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Seit 45 Jahren auf Sendung Blutakte XY: Muss das ZDF-„Aktenzeichen“ drastisch sein?

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„Setzt der Horrorshow ein Ende!“ Schon in den 70ern war „Aktenzeichen ...XY“ in der kirchlichen Presse umstritten – trotz der seriösen Aura von Eduard Zimmermann. Foto: ZDF/Magdalena Mate„Setzt der Horrorshow ein Ende!“ Schon in den 70ern war „Aktenzeichen ...XY“ in der kirchlichen Presse umstritten – trotz der seriösen Aura von Eduard Zimmermann. Foto: ZDF/Magdalena Mate

Osnabrück. Seit knapp 45 Jahren geht die Fernsehsendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ im ZDF erfolgreich auf Verbrecherjagd. Immer wieder gibt es Kritik, insbesondere auch an Gewaltdarstellungen. Die Verantwortlichen winken ab und verweisen auf eine hohe Aufklärungsquote.

Wenn sich wie am vergangenen Mittwoch zahlreiche Zuschauer zur Aufklärung grausamer Verbrechen bei Rudi Cernes TV-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ einfinden, können sie sich stets zweier Dinge gewiss sein. Zum einen, dass im Schnitt über 40 Prozent der zuvor ungeklärten Fälle aufgeklärt werden. Zum anderen, dass mitunter Filmausschnitte gezeigt werden, die nichts für zarte Gemüter sind.

Zuschauer der Sendung haben sich seit Generationen darauf eingestellt, dass es in den nachgestellten Szenen nicht immer zimperlich zur Sache geht. Letzten Mittwoch hielten sich die Filmteams zwar selbst bei der Darstellung brutaler Raubüberfälle verhältnismäßig zurück. Dafür ging es beispielsweise in der vorletzten Sendung vom 15. Februar besonders heftig zur Sache, als ein schwerer Raub an einer Juwelierin mit sehr drastischen Mitteln nachgestellt wurde. Blut, wiederholte Schläge und Tritte auf das längst am Boden liegende, gefesselte und geknebelte Opfer, pseudorealistische Wackelkameraperspektiven vor sachlich klingendem Hintergrundkommentar und atonaler Musikuntermalung sorgen in so einem wie in zahlreichen anderen Fällen reißerisch für weit mehr als nur sachdienliche Aufmerksamkeit. Kritiker an diesem Format fragen schon seit langer Zeit, ob hier nicht im Namen der Verbrechensbekämpfung zu Unterhaltungszwecken unnötig Ängste geschürt und Grenzen überschritten werden.

In früheren Zeiten haben die Produzenten von „Aktenzeichen XY“ kurz vor der Darstellung der schlimmsten Gewalttaten die Szenerie durch Wegblenden oder Unschärfen stets der weiteren Fantasie der Zuschauer überlassen. Was freilich ebenfalls zu nachhaltigen Beklommenheitszuständen führen konnte. Bereits in den 1970er-Jahren gab es zu „Aktenzeichen … XY“ mehrere öffentliche Debatten, in denen „dieser Horrorshow endlich ein Ende“ (epd Kirche und Rundfunk vom 27. Januar 1979) gewünscht wurde. Aber ist so eine Debatte in Zeiten zahlreicher anderer „Real-TV“-Unterhaltungsformate, die schon am Nachmittag jede Form von Jugendschutz konterkarieren, überhaupt noch zeitgemäß?

Beschwerden über die Art und Weise der Gewaltdarstellungen habe es in letzter Zeit jedenfalls weder von Zuschauern noch von institutioneller Seite gegeben, versichern ZDF-Redakteurin Nadja Grünewald sowie Chefredakteurin Ina-Maria Reize-Wildemann von der Produktionsgesellschaft Securitel gemeinsam schriftlich auf Anfrage unserer Zeitung. Im Gegenteil. „Jedes Drehbuch und jeder Film wird mit den zuständigen Staatsanwaltschaften abgestimmt und findet deren uneingeschränkte Zustimmung“, so die beiden Redakteurinnen. „Die XY-Redaktion erhält auch vonseiten der Polizei regelmäßig viel Lob für die realistische Umsetzung der Fälle.“

Außerdem müsse sich das Format nun einmal „mit realistischen Fällen der Schwerstkriminalität auseinandersetzen“, deshalb sei man allerdings „stets darauf bedacht, Gewaltszenen nur anzudeuten und eben nicht bis ins Detail zu zeigen“. Obwohl in der Sendung immer nur „so viel Gewalt wie nötig und so wenig wie möglich“ gezeigt werde, sei es unmöglich, komplett darauf zu verzichten. „Das ist nicht immer angenehm anzusehen. Sollte die Sendung nun auf Gewaltdarstellung verzichten, würde die Kriminalität verharmlost, und das wäre keineswegs in unserem Sinne.“

Letztendlich verweisen die beiden Redakteurinnen auf eine in den letzten Jahren stetig gestiegene Aufklärungsquote, die „auch mit der hohen Einschaltquote von XY“ erklärt werden könne. „Das hat“, so Grünewald und Reize-Wildemann, „vielleicht auch etwas mit der Eindringlichkeit der filmischen Darstellung zu tun“. Oder, etwas anders formuliert: Je drastischer die filmische Darstellung der Gewaltverbrechen, desto höher die potenzielle Einschaltquote und damit das Aufklärungspotenzial seitens der Zuschauer. Die Frage, ob der Zweck hier die Mittel heiligt, ist allerdings bis heute nicht ausdiskutiert worden.


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