Fernseh-Perlen auf Arte Friedrich Liechtenstein besucht „Tankstellen des Glücks“

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Osnabrück. Der Edeka-Clip mit seinem Song „Supergeil“ hat Friedrich Liechtenstein bekannt gemacht, jetzt bereist das Gesamtkunstwerk mit Rauschebart und gold lackierten Fingernägeln für Arte Tankstellen in ganz Europa. Die zehn Folgen „Tankstellen des Glücks“ sind wahre Fernseh-Perlen.

Ist es überhaupt denkbar, diesen Mann nicht zu lieben? „Er ist ein Gefäß für die Wünsche der unglaublichsten Menschen“, sagt Hans-Holger Friedrich über seine Kunstfigur Friedrich Liechtenstein, und es darf ergänzt werden, dass er ebenso ein Gefäß für die Wünsche ganz normaler Menschen ist. Denn wer wünscht sich nicht, das zu sein, was dieser Friedrich Liechtenstein ist: immer glücklich. Und immer der Coolste im Raum.

Für den Arte-Thementag „Tankstellen-Träume“ hat der  Edeka-Supergeil-Viralheld nun Tankstellen in ganz Europa angefahren und daraus zehn Filme von 26 Minuten Länge gedreht. Arte sendet am Pfingstmontag alle Folgen hintereinander weg, um 11.30 Uhr geht es los.

Was aber treibt diesen Berufsflaneur und Performer Friedrich Liechtenstein dazu, ausgerechnet Tankstellen zu bereisen? „Für mich sind Tankstellen die romantischsten Orte unserer Zeit.“ Er meint das ernst. Und Liechtenstein wäre nicht Liechtenstein, wenn er diese Meinung auf seiner Reise nicht gefühlt jedem zweiten mitteilen würde.

Ein Satz wie aus dem Kopf von Dittsche

Die Reaktionen auf die steile These wundervoll. Hilflos-höflich meistens. Was soll man denn auch sagen, wenn einem dieser viel zu gut angezogene Charmeur mit gold lackierten Fingernägeln und Barry-White-Bass einen Satz zuflüstert, der klingt, als stammte er aus dem Kopf von Dittsche .

Am offensivsten äußert noch die Berliner Friseurin, die Liechtenstein vor seiner Abreise auf seiner Dachterrasse bedient, ihr Unverständnis. „Also es hat sich ja schon rumgesprochen, dass nicht nur eine brennende Kerze auf dem Tisch romantisch ist“, antwortet Liechtenstein mit einem derart einnehmenden Lachen, dass jede vorstellbare Arroganz in seiner Aussage sofort gelöscht wird.

Der Zuschauer sieht Liechtenstein in der Arte-Reihe übrigens immer wieder in seinem echten Zuhause, dem schwarzen Avantgarde-Bau in der Berliner Linienstraße 40. Dort lebt Liechtenstein als Schmuckeremit, und keine Angst, der Begriff findet gleich noch seine Erklärung.

„Die großen Schlagworte sind kryptogam und extremophil“

Nach seinem Supergeil-Erfolg vor zwei Jahren hat Liechtenstein den Journalisten von „Zeit“, „Süddeutscher Zeitung“ und „dpa“ diktiert, er liebe und lebe das Algenmodell. Oder um den Künstler direkt zu zitieren: „Die Zeit der Eiche ist vorbei, jetzt ist die Zeit der Alge. Das Algenbild ist geprägt von Verwandlung, von Unschärfe im Kern der Definition. Die großen Schlagworte sind kryptogam und extremophil.“

Kryptogame sind Pflanzen, deren sexuelle Vermehrung ohne Blüten stattfindet, extremophil sind Organismen dann, wenn sie sich unwirtlichen, lebensfeindlichen Umgebungsbedingungen angepasst haben. Ein schönes Bild für den Puppenspieler Hans-Holger Friedrich, der als Gesamtkunstwerk Friedrich Liechtenstein erst in diesem rotzigen Berlin und seit „Supergeil“ auch in diesem von Eckdatenfetischisten geprägten Deutschland etabliert ist.

Im Protzbau an der Linienstraße lebt Liechtenstein, weil ihn ein Gönner dort kostenlos wohnen lässt. Der Künstler veredelt das Haus durch seine pure Anwesenheit - das ist ein moderner Schmuckeremit. Ursprünglich war eben dieser ein in den riesigen Garten-Anlagen des englischen Adels lebender Exzentriker, der von den noch exzentrischeren Lordschaften als eine Art Ein-Mann-Menschenzoo gehalten wurde.

Schmuckeremit 2.0

Der Schmuckeremit 2.0 Friedrich Liechtenstein wiederum hält sich, das behauptet jedenfalls die Arte-Reihe, in seiner riesigen Klause ein Algenlabor. Er liebt und lebt ja wie erwähnt das Algenmodell. Während er also auf seinen Reisen zu den Tankstellen Europas Sprit verbrennt, thematisiert er in scheinbar unmotiviert eingebauten Sprüngen in seine Wohnung immer wieder die alternative Energiegewinnung für den Verkehr.

Beim - natürlich - Algensalat spricht er dann mit der Wirtschaftswissenschaftlerin und „Klimapäpstin“ Claudia Kemfert über die Erdöl-Ausbeutung und - natürlich - die Alge.

An einer wirklich wunderschönen Tankstelle in Kopenhagen trifft er dagegen einen Künstler mit Cowboyhut, mit dem er Erdöl aus Sektgläsern trinkt. Es sieht jedenfalls aus wie Erdöl, und das soll es natürlich auch.

„Orpheus hat sich umgedreht / den Fehler mach‘ ich nicht“ 

In Bad Gastein reist er wiederum mit der Kutsche zur Tankstelle, denn sein alter Daimler ist ihm auf dem Weg scheinbar verreckt. Wer die Doppelbödigkeit in all dem nicht erkennt, sollte vielleicht wirklich überlegen, ob er sich das alles vier Stunden lang antun will.

Ach ja: Natürlich singt Friedrich Liechtenstein auch wieder. Nach spätestens drei Folgen ist sein Titelsong „1000 Liter tanken“ ein wundervoller Ohrwurm - und die Zeile „Orpheus hat sich umgedreht / den Fehler mach‘ ich nicht“ schon jetzt eine der charmantesten in der deutschen Musik.

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