Neo Magazin gegen Vera Int-Veen Böhmermann führt RTL vor: Die Gründe für #verafake

Von Christian Ströhl


Osnabrück. Es ist eine Bloßstellung: Jan Böhmermann hat mit seinem Fake-Kandidaten die Machenschaften der Produzenten hinter „Schwiegertochter gesucht“ aufgedeckt. Die Folgen: die Medienaufsicht schaltet sich ein und RTL entschuldigt sich. Es ist nicht der erste Skandal um eine Sendung mit Vera Int-Veen.

„Liebes RTL, liebe Vera Int-Veen, ihr müsst jetzt sehr, sehr stark sein“, tweetete die Redaktion des „Neo Magazin Royale“ vor Ausstrahlung der Sendung am Donnerstagabend. Wie recht sie damit doch hatte. Denn lag vor der Sendung der Fokus bei den gespannten Zuschauern noch auf dem Schmähgedicht und dessen politischen sowie juristischen Folgen, konzentriert sich die Medienwelt nun auf das RTL-Format „Schwiegertochter gesucht“.

„Asi-Wohnung“, Alki-Vater

Jan Böhmermann und seine Redaktion schleusten einen falschen Kandidaten bei der Kuppel-Show ein, stellten ihm einen vermeintlich alkoholkranken Vater zur Seite und bauten eine Wohnung in eine „Asi-Wohnung“ (Zitat Böhmermann) um. Und tatsächlich: Die Produktionsfirma „Warner Bros. International Television Production Deutschland“ fiel auf die Fake-Kandidaten rein. (Zum Video: Böhmermanns Coup gegen „Schwiegertochter gesucht“)

Sätze für Kamera vorgegeben

Schlimmer noch: Sie überzeichneten die von der „Neo-Magazin-Royale“-Redaktion karikierten Typen sogar. Dem vermeintlichen Eisenbahnfreund und Schildkrötenliebhaber „Robin“ (der Fake-Kandidat) brachte die Redaktion für die Dreharbeiten extra Stoffschildkröten mit. Sogar ganze Sätze gab eine Redakteurin „Robin“ vor.

Ganze 150 Euro Gage

Der größte Aufreger des Enthüllungsbeitrages ist aber der Vertrag, den die Produktionsfirma den Kandidaten vorlegt. 10 Drehtage seien darin festgeschrieben, 20 weitere könnten bei Bedarf für Nachdreharbeiten anfallen. Der Lohn für die Protagonisten: 150 Euro – und zwar insgesamt. Macht also fünf Euro pro Tag. Trotzdem unterschrieben die Fake-Kandidaten, mit falschem Namen, und ohne dass ein Redakteur jemals einen Personalausweis der Schauspieler gesehen hätte. „Wäre ja schließlich Dokumentenfälschung“, resümiert Böhmermann. (Lesen Sie hier die Kritik der aktuellen „Neo Magazin“-Folge)

Ohne Rücksicht auf Verluste

Der Enthüllungsbeitrag war ein Paukenschlag am Donnerstagabend. Auf Nachfrage unserer Redaktion, wie die RTL-Produktionsfirma mit dem Beitrag umgehe, erhielten wir keine Antwort. Dafür meldete sich RTL zu Wort. Nach den Enthüllungen des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann zu den Produktionsbedingungen der Sendung „Schwiegertochter gesucht“ hat RTL Fehler eingeräumt. Die Produktion der aktuellen Staffel werde daher von einem neuen Team übernommen.

(So reagiert das Netz auf #verafake)

Dass Böhmermann diesen „Angriff“ auf „Schwiegertochter gesucht“ jedoch völlig grundlos startete, ist unwahrscheinlich. Vielmehr muss die Aktion als eine „Vergeltung für den Zuschauer“ bewertet werden. Denn selbst die Produzenten von „Schwiegertochter gesucht“ engagierten (mindestens) einmal eine Fake-Kandidatin.

Der Skandal um Nicola-Alexandra

2014 machte die Kandidatin Nicola-Alexandra ein Fake-Geständnis. Der „InTouch“ verriet sie damals, sich nie bei „Schwiegertochter gesucht“ beworben zu haben. „Falls ihr genau aufgepasst habt, hat dieses Mal Vera die Kandidatinnen für den Engelmann ausgewählt. Ich habe mich NICHT dort beworben.“ Nicola-Alexandra wollte das Trash-TV-Format vielmehr zur Werbung für ihre Astro-Show im Teleshop nutzen (Wir berichteten). „Für diese Sendung erhalte ich SUPER viel positives Feedback für meinen Mut, mich mit meinen Fähigkeiten in der Öffentlichkeit so zu präsentieren“, sagte Nicola-Alexandra damals.

Der Skandal um „Mietprellern auf der Spur“

Das war nicht der erste Skandal, bei dem eine Sendung mit Vera Int-Veen aufgeflogen ist. Schon vor fünf Jahren machte die Moderatorin Schlagzeilen mit ihrem Format „Mietprellern auf der Spur“.

Das Medienportal „Meedia“ erinnert sich: „In der Sendung wollte Int-Veen dokumentieren, womit Vermieter im Falle von Mietnomaden oder Prellern zu kämpfen haben.“ Rücksicht auf soziale Hintergründe wurde dabei nicht genommen. Ein Jugendlicher sei damals vom Filmteam offenbar „gegen seinen Willen“ gefilmt worden“, sagt „Meedia“. Das Material wurde danach so manipuliert, dass es im TV so ausgesehen hatte, als hätte das Kamerateam jedoch eine Zustimmung des Teenagers erhalten. Er lebte damals mit seinem Bruder und seiner pflegebedürftigen Mutter zusammen.

„Ich bin gegen jede Schummelei“

Zudem gehe aus dem Rohmaterial (Hier ein Link dazu) hervor, dass der Sohn eindeutig versucht habe, dem Kamerateam den Zugang zu der Wohnung zu verwehren. RTL erklärte, die Mutter des Jungen sei mit den Dreharbeiten einverstanden gewesen. Und Int-Veen äußerte sich in der BamS ziemlich uneinsichtig: „Natürlich wird viel weggeschnitten, wenn man sieben Tage dreht und hinterher ein 47 Minuten langer Beitrag übrig bleibt. Aber bei mir wird nicht getrickst; ich bin gegen jede Schummelei!“

Politik schaltet sich ein

Die für RTL zuständige Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) leitete eine Vorprüfung gegen „Schwiegertochter gesucht“ ein.

„Die Art und Weise, wie die Produktionsfirma Verträge mit den Kandidaten abschließt und sie dabei bedrängt, erinnert stark an Haustürgeschäfte“, sagte NLM-Direktor Andreas Fischer am Freitag in Hannover.

„Unerträglich“

Die medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Tabea Rößner, forderte eine politische Debatte über die Berechtigung von Reality-TV-Formaten wie „Schwiegertochter gesucht“. „Es ist teilweise unerträglich, wie rücksichtslos Medien um Aufmerksamkeit und Quoten kämpfen“, sagte Rößner. Der Persönlichkeitsschutz greife dabei häufig zu kurz. „Hier wird es nicht ganz einfach sein, zwischen der Menschenwürde einerseits und andererseits dem selbstbestimmten Recht der Beteiligten, sich für solche Formate zu entscheiden, abzuwägen.“

Wie geht es weiter?

Jan Böhmermann deutete nach seinem Enthüllungsbeitrag mit schelmischem Grinsen an: „Wer weiß, wo wir noch alles Fake-Kandidaten eingeschleust haben?“ Die RTL-Mitarbeiter dürften hellhörig geworden sein, startet am Montag, den 16. Mai, doch die nächste Staffel des Erfolgs- und Trash-TV-Formats „Bauer sucht Frau“. Um 19.05 Uhr stellt Moderatorin Inka Bause die neuen Kandidaten vor. Drei Tage später sendet ZDFneo um 22.15 Uhr die nächste Folge von „Neo Magazin Royale“. Gelingt Böhmermann dabei erneut so ein Scoop wie zuletzt? In einem Interview erklärte Böhmermann zuletzt seinen Antrieb: Er sei wie ein Spezialkommando, „ich trete die Tür ein und die Leute müssen selbst schauen, was dahinter ist“.