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Nicolas Winding Refn in der Kritik „The Neon Demon“: Darum ist der Horror misslungen

Von Daniel Benedict


Berlin.Im Model-Horror „The Neon Demon“ nähert sich Nicolas Winding Refn dem rein visuellen Erzählen. Am Ende wird Elle Fanning aber nicht nur von ihren Model-Kolleginnen gefressen, sondern auch von Platitüden des Grauen. Auch Bilder können geschwätzig sein. Eine Kritik.

Elle Fanning fällt als Model unter Menschenfresser, Keanu Reeves zeigt eine der unheimlichsten Vergewaltigungsszenen der letzten Jahre: Mit „The Neon Demon“ versucht sich Nicolas Winding Refn erneut an einem Neo-Giallo – und scheitert trotz eines starken Auftakts im bedeutungsschwangeren Splatter-Finale.

Wovon handelt „The Neon Demon“?

Die 16-jährige Jesse (Elle Fanning) kommt nach Los Angeles, um Model zu werden. Für ihre Bewerbungsmappe hat sie sich als schöne Leiche inszenieren lassen. Und schon mit diesem allerersten Bild hat der Regisseur Nicolas Winding Refn ihre ganze Geschichte erzählt. Tatsächlich wird Jesse an ihrer eigenen Schönheit sterben – weil diese alle Menschen um sie herum zu Monstren mutieren lässt– sogar Jesse selbst.

Was soll die Metapher vom „Neon Demon“?

Refns Neon-Dämon steht für eine Perfektion, deren Leere jedes authentische Leben auslöscht. „Es dreht sich nicht nur alles um Schönheit“, heißt es einmal, „es gibt nichts anderes als Schönheit.“ In einer starken ersten Stunde zelebriert „The Neon Demon“ die Grausamkeit dieser These. Refn konfrontiert Jesse mit Models, die sich vom Chirurgen zu künstlichen Wesen machen lassen. Und er bringt sie mit einem Fotografen zusammen, dessen Blick sie so unbarmherzig verdinglicht, dass es etwas Gewalttätiges hat.

Wie suggestiv und wie unheimlich Schönheit ist, führt Refn auch vor, indem er selbst eine hochfetischistische Bildsprache bedient. Mal taucht er die Szene in monochromes Rot und Blau, dann reißt er seine Figuren mit pochenden Strobo-Effekten aus dem Kontext, schließlich setzt er Jesses als bloßes Image auf die weiße Leinwand. Immer wieder findet er neue, süchtig machende Bilder, die ihre eigene Pracht feiern. („Only God Forgives“: Darum war der letzte Refn besser)

Keanu Reeves als Vergewaltiger, Elle Fanning als Scream Queen

Zugleich zwingt Refn sein Publikum in heftiges Unbehagen, wenn er seine Heldin einer bedrohlichen Situation nach der anderen aussetzt. In der suggestivsten Sequenz schreckt sie vor einem schemenhaften Eindringling in ihrem Motel zurück, der von innen dumpf gegen die Tür schlägt und sich später als Puma entpuppt. In einer anderen Szene wird Jesse symbolisch vergewaltigt – als Keanu Reeves ihr im Schlaf eine Klinge in den halb geöffneten Mund schiebt.

Bei einer Modenschau begegnet Jesse dem Neon-Dämon dann quasi persönlich: In einem aus Neon-Röhren geformten Dreieck küsst sie ihr eigenes Spiegelbild und verfällt damit selbst der Vorstellung, keine Person, sondern ein abstraktes Ideal zu sein. (Toni Erdmann: Wie reagiert das Publikum auf den Cannes-Liebling?)

Refn scheitert an der hohen Kunst des Giallo-Horrors

Die Alltagswahrscheinlichkeit hat da schon lange einer symbolischen Traumlogik Platz gemacht. Wie bereits in „Only God Forgives“ (2013) folgt Refn den Spielregeln des performativen Films, eines Kinos also, dem seine surrealen Geschichten nur der Vorwand für ein Spiel mit halluzinatorischen Bildern und Tönen sind. Seine Wurzeln hat es im italienischen Horrorfilm der 60er Jahre; von den Werken der franko-belgischen Filmemacher Hélène Cattet und Bruno Forzani bis hin zum Regie-Debüt Ryan Goslings erlebt das Genre als Neo-Giallo aber gerade ein reges Revival.

Seine Dringlichkeit bezieht dieses visuelle Erzählen im besten Fall aus der Verheißung, nur in der Form etwas Unaussprechliches erfassen zu können. Eine gute Stunde hält auch Refn diesen Anspruch aufrecht. Aber je heftiger er seinen Alptraum dann eskalieren lässt, desto mehr werden seine Bildmetaphern zu Platitüden.

Refn schildert das Begehren als lebensfeindliche Projektion – indem er eine Frau mit einer Leiche schlafen lässt. Aus der Aneignung des anderen in der Liebe macht er echten Kannibalismus. In der Schlussvolte des Films wird ein menschliches Auge gegessen, wieder ausgewürgt und noch einmal verschluckt. Die aufgedonnerte Symbolik ist als blutige Theorie des Blicks zu verstehen. Über Refns Umgang mit den beliebtesten Schockmomenten der Filmgeschichte sagt sie aber mindestens genau so viel aus. Das letzte Drittel von „The Neon Demon“ stammt von einem Cinéasten, der sich an Buñuel, Argento und Lynch überfressen hat und uns all seine Idole nun unverdaut vor die Füße reihert.