Web-Phänomen und Youtube-Star Hans Entertainment: Erfolg durch Selbsterniedrigung

Von David Sarkar

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Dick im Geschäft: Hans Entertainment. Foto: Universal MusicDick im Geschäft: Hans Entertainment. Foto: Universal Music

Freiburg. Es gibt Menschen, die sind bekannt, weil sie wirklich etwas können. Und es gibt Menschen wie Hans Entertainment. Der heißt mit bürgerlichem Namen Christopher Kjell Hans, lebt bei Freiburg, ist 22 Jahre alt und so etwas wie der Dorftrottel der sozialen Medien.

Vor rund einem Jahr, am 20. Mai 2015, lud Hans sein erstes Video auf Facebook hoch. Der Inhalt ist intellektuell überschaubar: Hans trinkt gekühlten Kaffee, raucht eine Zigarette und plädiert dafür das Leben zu genießen. Das Video wurde zum viralen Hit, erhielt über 2000 Likes und Hans wurde bekannt. Nur einen Monat später folgten ihm bereits über 100000 Menschen auf Facebook. Mittlerweile sind es rund 449000. Warum nur?

Alles, was die Mehrheit zu vermeiden sucht

Hans verkörpert so ziemlich alles, was die Mehrheit der Gesellschaft zu vermeiden sucht. Er wiegt über 200 Kilogramm, ist arbeitslos und hat keinen Schulabschluss. Er fällt aus der Norm und ist sich dessen sehr wohl bewusst. Er spielt mit seiner Rolle als Sonderling und macht sie zu seinem Markenzeichen – eine bewusste Selbsterniedrigung, eine Art Freakshow, die ihre Existenzberechtigung alleine aus der Anzahl der Zuschauer zu beziehen scheint. Positiv formuliert könnte man aber auch sagen: Hier ist einer, der weiß, dass er nicht perfekt ist, sich aber trotzdem zeigt. Allen Anfeindungen zum Trotz. Es ist am Ende wohl beides.

Die Zuschauer lassen sich immer neue Beleidigungen einfallen, die tausendfach unter den Videos einlaufen, aufgebaut nach dem immer gleichen Schema: „Kennt ihr diesen Hans-Entertainment-Moment…?“ – ein Satz, mit dem Hans selbst jedes seiner Videos beginnt, gefolgt von Sätzen wie „So motherfucking goddamn true“, der Bezeichnung „Pimmelberger“ oder dem türkischen Schimpfwort „Aminakoyum“.

In den Kommentaren werden diese Schlagworte weitergeführt und gegen ihn selbst gerichtet. Beleidigungen als Teil der Show. „Dieser Hans Entertainment Moment, wenn Hans’ Zähne endgültig eskalieren“, schrieb ein Nutzer jüngst in Anspielung auf vermeintlich mangelhafte Zahnhygiene. Ein anderer vermutet, dass Hans seine Follower „Pimmelberger“ nennt, „weil er seinen eigenen nicht sehen kann!“ Doch es gibt auch Zuschauer, die dem Schwergewicht zur Seite springen: „Habt ihr Assis nichts Besseres zu tun, als ihn zu beleidigen? Bei solchen Leuten könnte ich ausrasten, nur im Internet große Schnauze. Leben und leben lassen, ist das so schwer“, kommentiert ein Fan. Hans selbst antwortet nicht.

Mehr Schreien als Singen

Seine beachtliche Reichweite auf Facebook hat Hans mittlerweile auch für die Musikindustrie interessant gemacht. Mitte September erschien seine Single „Hoch die Hände – Wochenende!“ beim Major-Label Universal Music – eine treibende Dance-Nummer, in der Hans mehr schreit, als singt. Das Stück stieg auf Platz 66 der deutschen Single-Charts ein; das dazugehörige Video, gedreht auf einer Yacht vor Mallorca, wurde auf Youtube bis heute fast 14 Millionen Mal aufgerufen.

Vom Erfolg seines Ohrwurms zehrt Hans bis heute. So tingelt er jedes Wochenende durch die Großraumdiskotheken des Landes und ruft seine persönliche „Eskalation“ aus. Der Auftritt im berühmten „Bierkönig“ auf Mallorca im April sollte der Höhepunkt dieser Disco-Reise werden, doch der Auftritt geriet zum Fiasko. Das Publikum pöbelte den Sänger mit Pfiffen und Buhrufen bereits nach vier Minuten von der Bühne. Gegenüber der „Bild“-Zeitung bezeichnete Hans diesen Auftritt später als „irre brutal“ und zeigte sich entsetzt.

Eine Woche Jugendknast

Doch Hans ist nicht nur der immer gut gelaunte Strahlemann. Das wurde seinen Fans Anfang des Jahres klar, als herauskam, dass er eine einwöchige Haftstrafe im Jugendarrest antreten muss. Der Grund: Er hatte einem Rentner im Freiburger Hauptbahnhof Kaffee ins Gesicht geschüttet. Dieser hatte ihn zuvor aufgefordert das Rauchen zu unterlassen. Darüber hinaus soll er einen Bahn-Mitarbeiter beleidigt und einen Zugnachbarn bedroht haben. Hans sagte dazu in einem Facebook-Video: „Wenn ich genießen will, lasse ich mich nicht so gerne stören. Deswegen braucht aber nicht jeder gleich Angst haben, wenn ich aufstehe!“ Bereuen würde er seine Taten nicht. Er habe seine Meinung, die er sich von niemanden verbieten lassen würde. Und diese Meinung sei eben, „das Leben zu genießen“. Scheinbar um jeden Preis.

Erst rechtsradikal, dann Salafist?

Für Aufregung und Kopfschütteln sorgte der Trash-Star auch, als bekannt wurde, dass er 2014 bei einer Predigt des bekennenden Salafisten Pierre Vogel öffentlich zum Islam konvertierte. Mittlerweile rudert Hans zurück: Moslem sei er noch immer, doch vom Salafismus distanziere er sich. „Ich kann gar nicht sagen, was mich da geritten hat. Das war eine Phase von mir – genauso wie ich auch eine rechtsradikale Phase hatte. Ich weiß – das hört sich jetzt ein bisschen komisch an. Ich bin da von einem Unglück ins Andere gefallen“, sagte er dem Freiburger Online-Magazin fudder.de. Gefallen habe ihm das Gefühl jedoch, vor 200 Leuten zu stehen, die „Allahu akbar“ („Gott ist groß“) schreien. Da fühle man sich wie ein kleiner Diktator. Bleibt zu hoffen, dass Hans nicht auch noch auf die Idee kommt in die Politik zu gehen.


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