Themenschwerpunkt auf Phoenix Terrorismus-Experte zu RAF: „Noch einiges zu klären“

Von Reinhard Lüke

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Osnabrück. Wenn heute in Deutschland von Terrorismus die Rede ist, denken die meisten Menschen an Anschläge von Rechtsradikalen oder Attentate mit islamistischen Hintergrund. Die gewaltsamen Aktionen der RAF, denen in der BRD 34 Menschen zum Opfer fielen, kennen viele jüngere Menschen allenfalls aus den Geschichtsbüchern. Am Sonntag, dem 40. Todestag von Ulrike Meinhof, startet der Sender Phoenix einen groß angelegten Programmschwerpunkt zum Thema RAF.

Neben Guido Knopp, der das Ganze um 13 Uhr mit einer Talkrunde einleitet, ist da auch Elmar Theveßen mit von der Partie, der nicht nur stellvertretender Chefredakteur des ZDF ist, sondern seit Jahren auch als Terrorismusexperte in Erscheinung tritt. Woher rührt das Interesse und seit wann beschäftigt er sich damit? „Eigentlich“, so Theveßen im Gespräch mit unserer Redaktion, „schon seit meinem Studium der Politischen Wissenschaften. Ich habe von 1987 bis 93 unter anderen bei Dr. Manfred Funke, einem der renommiertesten Extremismus-Forscher, studiert. In den Jahren ist mein Interesse für das Thema geweckt worden.“ Im vergangenen Jahr sorgte die RAF, die 1998 offiziell ihre Auflösung erklärt hatte, noch einmal für Schlagzeilen, nachdem die Fahnder DNA-Spuren von drei ehemaligen Mitgliedern nach einem Überfall auf einen Geldtransporter entdeckt hatten. Für Elmar Theveßen nach eigenem Bekunden nicht wirklich eine Überraschung: „Schließlich gab es ja 1999 in Duisburg schon einen ähnlichen Fall. Damals waren sich die Ermittler ziemlich sicher, dass der Raub nichts mit einer etwaigen Rückkehr der RAF zum politischen Kampf zu tun hatte, sondern der reinen Geldbeschaffung für den privaten Lebensunterhalt diente. Und die Indizien zu den Geschehnissen 2015 deuten in dieselbe Richtung.“ Folglich dürfte das Kapitel RAF doch eher abgeschlossen sein. Und auch die Auseinandersetzung mit diesem Kapitel deutscher Geschichte hat in zahlreichen Büchern, Dokumentationen und Spielfilmen nahezu umfassend stattgefunden.

Noch einiges aufzuarbeiten

Gibt es da in diesem Phoenix-Schwerpunkt überhaupt noch etwas aufzuarbeiten? „Ich denke“, sagt Elmar Theveßen, „da gibt es noch einiges zu klären. Unter anderem die offenbar intensive Unterstützung der RAF durch die Stasi oder die Zusammenarbeit mit der Volksfront zur Befreiung Palästinas, der PFLP. Hier ist beispielsweise noch nicht klar, welche Erkenntnisse dazu dem israelischen Geheimdienst Mossad vorlagen und ob und wie dieser mit deutschen Behörden zusammengearbeitet hat. Hinzu kommt, dass die Ermittler von vielen der RAF-Mitglieder der dritten Generation die Spuren gänzlich verloren haben. Zudem sind einige der von ihnen begangenen Morde wie die an Alfred Herrhausen, Gerold von Braunmühl und Detlev Rohwedder bis heute nicht aufgeklärt.“

Von irgendwelchen besonderen Anstrengungen, die Täter dingfest zu machen oder gar Fahndungserfolgen, hat man seitens der Behörden seit geraumer Zeit nichts gehört. „Momentan“, ist sich der Terrorismus-Experte sicher, „werden da keine großen Ressourcen investiert. Durch die Überfälle im vergangenen Jahr hat sich das vorübergehend geändert, weil man hoffte, der drei identifizierten Täter über die neuen Spuren doch noch habhaft werden zu können, aber im Großen und Ganzen sind die Ermittlungen gegen die RAF sowohl beim BKA als auch beim Generalbundesanwalt heute eher ein Cold Case .“ Aber natürlich kann man über die rund vierzig Jahre zurückliegenden Anschläge in Deutschland kaum berichten, ohne die Formen des aktuellen islamistischen Terrorismus im Hinterkopf zu haben. Und diesbezüglich sieht auch Elmar Theveßen zwischen beiden Formen mehr Unterschiede als Parallelen: „Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie allesamt vorgeben, für eine bessere, gerechtere Welt zu morden.“ Im Unterschied zur RAF gehe es den islamistischen Terroristen jedoch im Namen einer zur Ideologie pervertierten Religion um einen globalen Kampf gegen die westliche Zivilisation. Die RAF habe zwar auch versucht, sich international zu vernetzen, doch in erster Linie sei es ihr um eine Änderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der BRD gegangen. Deshalb hätten Terroristen damals in erster Linie Repräsentanten des Staates aus Politik und Wirtschaft als Ziele ins Visier genommen haben.

„Terroristische Gefährdung ist durchaus real“

Hingegen sei spätestens bei den Anschlägen vom 13. November letzten Jahres in Paris deutlich, dass der islamistische Terror auch die wahllose Tötung von gänzlich unbeteiligten Zivilisten als Mittel zum Zweck benutzt, sagt Theveßen. So hätte die RAF vermutlich auch nie in Erwägung gezogen, ein Fußball-Turnier zum Ziel von Attentaten zu machen. Hinsichtlich der am 10. Juni beginnenden EM in Frankreich hält Elmar Theveßen derartige Befürchtungen hingegen für durchaus angebracht: „Als Fan hoffe ich auf spannende Spiele und viele Tore. Aber man darf sich nichts vormachen.“ Die terroristische Gefährdung sei durchaus real. Er gehe davon aus, dass es unter den Terroristen eine extrem hohe Motivation gibt, diese Großveranstaltung für Anschläge zu nutzen. „Weniger in den Stadien selbst als überall dort, wo Fans an den Austragungsorten massenhaft zusammenkommen“, sagt Theveßen.

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