Exzellente Dokumentation „Schattenwelt BND“ zeigt eine rückständige Behörde

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Osnabrück. Seit der NSA-Affäre steht der deutsche Bundesnachrichtendienst massiv unter Druck – und das völlig zurecht, wie die exzellente Arte-Dokumentation „Schattenwelt BND“ zeigt. Der Auslands-Nachrichtendienst ist eine verkrustete Behörde, die dank eines gar nicht zuständigen Ministers nun auch noch ihren reformwilligen Chef verloren hat.

Vor zwei Jahren wurde die Juristin Silvia Reischer zur ersten Abteilungsleiterin des Bundesnachrichtendienstes ernannt. BND-Präsident Schindler sprach damals von einem „Meilenstein der Modernisierung“ – eine Feststellung, die ohnehin eigenartig klingt und sogar unfreiwillig lächerlich wirkt, wenn man sich die Arte-Dokumentation „Schattenwelt BND“ ansieht.

Denn darin ist zu sehen, wie die „Abteilungsleiterin Eigensicherung“ mit violettem Kostüm, violettem Nagellack und violettem Lippenstift auf violetten Stühlen sitzt, auf dem Tisch stehen violette Gläser, im Hintergrund eine violette Blume.

Alles Geschmackssache? Vielleicht. Aber was ist davon zu halten, dass der mannshohe Safe in Silvia Reischers Büro auch noch violett ist? „Lila Safes produzieren wir nicht, auf Kundenwunsch lackieren wir sie aber. Das dürfte bei so einem Safe etwa 400 Euro kosten“, sagt ein Mitarbeiter des Unternehmens Ostertag, das den Tresor in Reischers Büro hergestellt hat, auf Anfrage unserer Redaktion.

Unprofessionelle Institution

Der Bundesnachrichtendienst wird finanziell kurz gehalten, vor einigen Jahren berichtete der Münchener Merkur darüber, dass laut BND-Agenten in ihren Autos selbst die für ihre Arbeit notwendige Standardausrüstung fehlt. Muss es auf die Spione nicht wie Hohn wirken, wenn sich eine Abteilungsleiterin den Büro-Safe mutmaßlich für einige hundert Euro in ihrer Lieblingsfarbe lackieren lässt?

Dass der deutsche Auslandsgeheimdienst in weiten Teilen eine rückständige und unprofessionelle Institution ist, daran lässt die Dokumentation „Schattenwelt BND“ keinen Zweifel. Deutlich formuliert das auch der von 2012 bis 2016 amtierende Geheimdienstchef Gerhard Schindler.

Er habe bei seinem Amtsantritt gedacht, er werde Chef von einem, etwas übertrieben formuliert, „wildgewordenen Haufen Agenten“, die er bremsen müsse. Das Gegenteil sei allerdings der Fall gewesen. „Wir waren auf dem Weg zu einer Verwaltungsbehörde und nicht auf dem Weg zu einem effizienten Auslands-Nachrichtendienst.“

Kein Interesse an Öffnung des BND

Schindler, das zeigt der Film, bemühte sich nach Kräften darum, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Er setzte sich für mehr Transparenz ein, kam kritischen Parlamentariern entgegen, indem er ihnen den Zugang zu BND-Informationen erleichterte, und schließlich wollte er die viel kritisierte weil schrankenlose digitale Überwachung eindämmen.

Die Konsequenz: Schindler flog raus, er wurde vor einigen Monaten in den Vorruhestand geschickt.Die Dokumentation von Rainald Becker, im Hauptberuf ARD-Chefredakteur,Die Dokumentation von Rainald Becker, im Hauptberuf ARD-Chefredakteur, und dem Autor Christian H. Schulz, macht Wolfgang Schäuble für diese Entscheidung verantwortlich. Der heutige Finanzminister habe schon als Innenminister kein Interesse an einer Öffnung des BND gehabt und nun mit parteiinternen Verbündeten die Kanzlerin davon überzeugt, den Reformer rauszuschmeißen.

Gekungelt, gekuscht und gelogen

Zwischenfazit: Man kommt beim Betrachten von „Schattenwelt BND“ aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Wie im Auslandsgeheimdienst und im Umgang mit ihm seit Jahrzehnten gekungelt, gekuscht und gelogen wird, bereitet fast körperliche Schmerzen.

Zahlreiche Experten, darunter auch aktuelle oder ehemalige BND-Mitarbeiter, bestätigen überdies, dass sich der deutsche Auslandsgeheimdienst über lange Zeit der NSA angedient hat, weil man von den ausgefeilten digitalen Abhörmetoden profitieren wollte.

Weil „Schattenwelt BND“ die Defizite des Bundesnachrichtendienstes exzellent herausarbeitet und darüber hinaus einen spannenden Einblick in die Arbeit eines Agenten im Nordirak liefert, kann man die Dokumentation nur in den höchsten Tönen loben. Informativer und kritischer Fernsehjournalismus hat genauso auszusehen.

Ach ja: An dem violetten Safe von BND-Abteilungsleiterin Silvia Reischer hängen übrigens, wie an einem WG-Kühlschrank, noch unzählige Sprüche-Postkarten, darunter „Der frühe Vogel kann mich mal“ oder „Chefkarte: Wenn das Brot spricht, haben die Krümel Pause.“

Das Aushängeschild der Behörde hat also keinerlei Gefühl für eine seriöse Außendarstellung, und der reformwillige Chef des Ladens wurde unlängst rausgeschmissen. Mut für die Zukunft macht das nicht.


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