Satirische Dokumentation USA-Themenabend auf Arte startet mit tollem Hillary-Porträt

Im Fokus der Filmemacher: Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Foto: imago/ZUMA PressIm Fokus der Filmemacher: Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Foto: imago/ZUMA Press

Osnabrück. „Quo vadis Amerika?“ fragt Arte bei einem Themenabend am Dienstag. Zum Auftakt zeigt der Sender mit „Hillary hautnah“ ein exzellentes satirisches Porträt der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton.

Der französische Künstler Karl Zéro hat sich schon zur Stimme einiger Politiker gemacht: George W. Bush, Fidel Castro, Wladimir Putin, Kim Jong Un. Keiner von ihnen ist ohne erhebliche Schuld und jetzt wird diese Reihe ergänzt von einer Frau, die da eigentlich nicht hingehört: Hillary Clinton.

„Hillary Hautnah“ heißt das satirische Porträt, und schon hier haben die deutschen Arte-Verantwortlichen versagt. „Dans la peau d’Hillary Clinton“ heißt der Film im Original, „In der Haut von Hillary Clinton“ also, und weil dieser Titel viel treffender ist und die direkte Übersetzung ins Deutsche hervorragend funktioniert, stellt sich die drängende Frage: Warum in aller Welt geben sich die Arte-Redakteure auch hier diesem fürchterlichen Alliterationsdruck hin und nennen den Film „Hillary Hautnah“?

Doch im Vergleich ist dieser Missgriff sogar lässlich. Denn viel schlimmer wiegt die Auswahl der Sprecherin – der Frau also, die vorgibt, Hillary Clinton zu sein und aus dem Off ihr Leben rekapituliert. „Hillary Hautnah“ ist, wie gesagt, ein satirisches Porträt. Karl Zéro legt der fiktiven Hillary Worte in den Mund, die die echte niemals sagen, aber vielleicht denken würde.

Solche Worte zum Beispiel: „Egal, was er mich gekostet hat: Ich liebe diesen Mann noch immer. Auch wenn er ein Klotz am Bein ist.“ Wäre doch schön gewesen, hätte man eine Sprecherin engagiert, die Sätze wie diesen mit der nötigen Verachtung spricht und überhaupt die kraftvolle, energische, wirklich beeindruckende Sprechweise der demokratischen Präsidentschaftskandidatin spiegelt.

Es leiert aus dem Off

Stattdessen leiert es aus dem Off. Bis man begreift, was für ein großartiges Stück Fernsehkunst man da betrachtet, dauert es eine erhebliche Zeit, weil man von der Sprecherin nicht gepackt, sondern höchstens eingelullt wird.

Spätestens nach 25 Minuten ist die Verirrung aber vorbei, denn da präsentiert uns Karl Zéro einen Moment von so schöner Boshaftigkeit, dass er durch nichts zu zerstören ist. „Acht Jahre lang spielte ich das Schmuckstück, das Muttchen, das nie rebelliert. Zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Denn ich kann euch sagen: Zu Hause hat dieses Miststück einiges an Aschenbechern, Statuetten und dicken Büchern an den Kopf gekriegt“, erzählt uns die falsche Hillary.

Und während die Bilder zeigen, wie das Ehepaar Clinton eine Parade besucht und Präsident Bill einem Plüsch-Hasen die Hand reicht, heißt es aus dem Off: „Da hast du deine Strafe! Du machst jetzt, was Mama sagt! Sag dem Hasen schön guten Tag!“

Großes Drama mit Aufstiegen und Abstürzen

In diesem Moment wird auch klar, dass es diese Art des satirischen Porträts der ehemaligen First Lady wirklich gebraucht hat. Wie hätte man die Enttäuschungen Hillary Clintons eleganter verarbeiten können? Das Leben der heute 67-Jährigen ist ein großes Drama, mit all den Aufstiegen und Abstürzen, die nun mal zu großen Dramen gehören.

Sie war die erste First Lady, die ihre Rolle offensiv politisch ausfüllte, ihr Mann betraute sie schließlich sogar mit der Mammutaufgabe, das amerikanische Gesundheitssystem zu reformieren. Derselbe Mann betrog sie aber auch immer und immer wieder, der Fall Monica Lewinsky ist nur der bekannteste in einer Reihe von Affären.

Diesem charmanten Dauerbetrüger den Rücken freizuhalten und dabei selbst das Opfer von Schmutzkampagnen zu werden, in denen Hillary Clinton immer wieder unterstellt wurde, eine heimliche Lesbe zu sein – das alles auszuhalten ist eine ungeheure Leistung, die diese satirische Dokumentation ehrlich würdigt.

Nie unsympathisch

Die falsche Hillary, die zu uns spricht, ist durch und durch machtgetrieben und kalkulierend. Doch sie wirkt dabei nie unsympathisch. Der echten Hillary Clinton gelingt dieser Eindruck zu selten, und vor allem deshalb droht den USA der Präsident Donald Trump.

Nach „Hillary hautnah“ zeigt Arte mit der Dokumentation „USA - Die neue Macht der Latinos“ eine weitere Erstausstrahlung. Mit großer Genauigkeit und ohne satirischen Ansatz bearbeitet Filmemacherin Roxanne Frias den gewachsenen Einfluss der hispanischen Bevölkerung.

Wer sich statt mit den USA lieber mit deren derzeit wohl größtem Feind beschäftigen will, sollte am Dienstagabend stattdessen Phoenix einschalten. Um 20.15 Uhr läuft dort Jürgen Todenhöfers Dokumentation „Inside IS - 10 Tage im Islamischen Staat“.


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