Cate Blanchett in der Kritik Moment der Wahrheit: Redford karikiert sich selbst

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Berlin. In Vanderbilts „Der Moment der Wahrheit“ inszenieren Cate Blanchett und Roberd Redford einen der größten Medienskandale jüngeren Datums nach. Mit kritikwürdigem Resultat.

Die sogenannten „Killian-Papiere“ bescheren den USA vor zwölf Jahren einen der großen Medien-Skandale jüngerer Zeit. Mitten im Wahlkampf fordern zwei Journalisten den US-Präsidenten heraus. In der CBS-Nachrichten-Sendung „60 Minutes“ wollen Dan Rather und Mary Mapes mit den Dokumenten beweisen, dass nur die privilegierte Herkunft George W. Bushs den amtierenden Präsidenten einst vor dem Vietnameinsatz bewahrt hat; den ungefährlichen Dienst, in den er ausweichen konnte, soll er dann auch noch geschwänzt haben. Die Enthüllung hätte Bush die Wiederwahl kosten können. Tatsächlich verlieren die Journalisten ihren Job; mit Dan Rather verschwindet ein Mann vom Bildschirm, der Generationen von Amerikanern die Welt erklärt hatte. Weil die Macht die Wahrheit unterdrückt hat? Oder weil die Nachricht gar keine Wahrheit war?

Cate Blanchetts Wahrheit ist parteiisch

„Truth“ heißt James Vanderbilts Tatsachen-Verfilmung im Original, und der Titel klingt, als sollte hier ein hehrer Begriff in seine Einzelteile werden. Tatsächlich schlägt „Der Moment der Wahrheit“ sich schon in der Recherche auf die Seite der Reporter, wenn Vanderbilt Mapes‘ Memoiren zur Grundlage des Drehbuchs macht. Auf der Leinwand wird die Journalistin am Ende zur Märtyrerin, wenn sie vor einem Untersuchungsausschuss alle Diplomatie fahren lässt, und das Gremium als Gesinnungspolizei im Stile McCarthys angreift. Zu Blechbläser-Klängen und in Slow Motion bekennt sich Vanderbilt mit seinen Helden zum Ideal der „Courage“ – eine Floskel, mit der Rather sich über Jahre vom Publikum verabschiedet hatte. („Der Moment der Wahrheit“: Fakten zum Film)

Vanderbilt – der Regisseur der Redaktionen

Diese Auflösung der Geschichte kämpft mit einem Problem: Die „Killian-Papiere“, das Herzstück der Investigativ-Geschichte, stammen aus einer nicht nachvollziehbaren Quelle und liegen Mapes nur als Kopie vor. Ihre Echtheit konnte bis heute nicht nachgewiesen werden. Nur Stunden nach ihrer Veröffentlichung thematisieren Blogs denn auch Auffälligkeiten im Schriftbild der Dokumente; die Selbstverteidigung der CBS-Rechercheure besteht dann zu großen Teilen darin, eine historische Schreibmaschine aufzutreiben, die ein fragwürdiges Sonderzeichen der „Killian-Papiere“ schon in den 70ern auf der Tastatur hatte. (Cate Blanchett – geehrt vom MoMA)

Seit seinem Drehbuch zu David Finchers Thriller „Zodiac“ (2007), der das Katz-und-Maus-Spiel eines Serienmörders mit dem „San Francisco Chronicle“ beschreibt, interessiert Vanderbilt sich für das Thema Medien. Sein Debüt als Regisseur begreift er nun auch als Porträt einer Nachrichten-Redaktion im Internet-Zeitalter. Den Erkenntniswert des digitalen Widerspruchs erkennt „Der Moment der Wahrheit“ allerdings nie an; stattdessen zeigt der Film eine Enthüllungsjournalistin, die sich (gemeinsam mit dem Zuschauer) darüber belehren lassen muss, wieso die vermeintlichen Details ihrer Beweisführung so wichtig sind.

Robert Redford karikiert seine Watergate-Rolle

Die Porträts der Figuren sind auch sonst eigenartig. Cate Blanchett, die am Werk auch mit ihrer Produktionsfirma Dirty Films beteiligt ist, arbeitet den seelischen Druck aus, dem ihre Mary Mapes ausgesetzt ist. Die Mediendebatte bekommt dabei einen merkwürdig privaten Fokus, zumal das Drehbuch auch noch Mapes‘ Mutterolle und den Einfluss ihres eigenen, gewalttätigen Vaters thematisiert. Fast unangenehm anzusehen ist Robert Redford, der als Rather weise Worte zur Pressefreiheit spricht, mit Zahncreme-Lächeln seinen auch im Alter anhaltenden journalistischen Biss demonstriert und seine berühmte Rolle als Watergate-Enthüller in „Die Unbestechlichen“ (1976) karikiert.

Dan Rather selbst gefällt übrigens, wie Redford ihn spielt. Der Sender CBS dagegen – auf der Leinwand beschuldigt, aus kommerziellen Gründen vor Bush eingeknickt zu sein – weigerte sich aus Protest, Werbung für den Film zu zeigen. Einem Werk, das die Ambivalenzen und Probleme bei der Wahrheitssuche thematisieren will, stellt eine so polarisierte Wahrnehmung ein schlechtes Zeugnis aus.


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