Technik und Psyche im Sport Arte zeigt zwei hervorragende Sport-Dokumentationen

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Der Weltmeister Adam van Koeverden trainiert in einem historischen Kajak, wie das seines Vorbilds Gert Fredriksson. Foto: Kristian Kähler/ZDFDer Weltmeister Adam van Koeverden trainiert in einem historischen Kajak, wie das seines Vorbilds Gert Fredriksson. Foto: Kristian Kähler/ZDF

Osnabrück. Am 5. August beginnen die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro, und Arte startet seinen Olympia-Vorlauf bereits jetzt. Am 15. Juli zeigt der Kultursender mit „Der wahre Champion“ und „Höher, schneller, weiter – alles Kopfsache?“ zwei exzellente Dokumentationen über die Rolle der Technik und der Psyche im Sport.

Der Name Adam van Koeverden dürfte hierzulande den wenigsten ein Begriff sein. Das Interesse am Kajakfahren hält sich doch in sehr überschaubaren Grenzen. Wer die Arte-Dokumentation „Der wahre Champion“ gesehen hat, wird sich den kanadischen Olympiasieger im Einer-Kajak aber sicher merken, denn er schafft Beachtliches.

Weltrekord unterboten

In einem Holzkajak und mit einem Holzpaddel, wie sie der schwedische Kajak-Übersportler Gert Fredriksson in den 40er-Jahren benutzt hat, unterbietet van Koeverden Fredrikssons Weltrekord über 500 Meter um 9 Sekunden. „Der wahre Champion“ stellt die Frage, welche Rolle das Material bei sportlichen Höchstleistungen spielt – und wohl kaum jemand hätte vermutet, dass ausgerechnet ein moderner Kajakfahrer bei seiner Jungfernfahrt in einer alten Holzjolle die Überlegenheit von moderner Trainingsarbeit demonstriert.

Der englische Sportingenieur und Professor Steve Haaks hat neben Adam von Koeverden noch vier weitere Spitzensportler ins historische Duell mit dem Material der Vorväter geschickt. Entstanden ist dabei eine Wissenschafts-Entertainment-Sendung, wie sie Ranga Yogeshwar leider nie gelingen würde.

Rekord dank X-Glide-Schwimmanzug

Es ist dann aber immerhin ein Deutscher (wobei Ranga Yogeshwar ja aus Luxemburg stammt), der den sympathischsten Auftritt in „Der wahre Champion“ hat: Paul Biedermann . Der Schwimmstar gibt offen zu, dass er seinen Fabelweltrekord über 200 Meter im Jahr 2009 nur dank seines X-Glide-Schwimmanzugs geschwommen ist.

Anziehen dauert 20 Minuten

Der Weltrekord, 1:42,00 Minuten, und der damit errungene Weltmeistertitel zählten, der X-Glide wurde danach allerdings verboten. Für die Dokumentation zieht ihn sich Biedermann zum ersten Mal wieder an – und alle Frauen, die darüber jammern, wie sehr sie sich in enge Jeans oder Abendkleider hineinzwängen müssen, sollten sich das mal genau angucken. Denn 20 Minuten braucht Biedermann, bis er im X-Glide steckt! Die dazugehörigen Zitate: „Ab der Hüfte geht’s“ und „Wenn man ihn erst mal anhat, sitzt er perfekt!“

Für das Duell mit der Geschichte zieht sich ein lächelnder Biedermann eine Stars-and-Stripes-Badehose an, wie Mark Spitz sie bei Olympia 1972 in München trug. Und mit dem traditionellen Badeschlüpper schwimmt Biedermann die 200 Meter schließlich in 1:53,33 Minuten – Spitz hatte bei seinem Weltrekord in München 1:52,78 Minuten hingelegt. Biedermanns Fazit: außerhalb der Wettkampfphase eine gute Zeit für ihn. „Aber mein Respekt vor Mark Spitz ist jetzt noch größer!“

Welche Rolle spielt die Psyche?

Nach dem Thema Technik im Sport beleuchtet Arte in der Doku „Höher, schneller, weiter – alles Kopfsache?“ ab 22.35 Uhr die Rolle, die die Psyche bei sportlichen Spitzenleistungen spielt. Und auch dieser Film ist hoch interessant und ausgesprochen sehenswert.

Zwei Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften stellen die Autoren dabei in den Mittelpunkt. Die erste: Echte Spitzensportler können ihre typischen Bewegungsabläufe so visualisieren, als würden sie sie gerade durchführen. Eindrucksvoll gezeigt wird das an einem französischen Weltklasse-Gewichtheber im Magnetscan.

Die zweite, damit verbundene Erkenntnis: Nicht benötigte neuronale Strukturen in den während der typischen Bewegungsabläufe benutzten Areale werden quasi abgeschaltet. So werden aus ständig wiederholten Bewegungen irgendwann Reflexe, im Gegensatz zum Amateur feuern beim Profi nur noch die relevanten Neuronen – und damit ist er voll auf seine Aufgabe konzentriert.

Flow-Gefühl ist für Spitzensport nötig

Der immer wieder und deshalb natürlich auch in dieser Dokumentation zitierte ungarische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi nannte dieses völlige Aufgehen in einer Tätigkeit „Flow“ – und die in der Dokumentation zu Wort kommenden Neurowissenschaftler lassen keinen Zweifel daran, dass es im Spitzensport diesen Flow braucht, um absolute Topleistungen zu erbringen.

Denn in naher Zukunft, so die Wissenschaftler, werden Top-Sportler allesamt auch mental hervorragend ausgebildet sein. Wer es dann nicht schafft, seine Konzentration im Wettkampf konstant auf allerhöchstem Level zu halten, könne seinen Körper so viel trainieren, wie er wolle – er werde gegen die Konkurrenz untergehen.


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