Einbruch in Männerdomäne Vor 40 Jahren: Dagmar Berghoff erste Tagesschau-Sprecherin

Von Cornelia Wystrichowski

Dagmar Berghoff am 27. Januar 1984 in der Kulisse der Tagesschau. Foto: imago/teutopressDagmar Berghoff am 27. Januar 1984 in der Kulisse der Tagesschau. Foto: imago/teutopress

Osnabrück. Als erste „Tagesschau“-Sprecherin im deutschen Fernsehen schrieb sie Geschichte: Vor 40 Jahren, am 16. Juni 1976, moderierte Dagmar Berghoff zum ersten Mal die Nachrichten im Ersten.

Damit war sie zwar nicht die erste Nachrichtensprecherin der Bundesrepublik, denn schon 1971 hatte Wibke Bruhns als „heute“-Sprecherin im ZDF vorgelegt. Doch die damenhafte Dagmar wurde zum Inbegriff der Newslady und schrieb in einer Zeit, als Frauen auf wichtigen Posten noch kritisch beäugt wurden, Mediengeschichte.

Heute sind Frauen bei den Nachrichten selbstverständlich, damals waren sie es nicht. „Ich habe mich am Anfang sehr unter Druck gesetzt, weil ich dachte, ich müsste auf Anhieb so gut sein wie die Kollegen“, erinnert sich Berghoff. Jeder Versprecher sei deshalb für sie eine Katastrophe gewesen. Ihr legendärer Lapsus, als sie aus dem WTC-Tennisturnier das WC-Turnier machte und einen Lachkrampf bekam, passierte zum Glück erst später, als sie schon abgeklärter war.

Keine Feministin, aber Wegbereiterin

Die Frauenbewegung hatte im Deutschland der 70er Jahre starken Aufwind. 1971 bekannten zahlreiche Frauen in der Illustrierten „Stern“ aus Protest gegen das Abtreibungsverbot: „Ich habe abgetrieben!“ Ab 1977 durfte ein Mann seiner Ehefrau nicht mehr verbieten, arbeiten zu gehen. Als Feministin begreift sich Dagmar Berghoff selber zwar nicht, doch sie war eine Wegbereiterin für die aktuellen Sprecherinnen Ellen Arnhold, Susanne Daubner, Judith Rakers und Linda Zervakis.

Die heute 73-jährige Berghoff war 33, als sie zum ersten weiblichen Gesicht der „Tagesschau“ wurde und damit in eine Männerdomäne einbrach. Als erste Frau bei der „Tagesschau“ musste sich Berghoff einiges gefallen lassen. „Der damalige Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke vertrat eigentlich die Ansicht, dass Frauen das nicht können, weil sie in Tränen ausbrechen, wenn ein Unglück passiert ist.“ Die Bild-Zeitung nannte sie bei ihrem Antritt denn auch gönnerhaft „das Mädchen, das auch trübe Nachrichten etwas angenehmer macht“.

Zur Institution geworden

Im DDR-Fernsehen hatte bereits 1963 die erste Frau die Nachrichten sprechen dürfen, Anne-Rose Neumann bei der „Aktuellen Kamera“. In der Bundesrepublik war Wibke Bruhns die erste Frau im News-Einsatz, sie debütierte 1971 bei den „heute“-Nachrichten. Freilich war sie nur zwei Jahre lang dabei – Dagmar Berghoff dagegen wurde zur Institution. Von 1995 bis zu ihrem Abschied 1999 war die elegante Blondine sogar Chefsprecherin.

Im Nachhinein räumt die langjährige Miss Tageschau ein, dass sie etwas anders moderierte habe als viele ihrer männlichen Kollegen es für richtig hielten. Die Herren pochten auf staubtrockene Nüchternheit, sie nicht: „Bei traurigen Meldungen fand ich es legitim, beispielsweise durch ein kurzes Verzögern minimales Gefühl mitschwingen zu lassen.“ Ihre schlimmsten Meldungen seien unter anderem die Ermordung von Hanns-Martin Schleyer und das Unglück bei einer Flugzeugschau im pfälzischen Ramstein 1988 gewesen, bei dem es zahlreiche Todesopfer und viele Verletzte gab.

An der linken Hand fehlen zwei Finger

Die gebürtige Berlinerin lebt seit Langem in Hamburg. Ursprünglich wollte sie Schauspielerin werden, spielte in Dieter Wedels Mehrteiler „Einmal im Leben“ mit. Zur „Tagesschau“ kam sie über Stationen als Ansagerin und Radiosprecherin, später moderierte sie auch Sendungen wie die „NDR Talk Show“. Heute macht die 73-Jährige nur noch selten Schlagzeilen – mit bunten Meldungen aus ihrem Privatleben. 2013 bereute Berghoff öffentlich, dass sie sich vor geraumer Zeit die Augenlider hatte straffen lassen, seitdem habe sie unschöne Falten unter den Augen. Sie verriet auch, dass an ihrer linken Hand zwei Finger fehlen, was sie im Fernsehen stets unter ihren Notizzetteln versteckt habe – kein Zuschauer merkte es. Und bei Talkmaster Markus Lanz plauderte die verwitwete TV-Ikone aus, dass sie ihr Todesjahr kenne: Zwei Heiler und ein Wahrsager hätten ihr den Zeitpunkt prophezeit.


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