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ESC 2016: Wer ist weiter? ESC 2016: Russland, Ungarn und Zypern im Finale

Von Daniel Benedict


Berlin. ESC 2016: Zehn von 18 Nationen haben sich im 1. Halbfinale qualifiziert. Estland, Island und Finnland gehören nicht dazu. Wieso? Die Songs in der Einzelkritik:

Der Eurovision Song Contest 2016 geht in die heiße Phase. 42 Länder beteiligen sich am 61 ESC. Sechs sind für das Finale schon gesetzt, darunter Deutschland. In zwei Halbfinals treten am Dienstag, 10. Mai, sowie am Donnerstag, 12. Mai 2016, je 18 weitere Nationen an. Jeweils zehn davon qualifizieren sich für das Finale. So verlief das erste ESC-Halbfinale:

ESC 2016: Einsfestival startet mit Panne

Jedes Jahr bei den ESC-Halbfinals ist es dasselbe: Wo auf der Fernbedienung sind bloß Phoenix oder Einsfestival? Auch die Spartensender selbst scheinen überrumpelt zu sein, dass auf einmal Publikum vorm Fernseher sitzt. Einsfestival jedenfalls beginnt den „Eurovision Song Contest“ mit einer Texttafel, auf der nur wenig stimmt. Nicht genug damit, dass der Sender am Abend des ersten Halbfinales das „Semifinale II“ ankündigt. Die Sendung wird auch noch als Wiederholung ausgewiesen – und zugleich als Live-Übertragung. Hui! (Völkermord und Atombombe: ESC-Songs, die für Skandale sorgten)

Finnland: Sandhja - „Sing It Away“

Sandhja besingt in der Eröffnungsnummer des ESC-Halbfinales ihr Rezept gegen Kummer: den Ärger einfach wegsingen. Entsprechend dynamisch schreitet sie durchs Publikum und peitscht mit dem Mikro durch die Luft, dass die Kreolen nur so flattern. Begleitet wird Sandhja von Tänzern, die Peter Urban im Kommentar als Jazz-Dance-Gruppe des heimischen Turnvereins vorstellt. Ihre knödelige Soulstimme zieht Twitter-Spott auf sich, den Einsfestival am unteren Bildrand einblendet. Ganz unberechtigt ist er nicht.

Griechenland im ESC-Halbfinale 2016: Argo - „Utopian Land“

Die griechische Band Argo setzt beim Eurovision Contest auf eine Strategie der vielstimmigen Zielgruppenansprache: Sie machen einfach Folklore und Rap – und vergraulen damit die Fans beider Segmente. Ihr Titel beschwört ein utopisches Land, als das die Krisennation Griechenland derzeit wohl den wenigsten Bewohnern erscheint. Ein klarer Fall von Betteln um Sympathien. (ESC-Halbfinale 2016: Hier geht‘s zum Livestream)

Moldau: Lidia Isac - „Falling Stars“

In Moldau ist die ESC-Kandidatin Lidia Isac als Hälfte des Pop-Duos Glam Girls erfolgreich; ihre Songschreiber gelten als alte Hasen des ESC. Trotzdem passiert dem Team bei „Falling Stars“ ein kurioser Fehler: Statt der angekündigten Sterne fällt ein Astronaut vom Himmel, der in seinem Strahlenschutz-Anzug aufdringlich um Lidia herumtanzt. Es ist unmöglich, sich auf die Musik zu konzentrieren. Einem Vollprofi wie Peter Urban gelingt es trotzdem. Er findet sie allerdings langweilig.

Ungarn: Freddie - „Pioneer“

Nur bei einem flüchtigen Blick auf die Startliste des ESC-Halbfinales konnte man glauben, dass Freddy Quinn noch einmal antritt. Tatsächlich schreibt sich Freddie aus Ungarn anders. Und statt eines Jungen mit der Gitarre steht nun ein Junge mit Riesenpauke auf der Bühne. Vor allem fehlt dem pathetischen Schmachten dieses Freddies aber der augenzwinkernde Charme des Originals. Justin Timberlake im ESC-Finale 2016? Wieso denn das?

Kroatien: Nina Kraljić - „Lighthouse“

Eine Siegerin von „The Voice“, die im crazy Kostüm auf der ESC-Bühne erscheint. Was nach der deutschen Finalistin Jamie-Lee klingt, ist beim Halbfinale in Wahrheit die Kroatin Nina Kraljić. Von Flöten begleitet, singt sie im schönsten Sopran vom Leuchtturm und bewegt sich dabei nur ganz wenig – weil sie ein aufwendiges Transformers-Kleid anhat, das von eilfertigen Domestiken noch während der Show permanent umgebaut wird. Eindrucksvoll. Die Frau gilt als Favoritin.

Niederlande: Douwe Bob - „Slow Down“

Der Holländer Douwe Bob singt einen Song mit dem Titel „Slow Down“; und wie ernst er es meint, beweist er mit einer Pause von mehreren Sekunden mitten im Lied. Aus deutscher Sicht viel bemerkenswerter: Um als Euro-Cowboy mit Country erfolgreich zu sein, braucht es offenbar gar nicht den Kostümverleih-Look von „The BossHoss“. Schmal geschnittene Anzüge im Stil von Vor-Beatles-Bands funktionieren offenbar auch. (Ein paar Tops, viele Flops: Die Geschichte der deutschen ESC-Teilnehmer)

Armenien: Iveta Mukuchyan - „Love Wave“

Die gebürtige Eimsbüttelerin Iveta Mukuchyan wird im Twitter-Feed unter dem Einsfestival-Bild vor allem wegen ihrer Optik veralbert, zum Beispiel als Catwoman. Das ist natürlich völlig falsch. Catwoman trägt einen hautengen Hosenanzug ohne Cape, Iveta Mukuchyan einen Badeanzug mit Cape. Und das nicht ohne Grund: Sie besingt eine Liebeswelle und ist schon fertig angezogen, um sich hineinzustürzten. Fehlen nur noch die Liebesschwimmflügel.

San Marino: Serhat - „I Didn’t Know“

Die Türkei ist beim ESC nicht dabei, ein Türke aber schon – und zwar für San Marino, ein Land, das etwa so viele Einwohner hat wie Schweden ESC-Sieger. Mit „I Didn‘t Know“ ist Serhat ein Top-Anwärter für den besten Leonard-Cohen-Song, der nicht von Leonard Cohen gesungen wird.

Russland: Sergey Lazarev - „You Are The Only One“

„Du bist der Einzige“ singt der russische ESC-Kandidat Sergey Lazarev. Er selbst ist allerdings schon der Zweite, der mehr Liebe in die Videoanimation zur Show steckt als in seinen Song. Måns Zelmerlöw, der mit so einer Nummer im letzten Jahr den ESC, gewonnen hat, muss jetzt als Moderator mitansehen, wie sein Clue geklaut wird.

Tschechische Republik: Gabriela Gunčíková - „I Stand“

Die Titel passen diese Jahr aber wirklich wunderbar auf die Songs. Auch das „I Stand“ von Gabriela Gunčíková ist programmatisch. Die Tschechin baut sich zu ihrer Ballade so statuarisch auf der ESC-Bühne auf, dass man zweifelt, ob unter ihrem bodenlangen Kleid noch Leben oder nur eine Säule ist.

Zypern: Minus One - „Alter Ego“

Bei der Rockband „Minus One“ aus Zypern wundert man sich die ganze Zeit darüber, dass die Metal-Jungs ihren Ruf als böse Buben beim ESC aufs Spiel setzen. Der Erklärtext auf der ESC-Seite schafft Klarheit: Jenseits des Contests sind Minus One eine Coverband, und als solche haben sie sicher kein Problem mit richtigen Songs im falschen Kontext.

Österreich: Zoë - „Loin d’ici“

In Österreich dreht nicht nur politisch die Zeit zurück. Auch auf der Bühne ist beim österreichischen Beitrag alles so wie damals, als der Grand Prix noch das Einzige war, das Europa gemeinsam hatte. Eine hübsche junge Frau steht im apricot-farbenem Kleid auf der Bühne, ein Diadem im langen blonden Haar. Sie lächelt wie gelernt und singt – französisch! Das muss ein besonders perfider Fall von Kritik sein: Zoë macht alles so, wie es den hartnäckigsten Konservativen gefallen muss, und verweigert dann die Landessprache.

Estland: Jüri Pootsmann - „Play“

Estland schickt ein halbes Kind zum ESC, das Peter Urban zufolge zuhause ein Star in allen Medien ist. Die Bühne betritt Jüri Pootsmann in Vatis Hochzeitsanzug; in seiner Performance geriert er sich als Zocker der Liebe. Der Kartentrick aus dem Kinder-Zauberkasten, den er mittendrin aufführt, wirkt dabei besonders überzeugend. Die tiefe Stimme aus diesem Knabengesicht hat allerdings etwas Verstörendes.

Aserbaidschan: Samra Rahimli - „Miracle“

Als der ESC in Baku stattfand, hat Samra Rahimli beim Vorentscheid zum ersten Mal als 16-Jährige auf der Bühne gestanden. Jetzt beweist sie mit aller Kraft, dass sie eine Frau geworden ist: im goldenen Hosenanzug, mit einer schmetternden Ballade und mehr Bombast, als ihre Vorbilder Diana Ross und Beyoncé zusammen auf die Bühne bringen würden.

Montenegro: Highway - „The Real Thing“

Nach dem Metal der Coverband „Minus One“ treten die Hardrocker montenegrinischen Hardrocker Highway mit dem selbstbewussten Titel „The Real Thing“ an. Und tatsächlich: Ihre Gitarrennummer sieht nicht wie die Abmosch-Imitation von Fans aus, sondern wie fernsehtauglicher Rock aus der Gegenwart.

Island: Greta Salóme - „Hear Them Calling“

Greta Salómes ESC-Beitrag wird als isländisches Psychodrama angekündigt. Ihre schwarze Lederfransen lassen dann an Natalie Portmans Gefieder in „Black Swan“ denken, die düsteren Hände, die hinter hier von der Videoleinwand greifen haben etwas von Asia-Horror. Eine schöne Mischung aus Pop und Arthouse also, die auch Salóme selbst einlöst: In einem zweiten Leben spielt sie Geige im isländischen Sinfonieorchester.

Bosnien-Herzegowina: Dalal & Deen feat. Ana Rucner and Jala - „Ljubav Je (Love Is)“

Aus Bosnien-Herzegowina kommt eine Kombo zum ESC 2016, deren Name sich eher wie eine Liste liest. Das hat Gründe. Seit drei Jahren war das Land beim ESC nicht dabei. Und so wie es aussieht, dürfen jetzt alle auf einmal antreten, die in den letzten Jahren zu kurz gekommen sind, unter anderem ein Rapper und eine Cellistin. Das Ergebnis klingt ungefähr so, wie ein Essen aus allen Zutaten schmeckt, die seit 2013 übrig geblieben sind.

Malta: Ira Losco - „Walk On Water“

Auch Ira Losco wird als ESC-Favoritin gehandelt – das allerdings erst nach ihrem Sieg beim Vorentscheid. Den hatte sie mit dem Song „Chamäleon“ gewonnen. Weil der allgemein allerdings als zu schwach galt, hat sie gleich zehn neue Songs für eine Nachnominierung eingespielt. Die Disco-Nummer „Walk on the Water“ hat das Rennen gemacht – und Glück gebracht.

Im Finale des ESC 2016 stehen

  • Aserbaidschan: Samra Rahimli - „Miracle“
  • Russland: Sergey Lazarev - „You Are The Only One“
  • Niederlande: Douwe Bob - „Slow Down“
  • Ungarn: Freddie - „Pioneer“
  • Kroatien: Nina Kraljić - „Lighthouse“
  • Österreich: Zoë - „Loin d’ici“
  • Armenien: Iveta Mukuchyan - „Love Wave“
  • Tschechische Republik: Gabriela Gunčíková - „I Stand“
  • Zypern: Minus One - „Alter Ego“
  • Malta: Ira Losco - „Walk On Water“


Warum muss Deutschland nicht ins ESC-Halbfinale 2016?

Sechs Nationen sind beim ESC traditionell fürs Finale gesetzt, ohne sich im Halbfinale der Konkurrenz stellen zu müssen. Neben dem Gastgeberland sind das die sogenannten Big Five: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien. Diese fünf Länder zahlen das meiste Geld in die European Broadcasting Union (EBU) ein, die den Eurovision Song Contest ausrichtet.