Alles schön definiert Pumpen bis das Geld kommt: „Fitness“-Stars auf Youtube

Von Hendrik Steinkuhl


Osnabrück. Wer ins Fitness-Studio geht, um sich einen an ein Mittelgebirge erinnernden Körper anzutrainieren, der heißt heutzutage „Pumper“ – und natürlich findet diese Bizeps-Show auch auf Youtube statt. Die Stars der Szene haben Millionen Fans.

Muskeln lassen sich gut vermarkten – wenn auf dem Stiernacken noch ein Kopf mit hübschem Gesicht thront, umso besser, und wenn das alles noch von einer Aufsteigergeschichte ergänzt wird, ist man Youtube-Clickmillionär und heißt Alon Gabbay .

Von dem 29-Jährigen heißt es, dass er in seiner Jugend in Israel ein schwacher und dünner AD(H)Sler ohne Freunde war, der mit 14 die Schule verließ und eine Drogenkarriere begann. Mit 17 ging er nach Deutschland, fing an mit dem Krafttraining, hörte auf mit den Drogen, und nach ein paar Jahren konnte er seinen Job bei McDonald’s kündigen, weil er dank seines Youtube-Kanals ein gefragtes Fitness-Model war.

Auf Youtube klingt dieser Alon Gabbay übrigens so: „Wenn ihr denkt, ihr seid gut – ihr seid nicht mal halb gut. Nicht mal halb so gut, wie euer Potenzial es euch ermöglicht.“ Das Video, in dem Gabbay zu nach Heldenaufmarsch klingendem Orchestergefidel solche Parolen verkündet, heißt: „Wie hart willst du es wirklich? Fitness Motivation.“

Allon Gabbay ist der erfolgreichste unter den deutschen Fitness-Stars auf Youtube – wobei Fitness-Stars ein irreführender Begriff ist. Es handelt sich um Pumper. Pumper gehen nicht ins Studio, um fit zu werden, sondern um auszusehen wie eine Comicfigur. Jeder sichtbare Muskel maximal definiert, natürlich nur durchs Pumpen und die richtige Ernährung. Anabolikakonsum (Szenesprache „stoffen“) wird in der Öffentlichkeit hartnäckig geleugnet.

Die Selbstinszenierung der Pumper auf Youtube wirkt auf den nicht ausschließlich auf Bizeps und Quadrizeps fixierten Menschen so, dass man sich dringend ein neues Adjektiv wünscht; weil es „lächerlich“ nicht mal im Ansatz beschreibt.

Ganz vorne in der Fremdschäm-Skala liegt der Newcomer Rico Lopez Gomez. Der filmt sich schon mal dabei, wie er im Muscle-Shirt durch seine Heimatstadt Vechta fährt, zur Technomusik aus dem Autoradio den Kopf bewegt und dann sagt: „So Leute, ab zum Dönermann – Waage am Start.“ Wer ein richtiger Pumper ist, der wiegt eben jede Mahlzeit ab, rechnet Kohlenhydrate, Fette und Eiweiße aus und baut dazu beim „Dönermann“ den Döner auseinander, bevor er ihn isst.

Wer wie Rico Lopez Gomez ein richtiger Pumper ist, der sagt allerdings auch nicht „Kohlenhydrate“, sondern „Carbs“, und natürlich sagt er auch nicht „Ich gehe jetzt was essen“, sondern: „Ich gehe jetzt snacken.“ Weil die modernen Pumper teilweise die männliche Jugendkultur repräsentieren, bedienen sie sich in vollem Umfang ihrer Sprache – und prägen sie auch.

Bestes Beispiel: Der „Cheat Day“, an dem man nicht pumpen geht, sondern sich den Bauch vollhaut, hat wie selbstverständlich Eingang in die Umgangssprache der unter Vierzigjährigen gefunden. Und Sentenzen wie „Von Salat schrumpft der Bizeps“ werden heute höchstens belächelt – aber nicht mehr verlacht.

Die Youtube-Pumper sind Vorbilder für viele, und zwar ganzheitliche. Immer ist der „Sport“ auch Mittel zur Steigerung des Selbstbewusstseins. Rico Lopez Gomez soll als Kind noch gestottert haben, heute natürlich nicht mehr.

Flavio Simonetti wiederum, der vielleicht erste deutsche Youtube-Pumperstar, nennt sich „Retter der Dünnen“ und vermarktet sich damit als Vorbild für alle Hungerhaken, die ohne Anabolika einen richtig gut definierten Body erreichen wollen.

Fast jeder Youtube-Pumperstar bietet ein eigenes Online-Coaching an. E ine der wenigen Ausnahmen ist Uwe „Flying Uwe“ Schüder, der mal Kandidat bei Big Brother war. Schüder sorgt aber trotzdem und wie viele andere dafür, dass ordentlich Kohle reinkommt, indem er Klamotten und Nahrungsergänzungsmittel vertreibt.

Der in Bezug auf seine Einkommensquelle hemmungsloseste Youtube-Pumper ist Karl Ess , der vegan lebt und natürlich auch das sehr offensiv vermarktet. Mit sogenannten Affiliate Links, das sind im oder unter dem Video eingeblendete Verweise auf kommerzielle Seiten, meist Online-Shops, können Youtuber gutes Geld verdienen. Wenn sie ein Produkt dazu noch ausgiebig vorstellen und bewerben, ist das Honorar natürlich entsprechend höher. Und was präsentierte der nur von Obst und Gemüse zu Höchstleistungen getriebene Karl Ess? Eine Penispumpe.