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Gottschalk-Kritik: Wie war‘s? Mensch Gottschalk: „stern TV“ in Endlosschleife

Von Daniel Benedict

„Mensch Gottschalk – Das bewegt Deutschland“: In seiner neuen RTL-Show talkt Thomas Gottschalk sich für RTL durch die Nacht – auf Drittsendelizenz. Foto: Jörg Carstensen/dpa„Mensch Gottschalk – Das bewegt Deutschland“: In seiner neuen RTL-Show talkt Thomas Gottschalk sich für RTL durch die Nacht – auf Drittsendelizenz. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Berlin. Am Anfang von„Mensch Gottschalk“ verrät der Gastgeber erstmal den Täter aus dem parallel laufenden „Tatort“ – um das Konkurrenzprogramm im Handstreich überflüssig zu machen. Wie gut ist der Rest von Thomas Gottschalks Testballon?

Vier Stunden Gottschalk im Gespräch. Das ist das Konzept der neuen RTL-Show „Mensch Gottschalk – Das bewegt Deutschland“. Funktioniert es? Wir berichten live.

Thomas Gottschalk macht den Warm-up selbst

Als Thomas Gottschalk die Studiobühne betritt, trägt er die Schminktüchlein aus der Maske noch auf den Schultern. Normalerweise, sagt er, kommt jetzt ein Warm-upper, der dem Publikum einheizt. Wenn er dann rauskommt, bläst ihn der künstliche Jubel gleich wieder hinter die Kulissen. Gottschalk verzichtet bewusst darauf und bittet nur freundlich darum, auch bei schwachen Witzen auf Verdacht zu lachen. Ansonsten sollen seine Gäste sich wie ganz normale Leute verhalten. Und damit ist er mitten im Konzept der Show: Mit ganz normalen Leuten sprechen, will Gottschalk. Und damit für ganz normale Menschen Fernsehen machen. (Mensch Gottschalk: Wieso hat RTL mit der RTL-Show nicht viel zu tun?)

Gottschalk verrät den „Tatort“-Täter

Was ganz normale Leute interessiert, will Gottschalk diesmal nicht nur aus seinem genialen Bauch heraus erkennen. Für die Themen von „Mensch Gottschalk“ hat er Meinungsumfragen in Auftrag gegeben. Den Durchschnittsdeutschen hat er sogar im Studio – mitsamt Sofa. Die Werbe-Agentur Jung von Matt hat den kleinsten gemeinsamen Nenner der Deutschen statistisch hergeleitet und in den eigenen Räumen ein komplett dem Durchschnitt entsprechendes Wohnzimmer eingerichtet. Gottschalk tritt in eine Kopie davon und sagt: „Der Durchschnittsdeutsche heißt Thomas Müller und schaut leider jetzt ‚Tatort‘. Tatsächlich läuft in Gottschalks TV-Wohnzimmer live der Berliner „Tatort“ – Gottschalk guckt kurz hin und verrät kalt lächelnd die Täterin: Paula. Als er bei den Ehrlich-Brüdern später eine Zauber-Karte markieren soll, schreibt er sogar noch mal „Paula war‘s“ auf die Spielkarte! Lustiger kann man nicht auf die übermächtige Konkurrenz pfeifen. (Ist der „Tatort“ heute trotzdem das bessere Programm? Zur Kritik)

Kinder betatschen: Gottschalk und die McDonald‘s-EM-Eskorte

Über den Namen Thomas Müller gleitet Gottschalk geschmeidig ins nächste Thema: Vor der Fußball-Europameisterschaft hat er sich die McDonald‘s-Eskorte ins Studio geholt samt ihrem Hymnen-Komponisten Mark Forster. Und nach dem flotten Auftakt schliddert Gottschalk in alte Unarten zurück. Das kleinste Kind bringt er mit einem Witz in Verlegenheit: „Du bist das Eskorten-Kind, aber ein Retortenkind bist du hoffentlich nicht.“ Welcher Grundschüler soll darüber lachen? Alle anderen Kinder müssen sich dann anfassen lassen. Gottschalk paradiert an der Eskorte lang und schubst an jedem Kind rum. Dem einen schließt der die Hände vor dem Bauch, dem nächsten schiebt er das Kind in Haltung. Jeden anderen würde man jetzt darauf hinweisen, dass man Erwachsene auch nicht einfach so befingern würde. Bei Gottschalk bringt das natürlich nichts. Er tut ja leider auch das. („Warum ich meinen Kindern die EM verschweige:“ – Bekenntnisse eines Vaters)

Der Mix macht‘s: Gottschalk spricht am Tag des Hundes über Terrorgefahr

Gottschalk will thematisieren, „was die Menschen bewegt“, aber dabei keine schlechte Laune verbreiten. Das Credo führt zu einem kühnen Themen-Mix. Im Talk mit Torwart Timo Hildebrand, Spormoderator Opdenhövel und einem Terrorexperten leistet Gottschalk in wenigen Minuten, wofür Anne Will eine Stunde braucht – und floskelt relevante Fragen ohne Erkenntnisgewinn nieder. Danach zaubern die Ehrlich-Brüder Gottschalk einen Stift aus dem Haar. Und weil heute „Tag des Hundes“ ist, zeigt der Entertainer einen alten „Na, sowas“-Ausschnitt mit einem sprechenden Hund, der nicht spricht. Das nächste Gast ist dann der Präsident des EU-Parlaments. Gottschalk: Herr Schulz, der Putin, wie ist er denn so? Schulz: Er ist ein Netter. (Matthias Opdenhövel im Interview: So wird die EM)

Keine Gottschalk-Show ohne Auto

„Toll, dass du in eine Live-Show kommst“, sagt Gottschalk zu Daimler-Chef Dieter Zetsche. „Das ist ja wirklich riskant. Wenn dir rausrutscht, dass du gern Rad fährst, rauscht der Aktienkurs vielleicht um Milliarden runter.“ Dieter Zetsche sieht das Risiko gelassen. „Ich fahre sehr gern Fahrrad“, sagt er. Und Angst vor Gottschalk musste noch kein Autobauer haben. Schon gar nicht, wenn er wie Zetsche mit dem selbstfahrenden Luxus-Mobil ins Studio rollt und schon mit der Begleitmusik dem „Star War“-Kosmos zugeordnet wird. „Mir gefällt‘s wirklich“, staunt Gottschalk. „Ich bin begeistert.“ Und für alle, die eine Fahrt per Autopilot eigenartig finde, sitzt auch noch Niki Lauda dabei, der bestätigt: Im Cockpit fliegt natürlich auch ein Computer. Die Hälfte der Deutschen kann sich vorstellen, im selbstfahrenden Auto zu sitzen, hat Gottschalk zu Beginn des Beitrags seine Umfragen zitiert. „Mal sehen, ob wir die andere Hälfte auch noch umstimmen.“ Wenn der launige Einspieler nicht hilft, in dem Zetsche und Gottschalk auf der Autobahn im Selbststeuernden „Highway to Hell“ singen – was dann? . (Wie war‘s? Unsere Kritik zu „500 – Die Quiz-Arena)

Keine Gottschalk-Show ohne Samuel Koch

Seine nächsten Gäste stellt Thomas Gottschalk ungewöhnlich selbstkritisch vor: „Als wir uns überlegt haben, Samuel Koch in die Sendung einzuladen, habe ich zuerst befürchtet: Es könnte der Verdacht entstehen, ich würde etwas unredlich mein Schicksal mit seinem verknüpfen“, sagt Gottschalk. Dann nennt er aber zwei Gründe, die doch dafür sprachen. Der erste: „Viele Menschen sehen Samuel als Vorbild.“ Der zweite: „Samuel hat eine junge Frau gefunden, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten möchte.“ Die Rede ist von Sarah Elena Timpe; bevor Samuel Koch auftritt, spricht Gottschalk erst einmal mit ihr. Und auch wenn Gottschalk etwas merkwürdig Samuel Kochs Schicksal mit seinem Entertainment verknüpft – was Timpe von ihrer Verlobungsfeier berichtet, ist interessant. Anstatt von Glückwünschen haben ihre eigenen Gäste ihr sowas gesagt: „Wir wünschen dir viel Kraft. Du bist mutig.“

Thomas Jauch ist am Telefon

Der allerälteste Freund von Thomas Gottschalk ist Günther Jauch. Und als Leon Windscheid ins Studio kommt, der letzte „Wer wird Millionär“-Millionär, holt Gottschalk Jauch für ein Grußwort ans Telefon. Wer jetzt einschaltet, denkt womöglich: Gottschalk übernimmt endlich „stern TV“. Denn genauso, nur viel länger, fühlt sich sein RTL-Testballon an. Und das ist kein Zufall; denn auch „Mensch Gottschalk“ läuft bei RTL unter Drittsendezeitenlizenz – in einem Programmfenster also, das große Privatsender unabhängigen Anbietern offenhalten müssen. Produzent ist „Spiegel TV“. Der Anspruch hinter dem Konzept ist unterhaltsame Informationsvermittlung. Und Infotainment sprüht hier tatsächlich aus jeder Sendeminute: Bevor der deutsche Großgroß-Cousin von Donald Trump befragt wird, vergeigt ein Kabarettist Trump-Pointen. Zum Thema Leukämie kommt eine 21-jährige Betroffene, die mit Jimi Blue Ochsenknecht für Knochenmark-Spenden wirbt. Eigentlich wollte Gottschalk Michael Mronz sprechen, sagt er in die Kamera – aber Guido Westerwelles Partner war nur zu einem Videoeinspieler bereit. Zwischendurch tanzt die „Let‘s Dance“-Siegerin ins Studio, Nena ist auch da, und die Pet Shop Boys stellen live ihren neuen Song vor. Um elf Uhr ist dann ein veganer Metzger dran; und die Show dauert immer noch immer eine Stunde. Um 21.45 Uhr hatte Gottschalk seinen „Tatort“-Gag noch mal aufgegriffen und eine fiktive Krimi-Zuschauerin, die gerade jetzt umschaltet, persönlich begrüßt. Die Frau hat alles richtig gemacht. Vier Stunden „Mensch Gottschalk“ ohne Zappen durchzugucken ist genauso, als würde man zehn „stern“-Ausgaben ohne Unterbrechung lesen, von der ersten bis zur letzten Seite.


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