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Schlechter John le Carré-Thriller „Verräter wie wir“: Ein dummer Mafia- und Männerfilm

Von Daniel Benedict


Berlin. „Verräter wie wir“ ist der schlechteste John-le-Carré-Film seit Jahren. Susanna White verzettelt sich mit Stars wie Ewan McGregor und Stellan Skarsgård in Elitenfeindlichkeit und eigenartigen Männerbildern.

Während Perry und Gail beim Urlaub in Marrakesch zerquält ihre Ehe kitten, lassen die Russen am Nebentisch es krachen. Arglos gesellt sich Perry dazu und betritt damit die Welt des internationalen Verbrechens. Sein neuer Freund Dima ist der Top-Geldwäscher der Mafia – und fürchtet im internen Machtkampf mit Frau und Kindern exekutiert zu werden. Dima plant einen Deal mit dem britischen Geheimdienst. Perry soll der Bote sein.

John le Carré: Eigentlich immer gutes Kino

John le Carrés Romane waren in den letzten Jahren Garant für gutes Kino. Tomas Alfredsons Verfilmung von „Dame, König, As, Spion“ (2011) war eine meisterliche Isolationsstudie, Anton Corbijns „A Most Wanted Man“ (2014) ein starker Film über die Grenzen geheimdienstlicher Erkenntnis. Um so enttäuschender fällt nun Susanna Whites „Verräter wie wir“ ab.

„Verräter wie wir“: Was treibt Ewan McGregor?

„Sie sind ein guter Mensch, Professor, ein Mann von Ehre“, sagt der Gangster Dima immer wieder zu seinem bürgerlichen Helfer. Tatsächlich will Perry mit seinem Einsatz für den verfolgten Verbrecher kein Geld machen. Bloßes Gentleman-Verhalten ist es allerdings auch nicht, was ihn in die gefährliche Allianz treibt.Das Drehbuch von Hossein Amini („Drive“) skizziert Perry in wenigen Strichen als schwachen Mann an der Seite einer starken Frau. Perrys Partnerin Gail geht in der Arbeit als Anwältin auf, er selbst ist als Literatur-Dozent unzufrieden mit sich. Auch die Affäre mit einer Studentin bringt ihm nur eine Ehekrise ein.

Susanna White zeigt Ewan McGregor als Vertreter eines verunsicherten Geschlechts und arbeitet mit denkbar harten Kontrasten: Halb fasziniert, halb entsetzt arbeitet Perry sich am Machismo der Russenmafia ab. Mal veralbert Dima ihn als Pantoffelheld, mal reißt der Geisteswissenschaftler einen tätowierten Vergewaltiger von seinem Opfer. Schoßhund oder Scheusal? Zwischen diesen Männlichkeitsbildern bietet „Verräter wie wir“ noch einen dritten Weg an: das klassische Heldentum. Im Kampf gegen die Killer agiert der Akademiker am Ende sogar effektiver als die Haudegen vom MI5.

Brexit-Wähler werden „Verräter wie wir“ lieben

Noch ärgerlicher als die unterkomplexen Ideen zum Thema Mann ist die Leichtfertigkeit, mit der Susanna White das moralische Dilemma ihrer Hauptfigur behandelt: Darf man einem Verbrecher helfen? Dima spricht zwar immerzu von Ehre; als globaler Gangster dürfte er davon allerdings einen etwas anderen Begriff haben als der britische Gelehrte, der ihm die Haut retten soll. „Verräter wie wir“ tut viel, um den Pakt mit den Teufel gar nicht erst als solchen darzustellen. Dima erscheint als aufopfernder Vater, der sich vor allem um das Leben seiner Kinder sorgt. Und Stellan Skarsgård gibt der Figur so viel schwerblütige Melancholie mit, dass man den Top-Manager der Russen-Mafia fest drücken möchte.

Dass ein Schwerverbrecher hier problemlos als Opfer und Sympathieträger funktioniert, hat aber vor allem diesen Grund: Die wahren Verräter des Films sind die Banker, Geheimdienstler, Parlamentarier und Regierungsvertreter, die aus Gier mit der Mafia paktieren – und das auf britischer Seite genauso wie auf der russischen. Die Frontlinien des Kalten Kriegs sind in „Verräter wie wir“ nicht überwunden, sondern nur durch neue ersetzt: Statt „Ost gegen West“ inszeniert der Thriller nun ein „Oben gegen Unten“. Damit bedient eine Susanna White eine Elitenfeindlichkeit, deren reale Wirksamkeit gerade erst die Brexit-Kampagne bewiesen hat. („The Neon Demon“: Darum ist Refns Model-Horrorfilm gescheitert)

Cameo: Haben Sie John le Carré entdeckt?

Die eindimensionalen Erzählmuster korrespondieren mit der Oberflächlichkeit der Inszenierung. Von der Titelsequenz an biedert sich der Film mit erlesenen Bildern an, selbst Morde werden zu malerischen Blutornamenten im Schnee. Und ob es nun die Gesten der Mafiosi untereinander sind, das an die Karikatur grenzende Spiel von Stellan Skarsgård als Dima oder die Brandrede eines edelmütigen Geheimagenten („Homeland“-Star Damian Lewis), der die Schattenwirtschaft anprangert – in „Verräter wie wir“ ist jede Szene von einer oft naiven Überdeutlichkeit. Das gilt sogar für den Cameo-Auftritt des Autors und Produzenten John le Carré. Damit es keiner verpasst, zeigt die Kamera ihn gleich zweimal – als Kartenabknipser im Einstein-Museum.

„Verräter wie wir“. GB 2015. R: Susanna White. D: Ewan McGregor, Stellan Skarsgård, Damian Lewis. 107 Minuten. Ab 16 Jahren.