingesteckt, um so eine große Orchester-Platte zu machen. Und dann haben wir anderthalb Millionen Singles verkauft. Das Album hat fast Doppel-Platin, damit hatte keiner gerechnet. Das ist eine total abstrakte, unrealistische Sache, die ich bis zum heutigen Tag nicht fassen kann. Was ich aber realisiere, ist, dass es für mich jetzt leichter ist, Ideen umzusetzen. Das ist für mich ein großes Glück. Auf meiner Amerika-Reise habe ich in New Orleans ganz viel Musik gesehen und gehört, da wollte ich den amerikanischen Sound auf meiner Platte haben. Dann habe ich den besten Gospelchor der Welt gegoogelt, stumpf bei den Harlem Gospel Singers angerufen und konnte die aufnehmen. So etwas macht mich glücklich.

Wie erden Sie sich, um nicht abzuheben?

Keine Ahnung. Ich spüre jetzt nicht die Veranlassung abzuheben. Warum sollte ich das tun? Wenn man von außen draufschaut, habe ich vielleicht kein normales Leben. Bei der EM 2016 durfte ich fast jedes Spiel sehen, und ich spiele jetzt viel mehr Konzerte in größeren Hallen. Aber wenn man dann mal ranzoomt, erlebe ich eigentlich normale Tage umgeben von normalen Leuten. Wenn man sich nicht progressiv Mühe gibt, abzuheben, dann hebt man auch nicht ab.

„Wir sind groß“ war die Fußballhymne 2016. Wie läuft so was ab: Setzt sich die Plattenfirma mit den TV-Leuten zusammen und guckt sich einen Song aus? Oder haben Sie es beim Komponieren darauf angelegt?

Ich weiß nicht, wie man eigens eine Fußballhymne schreibt. Ich sage nicht, dass ich es nicht schon probiert hätte. Aber immer wenn ich es mir vornahm, kam dabei nur Müll heraus. Lieder, die auf meiner Platte landen und am Ende auch ein paar Leute gut finden, haben echte Gefühle als Grundstein. „Wir sind groß“ ist ein Lied über mich und die Band, und wie es sich in den vergangenen zwei Jahren angefühlt hat. Darüber, dass die Konzerte und Festivals zahlreicher wurden und wir nicht mehr um 13 Uhr spielten, sondern erst, wenn es dunkel wurde. Von diesem Bandgefühl handelt der Song. Das habe ich letztes Jahr schon geschrieben und produziert.

Wie kam der Song zur EM?

„Au revoir“ war ja 2014 schon aus Versehen zu einem WM-Song geworden. Der Text hat nun wirklich nicht sonderlich viel mit Fußball zu tun. Aber dadurch gab es schon so eine Nähe zu den Entscheidern. „Their people talked to my people“.

In deutschsprachiger Musik gibt es kaum einen schöneren Song über eine Geschwisterbeziehung als Ihr Song „Natalie“. Was war der Auslöser?

Danke erst mal. Ich habe eine schöne Beziehung zu meiner jüngeren Schwester, aber wir sagen uns jetzt nicht den ganzen Tag, wie lieb wir uns haben. Es läuft eher über doofe Sprüche und Haareziehen. Mir ist dann eine Liebeserklärung an sie einfach so herausgerutscht. Ich war mir erst nicht sicher, ob es cool ist, so ein persönliches Lied rauszubringen, weil sie ja auch wirklich Natalie heißt. Ich habe sie vorher gefragt, sie fand das Lied sehr schön und es bedeutete ihr eine Menge. Schließlich hat sie mir erlaubt, es zu veröffentlichen.

Woher kommt Ihr Talent, so griffige, zeitgemäße, aber auch emotionale Texte zu schreiben, mit denen sich viele identifizieren können?

Da bin ich natürlich der schwächste Ansprechpartner für die Frage. Ich versuche, immer Texte zu schreiben, die so wenig Distanz wie möglich zu mir selbst haben. Ich verstecke mich hinter keiner Attitüde, ich bin kein Hip-Hopper, kein Rocker, der Szene-Regeln befolgen muss, sondern ich versuche, so zu schreiben, wie ich denke. In derselben Sprache. Diese Ehrlichkeit muss man sich erarbeiten. Lieder schreiben ist ein bisschen wie Tennisspielen, das muss man üben. Ich habe in meinem Leben schon sehr viele unfassbar schlechte Lieder geschrieben, die keiner nachfühlen kann und nicht griffig sind. Manchmal kommen auch welche dabei heraus, wo ich denke, wenn ich das nachfühlen kann, können es vielleicht auch einige andere.

Sie sind erst 32 und schon oben angekommen. Was fehlt noch?

Ich habe nicht das Gefühl, dass etwas fehlen würde. Es gibt noch wahnsinnig viele Dinge, die ich gerne machen würde.

Vielleicht ein Hit in Polen?

Das wäre natürlich super. Wobei ich sagen muss: Wenn man so viel unterwegs ist wie ich, dann wird man nach und nach immer häufiger erkannt. Und ich bin ganz froh, dass mich keiner erkennt, wenn ich nach Polen oder Frankreich fahre. Mein Ziel ist jetzt nicht, dort ein Star zu werden.

Worin außer Musik sind Sie noch besonders gut?

Ich bin ein Fußballexperte und habe bei der EM noch wahnsinnig viel dazugelernt, weil ich nur mit Sportjournalisten abhing. Ich glaube, ich koche auch ganz gut. Man kann mich in die Küche stellen, und ich kann aus den Sachen, die da so herumliegen, etwas zusammenbrauen, was ganz okay ist.

Was fällt Ihnen schwer?

Ich bin ungeduldig. Ich habe Gott sei Dank einen Job für mich gefunden, der nicht langweilig ist. Mir macht jeder Tag Spaß. Ich vergesse aber manchmal, dass ich müde bin. Wenn ich etwas lernen möchte, dann mir selbst auch mal Atempausen zu gönnen.

Hast du deinen Terminkalender denn noch im Griff, oder ist es brutaler Marathon?

So viel wie jetzt war es noch nie. Mehr geht auch nicht. Der Tag hat nun mal nur 24 Stunden, aber es ist gerade eine ganz spannende Zeit, die ich genieße.

Nebenbei hast du dir auch noch ein Projekt mit Felix Jaehn gegönnt…

Du spielst auf Eff an, wo man nicht genau weiß, wer da produziert und wer der Sänger ist (lacht). Ich habe auch davon gehört, finde die Band sehr gut und „Stimme“ ist ein toller Song.

Wahrscheinlich hast du im Moment keine Zeit mehr für „The Voice“?

Das weiß man nicht. Es ist ja immer ein großes Geheimnis, wer in der Jury sitzt. Gerade war ja erst das Finale, und mein Sänger Lukas hat gewonnen. Ich feiere immer noch meinen Erfolg aus der letzten Staffel.

Was sagst du eigentlich zu deinem Schweizer Namensvetter Marc Forster, dem Regisseur von Filmen wie World War Z?

In der Schweiz werde ich in Interviews oft auf Marc Forster angesprochen. In letzter Zeit wird es weniger, was ich als gutes Zeichen deute. Ich werde aber immer noch oft zu Filmfestivals in der Schweiz eingeladen. Irgendwann gehe ich auch mal hin (lacht).

Hast du einen besonderen Wunsch, den du dir in nächster Zeit erfüllen möchtest?

Nein. Im Oktober habe ich mal zwei Wochen frei. Dann setze ich mich in ein Campingauto und fahre nach Sizilien. Da war ich noch nie.

Mark Forster live: 5. August, Schlossgarten, Osnabrück


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