„Mr. ESC“ im Samstagsinterview Peter Urban: „Beim ESC funktioniert Europa“

Von Melanie Heike Schmidt


Er kennt sie alle: Jimi Hendrix und Janis Joplin hat er live erlebt, David Bowie interviewt und den total verschwitzten Bruce Springsteen nach dessen Konzert in der Kabine getroffen. Und ihm gehört eine der berühmtesten Stimmen Deutschlands: Seit gut 40 Jahren moderiert Peter Urban beim NDR Musiksendungen mit handverlesener Songauswahl. Und seit fast 20 Jahren kommentiert der heute 68-Jährige die größte Fernsehshow der Welt, den Eurovision Song Contest. Wir trafen „Mr. ESC“ kurz vor der Abreise zu den Finals in Stockholm in Hamburg.

Herr Urban, Sie sind seit fast drei Jahren im Ruhestand. Trotzdem treffen wir uns hier in Hamburg im NDR Funkhaus. Warum?

Weil ich hier fast täglich bin. Ich arbeite für den Sender als sogenannter freier Mitarbeiter, mache meine Radiosendungen weiter, betreue die Konzertreihe NDR 2 Radiokonzert.

Welche Sendungen sind das genau?

Das ist Soundcheck Neue Musik, donnerstags 21 bis 24 Uhr, und alle zwei Wochen der Nachtclub auf NDR Info. Die Redaktion hab ich vorher geleitet, da mache ich jetzt einfach nur Sendungen. Und bei NDR 2 habe ich schon immer meine Sendungen gemacht, obwohl ich hauptamtlich bei NDR Info angestellt war.

Wenn man mit Ihnen spricht, hat man das Bedürfnis, die Augen zu schließen, weil sich dann das heimelige Radio-Gefühl einstellt. Erleben Sie das öfter?

Ja, das ist ganz komisch. Ich gehe irgendwohin, und dann erkennen mich viele Leute. Aber nicht, weil sie mich vom Sehen oder von irgendeinem Bild her kennen, sondern weil sie die Stimme erkennen. Ich bin vor fünf Jahren in den Norden Hamburgs gezogen, weil wir dort ein Haus mit Garten gekauft haben, was auch für die Kinder besser ist. Und da komm ich also irgendwo am Rande von Norderstedt in meinen Supermarkt, geh zur Fleischtheke und bestelle etwas – und sie erkennen mich sofort. Das ist schon witzig. Selbst in Städten wie Berlin oder München, wo ich eigentlich nur einmal im Jahr als ESC-Moderator zu hören bin, werde ich erkannt. Ich bin da immer etwas überrascht.

Ihre Doktorarbeit hatte einen interessanten Titel: „Die Poesie des Rock“. Gibt es denn auch eine Poesie des ESC?

Darüber würde ich eher nicht schreiben (lacht). Aber Poesie gibt es. Dort schreiben Songwriter aus ganz vielen Ländern, oft in einer ihnen fremden Sprache, etwa in Englisch. Nur geht da manchmal die Poesie etwas verloren, weil die Songschreiber in ihren Texten nicht so tief gehen können wie etwa ein Bob Dylan das kann. Der Zweck der Songs für den ESC ist aber auch ein anderer, dort geht es nicht um bestimmte Themen oder Aussagen, sondern um allgemeinere Themen. Liebe, Schmerz, Triebe. Politischere Themen sind selten und werden, wenn überhaupt, nur angerissen.

Zwischen Ihrer Musikwelt und der ESC-Welt klafft offensichtlich eine Lücke.

Das stimmt in gewisser Weise. Ein glühender ESC-Fan bin ich persönlich eher nicht. Ich beschäftige mich eigentlich auch mit ganz anderer Popmusik. Aber ich betrachte es als meinen Job, das zu kommentieren, so gut wie möglich einzuschätzen. Ich versuche, das, was ich sehe und höre, so zu kommentieren, wie es die Zuschauer zu Hause tun würden. Und ich glaube, oft sage ich das, was die Zuschauer vorm Fernseher gerade denken. Nur, dass ich es ausspreche. Man muss ja auch sehen, dass ich damals wie die Jungfrau zum Kinde dazu gekommen bin.

Wie kamen Sie zum ESC?

In den Neunzigern war der Song Contest in Deutschland praktisch niedergegangen, er dümpelte auf einem schlimmen Schlager-Niveau, es war keine gute Zeit für den ESC aus deutscher Sicht. Irland gewann damals mehrfach mit Singer-Songwriter-Beiträgen, und bei uns fehlte die Weiterentwicklung. Die Aufmerksamkeit für den ESC ging zurück. Damals übernahm der NDR vom MDR die Verantwortung für die Show. Der Verantwortliche beim NDR, Jürgen Meier-Beer, hat mich angesprochen. Mit ihm hatte ich schon gearbeitet und große Rockereignisse fürs Fernsehen kommentiert, etwa Live Aid und das Konzert für Nelson Mandela. Als er mich fragte, ob ich den ESC kommentieren möchte, dachte ich erst: Der spinnt. Und dann dachte ich, vielleicht ist es doch ganz interessant? Es ist ja eine Art Europameisterschaft der Musiker und Sänger. Früher wollte ich mal Sportreporter werden, was nicht geklappt hat. Mit dem ESC konnte ich nun doch einen Wettbewerb kommentieren.

Wie hart ist die Konkurrenz unter den Teilnehmern?

Ehrlich gesagt, herrscht dort immer eine richtig positive, harmonische Stimmung. Das ist nie so, dass sich die Teilnehmer anzicken. Es ist echt sportlich. Eigentlich ist es, wie europäische Einheit sein sollte. Oder noch mehr, denn es sind ja mehr als 40 Länder dabei, auch Israel und weitere. Man weiß ja auch vorher gar nicht, wer ist wirklich Hauptkonkurrent, das schält sich erst kurz vor dem Finale heraus. Musiker untereinander sind sowieso sehr kollegial, im Gegensatz zu anderen Berufssparten.

Könnten Angela Merkel und andere Staats- und Regierungschefs davon lernen?

Ja, klar, die sollten mal vorbeikommen und sich das anschauen (lacht).

Fühlen Sie sich seit den Anschlägen in Paris oder Brüssel beim ESC unsicherer?

Der ESC war schon immer ein riesiges Sicherheitsevent, ähnlich wie bei Gipfeltreffen, mit aufwendigen Sicherheitschecks wie beim Flughafen und massenweise Security. Eigentlich hat sich das vom Gefühl her nicht verändert. Seitdem ich dabei bin, waren die Sicherheitsvorkehrungen immer sehr aufwendig, vor allem 1999 in Israel. Bei meinem ersten ESC, 1997 in Dublin, hatte die IRA Anschläge angedroht. Am Tag des Finales kamen Polizisten mit Hunden, es hatte eine Bombendrohung gegeben. Dann wurde die ganze Halle durchsucht, auch unsere Kabinen. Das war nicht gerade beruhigend.

Haben Sie Sorge, dass dieses Jahr beim ESC etwas passieren könnte?

Nein. Es ist ein extrem gut organisiertes Projekt, das ist total abgesichert. Und ehrlich gesagt: Das würde ja auch keinen Sinn machen. Beim ESC sind Leute aus christlichen Ländern, aus Ländern, die keiner bestimmten Religion angehören, aus muslimischen Ländern dabei. Es wäre ja vollkommen verrückt, diese Veranstaltung anzugreifen. Also, Angst davor habe ich wirklich nicht.

Kritiker des ESC monieren, der Contest wäre zu teuer, zu altbacken, musikalisch eine Katastrophe und sowieso überflüssig. Was entgegnen Sie ihnen?

Erstens: Es ist eine Unterhaltungsshow, und zwar die größte in der Welt, allein von den Zuschauerzahlen her. Und zweitens ist diese Show auch von der Fernseh- und Bühnentechnik her absolut State of the Art. Immer wieder werden dort technische Neuerungen ausprobiert und eingeführt, beispielsweise ein mit Videos bespielbarer Bühnenboden und viele andere Tricks. Diese ganzen Sachen würden gar nicht entwickelt ohne den ESC.

Und die Musik?

Dass die Musik unterschiedlich ausfällt, liegt auf der Hand. Es sind Beiträge aus über 40 Ländern mit unterschiedlichen Vorlieben. Einige bemühen sich, sich anzupassen an Trends, an das, was vielleicht erfolgreich ist. Wenn in einem Jahr ein Duo gewinnt, sind im nächsten Jahr fünf Duos dabei oder zehn. Was dämlich ist. Man kann sich doch ausrechnen, dass das nicht gewinnt.

Und die Kosten? Das Millionenspektakel zahlen die Gebührenzahler.

Wenn man es richtig ausrechnet, ist die Show gar nicht so teuer. Sie ist günstiger als Shows, die allein vom NDR gestemmt werden, oder als Spielfilme, die mit mehr Aufwand gemacht werden und weniger Zuschauer anlocken. Über die Qualität der Musik kann man streiten. Aber es gibt immer wieder auch Songs, die einen echt zufriedenstellen, die zum Teil auch große Hits werden. Solche Sachen und Songs versuche ich dann immer zu unterstützen und freue mich darüber.

Dennoch haben viele Songs, auch die Siegerlieder, heute eine sehr kurze Halbwertzeit. Im Gegensatz zu Abbas „Waterloo“, das 1974 gewonnen hat und das man immer noch kennt.

Das ist wahr, sogar ich vergesse viele Songs. Es gab ein paar Highlights, etwa Abba oder Udo Jürgens mit „Merci Chérie“. Aber auch zwischen diesen Supersongs gab es viele, die nicht so toll waren und die keiner mehr kennt.

An was wird man sich erinnern?

Sicher an skurrile Auftritte, an Conchita Wurst, eine Frau mit Bart. Aber ich erinnere mich auch gerne an Loreen oder an gute Titel, die auf Platz zwei oder drei gelandet sind, etwa die Common Linnets aus Holland, die vor drei Jahren dabei waren. Ob ich an den letztjährigen Gewinner noch lange denken werde, weiß ich nicht. Bei ihm war es ja eher die Show, der Auftritt, der so erfolgreich war. Aber ich gebe Ihnen recht, dass man Titel vergisst. Doch es gibt immer wieder Highlights, etwa Lena, die man eben nicht vergisst.

Wie bereiten Sie sich auf den ESC vor?

Ich habe mir schon alle Titel angehört und die Videos gesehen. Aber erst vor Ort bekommt man einen wirklichen Eindruck davon, wie die Songs und die Sänger sind, was sie können oder auch nicht. In den Videos sieht man ja eher Menschen, die an einem Strand entlanglaufen. Das hat mit einer Live-Performance wenig zu tun. Die Arbeit fängt an, wenn man da ist, wenn man sich die Proben anschaut. Auch wenn man heutzutage die Titel ja schon vorher kennt, weil sie schon im Radio gespielt und im Netz kommentiert werden.

Ist das gut oder schlecht, wenn die Titel und Sänger vorab durchdiskutiert werden?

Ich finde das gut, dadurch steigt das Interesse am ESC, vor allem bei jüngeren Menschen. Die Homepage des ESC ist wohl eine der frequentiertesten überhaupt. Allerdings lese ich mir nicht alles durch, damit ich unvoreingenommen kommentieren kann.

Dieses Jahr hat die deutsche Kandidatin Jamie-Lee einen schweren Stand. Letztes Jahr holte Ann Sophie für Deutschland null Punkte und landete auf dem letzten Platz.

Ja, das war hart. Der Song war nicht Weltklasse. Aber Ann Sophie war auch nicht schlechter als andere. Das fand ich schon unfair, was auch am Bewertungssystem liegt. Dieses Jahr gibt es ein neues Punktesystem. Nach der neuen Wertung wäre Ann Sophie auf Platz 22, nicht auf 26 gelandet. Was nicht so schlimm gewesen wäre. Ich muss mir nur noch überlegen, wie ich das neue System dem Publikum erkläre. Es ist etwas kompliziert.

Ohne ins Detail zu gehen: Bringt das neue System mehr Fairness?

Auf jeden Fall wird es wohl spannender, und es gibt eine bessere Abstufung, da insgesamt mehr Punkte vergeben werden. Die Abstimmung der Jury und des Publikums fällt oft sehr unterschiedlich aus. Da ist es gut, dass diese beiden Wertungen nicht mehr zusammengerechnet, sondern einzeln vergeben werden.

Woran liegt es, dass die Jury häufig anders urteilt als das Publikum?

In den Jurys sitzen Musikexperten, die entscheiden nach völlig anderen Kriterien. Und man weiß auch nie: Wie objektiv kann so ein Urteil überhaupt sein? Es gibt kaum Subjektiveres als Musik und Musikgeschmack.

Wie sehen Sie Jamie-Lees Chancen?

Gut, denke ich. Es ist jedenfalls ein gutes Lied. Und Jamie-Lee ist für ihr Alter eine erstaunliche Sängerin. Auch ihr Manga-Stil gefällt sicher vielen. Ich denke, ihre Chancen sind nicht schlecht. Allerdings sind auch andere starke Songs dabei, etwa der aus Schweden. Es wird spannend.

Der Druck auf Jamie-Lee nach der Nullnummer im Vorjahr ist enorm.

Richtig. Und ich muss sagen, dass sie damit super umgeht. Sie lässt sich davon nicht beeindrucken. Dazu gehört schon einiges.

Gucken Sie sich hinterher genau an, welche Wertungen woher kamen?

Ja, aber nur kurz, dann ist es abgehakt. Es sind ja im Jahr immer nur ein paar Wochen, da dreht sich alles um den ESC. Und danach habe ich wieder anderes zu tun.

Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder. Was sagt Ihre Familie dazu, dass sie jedes Jahr wochenlang auf Sie verzichten muss?

Die freuen sich: Ist er endlich weg! (lacht) Nein, im Ernst. Die wollten gern einmal mitkommen. Was aber schwierig ist. Ich habe die ganze Woche so viel zu tun. Ich sitze nur immer in den Proben, dann im Hotelzimmer und schreibe die Texte. Die sind nicht spontan. Ich überlege mir schon genau: Was sage ich da? Und dann ist da ein Halbfinale, ein zweites Halbfinale, das Finale... Früher, als es keine Halbfinals gab und als nur um die 20 Länder teilnahmen, hatte ich mehr Zeit, hab mir das Land angeguckt und so weiter. Heute geht das nicht mehr. Insofern wär das blöd, wenn die Familie mitkommt, ich könnte mich ja nicht um sie kümmern. Oder sie müsste alleine etwas unternehmen.

Guckt die Familie den ESC im Fernsehen?

Ja, natürlich. Meine Tochter hat da eher ein kritisches Verhältnis, die findet nur sehr bestimmte Titel gut.

Sie ist fast genauso alt wie Jamie-Lee. Dann müsste sie die doch mögen, oder?

Genau, die sind fast gleich alt, Jamie-Lee ist gerade 18 geworden, meine Tochter ist 17. Aber ob sie den Titel mag, weiß ich gar nicht. Auf jeden Fall ist meine Tochter eine, die einen sehr guten Musikgeschmack hat und die prägnante, gute Anmerkungen dazu äußert. Da kann ich mir manchmal etwas von mitnehmen.

Könnte sie in Ihre Fußstapfen treten, wenn Sie einmal nicht mehr den ESC kommentieren?

Ja, vielleicht (lacht). Aber ich mache schon noch ein bisschen weiter. Es soll ja Menschen geben, die schon an die 80 sind und immer noch perfekt die Royals im Fernsehen kommentieren. Da hab ich also noch was vor mir.

Blutet Ihnen als Musiker und Musikliebhaber das Herz, weil außer dem Gesang nur Playback beim ESC zu hören ist?

Das ist schon okay. Die Popmusik hat sich so verändert, sie wird anders produziert, sodass sie auf der Bühne nicht so einfach aufzuführen ist. Aber alles, was gesungen wird, ist ja live. Und mehr ginge auch produktionstechnisch gar nicht. Man hat ja für den Bühnenumbau gerade mal eine Minute Zeit. Und viele Länder legen ja auch viel Wert auf die Show, auf irgendwelche Zirkuselemente und sonstige Dinge. Das lenkt manchmal von der Musik ab.

Soll es das nicht auch?

Ja, genau. Aber es hilft gar nicht. Am Ende wird ja doch der Song bewertet und weniger das Drumherum.

Sie machen und schreiben selbst Musik. Haben Sie schon mal überlegt, für den ESC tätig zu werden, ähnlich wie Stefan Raab?

Nein, nie. Man schreibt ja Songs für seine eigene Band, ich mache auch ganz andere Musik. Da entwickele ich nicht so einen Ehrgeiz wie unser großer Meister. Der hat das sehr gut gemacht. Platz 5 zu belegen mit einem Funk-Song, der ohne jeden Text mit ein paar Kunstworten auskommt. Das war nicht schlecht. Das hat Europa wohl gebraucht. Auch sein Schützling Max Mutzke war gut, er hat ja auch eine gute Karriere gemacht. Keine Frage, Raab hat viel Gutes getan, eindeutig.

Beim ESC denkt man auch unwillkürlich an Roger Cicero, der vor Kurzem überraschend gestorben ist. Überhaupt hat die Welt zuletzt viele Große verloren, Lemmy von Motörhead, David Bowie, Prince. Verändert sich die Musikwelt dadurch?

Sie verändert sich insofern, dass absolut wichtige Persönlichkeiten, ja Legenden gestorben sind. Das trifft jemanden wie mich persönlich hart, weil ich diesen Leuten innerlich verbunden bin. David Bowie habe ich beispielsweise interviewt, habe ihn immer verehrt. Er ist einer der wichtigsten Künstler in meinem Denken gewesen. Prince war absolut top für mich, den ich auch oft live gesehen habe, auch in intimen Situationen in kleinen Clubs und bei Aftershow-Konzerten. Der war wirklich so beeindruckend und groß. Am Donnerstag, als er gestorben ist, fuhr ich gerade los zu meiner Sendung, die um 21 Uhr beginnt. Um zwanzig nach sieben bekam ich die Nachricht, dass er gestorben ist. Da hab ich natürlich gleich meine Sendung umgestellt und nur Prince gespielt.

Wie haben die Zuhörer reagiert?

Das war genau das, was viele an dem Tag sehr bewegt hat. Sie wollten die Songs noch mal hören, und zwar nicht nur die großen Hits, sondern auch andere Lieder, die das Besondere von Prince zeigen. Er war ein grandioses Universalgenie. Aber dass sich die Musik nun ohne diese Künstler radikal verändert, glaube ich nicht. Denn die großen Leistungen von Bowie oder Prince liegen ja schon eine Weile zurück. Prince hat in den letzten 15 Jahren eher gemischte Sachen gemacht, da waren auch ein, zwei gute Songs dabei, aber seine besten Sachen waren in den Achtzigern und Neunzigern. Bowie hat allerdings ein sensationelles letztes Album hingelegt. Aber auch er hatte seine großen Hits schon früher. In Zukunft fehlen in der Musikwelt sicher ihre großen Persönlichkeiten. Aber ihre Musik bleibt und lebt fort. Und es gibt ja noch die Rolling Stones, die wohl ewig spielen werden.

Sie waren auf der Beerdigung von Roger Cicero...

Der viel zu jung gestorben ist. Das war schon sehr bewegend. Viele Musiker sterben im Alter von Mitte 50 bis Mitte 60, werden teilweise auch Opfer ihres Lebensstils, der nicht unbedingt immer der gesündeste ist. Andererseits sterben auch in meinem Bekanntenkreis Menschen, die kein Rockstar-Leben führen. Wie Cicero, dessen Tod so überraschend und fürchterlich war. Da sterben Menschen, die Sport treiben, die Vegetarier sind und keinen Alkohol trinken und nicht rauchen. Das ist grauenhaft und traurig und erzeugt eine Gänsehaut im negativen Sinn. Aber auch solche Dinge machen irgendwie das Leben aus.

Haben Sie beim ESC manchmal das Gefühl, da könnte so ein kleiner Prince oder ein Genie wie Bowie herumlaufen?

Es gibt hier und da Leute mit Potenzial. Der in diesem Jahr für Schweden antritt, den halte ich etwa für ein ganz großes Talent. Aber ich glaube, da muss man schon unterscheiden. Bei dem Wettbewerb geht es um einen einzigen Song, um einen kleinen Ausschnitt. Künstler dieser Größenordnung müssen schon mehr bieten, auch über einen längeren Zeitraum.

Wie halten Sie sich bei dem Spektakel fit?

Das war in den letzten Jahren tatsächlich immer so ein Punkt. Ich hatte acht Hüftoperationen, habe viermal ein neues Hüftgelenk bekommen, einmal musste ich 2009 sogar beim ESC aussetzen, bekam Infektionen. Nun hab ich auch ein verkürztes Bein. Das alles machte das Laufen in den weiträumigen Hallen schwieriger. Aber wir haben es immer hingekriegt. In Malmö bin ich an zwei Krücken rumgelaufen. In Kopenhagen musste ich zwölf kleine, schmale Baustellentreppen hochsteigen zur Sprecherkabine. Aber ich bekomme immer große Hilfe von unserem Team.

Wie war das, als Lena 2010 in Kopenhagen gewann?

Großartig. Sie ist ein sehr netter Mensch, gar nicht arrogant, wie manche meinen. Als sie gewonnen hat, musste ich schnell von der Sprecherkabine runter und quer durch die riesige Halle zur Bühne, um sie zu interviewen. Als ich ankam, war ich total außer Atem. Und sie – gerade eben hat sie den ESC gewonnen – fragt mich besorgt: Peter, alles in Ordnung mit dir? Kann ich irgendetwas tun? Das ist doch toll, wenn jemand so ist in so einer Situation. In Stockholm wird es dieses Jahr übrigens angenehmer, man kommt per Aufzug in die Sprecherkabinen.

In Ihren Kommentaren kritisieren Sie die Teilnehmerbeiträge oft saftig. Wie schaffen Sie es, nicht verletzend zu werden?

Das ist ein Drahtseilakt, da muss ich höllisch aufpassen. Im letzten Jahr etwa habe ich den britischen Beitrag von vorneherein ziemlich in die Tonne getreten. Das war vielleicht ein wenig zu hart. Andere fanden den Titel richtig gut. Obwohl er am Ende nicht wirklich erfolgreich war. Ich versuche aber, die Ironie ein bisschen durch die Blume scheinen zu lassen, um nicht zu verletzen. Andere sind da schmerzfreier, etwa die Briten sind oft gnadenlos in ihren Kommentaren.

Wo lauern Fallstricke?

Man darf nie vergessen, dass in Deutschland von jeder Nationalität Menschen leben. Wenn man zum Beispiel eine bissige Bemerkung über jemanden aus Mazedonien macht, dann kommt sofort der nationale Stolz: Der beleidigt mein Volk! Was gar nicht der Fall ist. Ich würde auch was Lustiges über Iren oder über Isländer sagen. Das ist nie pauschalisierend gemeint. Wenn ein Künstler wie Otto aussieht, dann sieht er eben so aus. Dann muss ich das auch sagen. Das ist nicht gemein, es ist einfach so.

Ist Ihnen schon mal etwas rausgerutscht, das Sie bereut haben?

Bereut nicht. Aber es rutscht schon mal etwas raus. So habe ich mal über eine Sängerin, die, sagen wir mal, mollig war, gesagt: ein runder Beitrag. Die Frau hatte auch noch in einem Kreis aus Kerzen gestanden. Anschließend hat sich der Verband der Dickleibigen beschwert. Aber ich finde, so einen Humor müssen die Menschen schon vertragen können. Als in Düsseldorf die Leitungen nicht funktionierten, mussten alle Kommentatoren über Telefon arbeiten. Da ist mir rausgerutscht: Wir sind doch nicht in Kasachstan! Da bekam ich natürlich Ärger, auch von den eigenen Leuten. Die NDR-Technik war ja nicht mal schuld, sondern ein Zulieferer eines Computersystems. Aber der Spott der anderen Kommentatoren über die Deutschen und ihre nicht funktionierende Technik war groß. Und die Botschaft von Kasachstan meldete sich: Hallo? Wir sind technisch hoch entwickelt und würden gerne den Eurovision Song Contest veranstalten. Bei uns sind solche Pannen ausgeschlossen... Also, ich kriegte Feuer von allen Seiten (lacht).

An den ESC knüpfen viele auch Hoffnungen. Er soll für mehr Toleranz sorgen, integrierend wirken, das friedliche Zusammenleben fördern. Kann ein Musikwettbewerb das leisten?

Irgendwie schon. Beim ESC funktioniert Europa ganz offensichtlich. Und es sind ja auch immer schräge, schrille und besondere Menschen dabei. Wie etwa Conchita Wurst, deren Beitrag nicht alle gut fanden, der aber gewonnen hat. Und dieser eindeutig homosexuelle Künstler bekam auch überraschend viele Punkte aus Ost- und Südeuropa – das war ein politisches Statement für Toleranz! Man darf nicht vergessen: Es gibt aktuell keine größere Show im Fernsehen, rund 200 Millionen Menschen schauen Jahr für Jahr auf der ganzen Welt zu, fiebern mit, stimmen ab. Das ist vielleicht nicht die ganz große Qualitätsmusik, die wir dort sehen. Aber es ist die größte, aufwendigste Show, die wir haben. Insofern glaube ich schon, dass der ESC zum Verständnis für andere Kulturen und Lebensformen beiträgt. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Es ist eine Show, sie soll unterhalten. Und das tut sie hervorragend.

Sie sind in Bramsche bei Osnabrück auf die Welt gekommen. Was verbindet Sie mit ihrer Heimat?

Heimat ist für mich vor allem Quakenbrück, da bin ich zur Schule gegangen. Und wurde indirekt mit der Musik infiziert. Wir waren in England auf Klassenfahrt und sind ausgebüxt, um in die Londoner Clubs zu ziehen. Das gab hinterher natürlich Ärger. Aber für mich war es ein Augenöffner. Mir ist klar geworden: In dieser Welt will ich leben, das will ich machen, damit will ich mich beschäftigen. Ich war seitdem oft und gerne in England. In Quakenbrück bin ich allerdings nicht mehr so häufig, meine Eltern leben ja auch nicht mehr. Aber in diesem Jahr plane ich einen Besuch. Wir haben Jubiläum, 50 Jahre Abitur. Von den elf Leuten meines Jahrgangs, damals waren die Klassen ja so klein, leben noch zehn. Ich freue mich, sie wiederzusehen.


Peter Urban

wird am 14. April 1948 in Bramsche bei Osnabrück geboren, seine Schulzeit verbringt er in Quakenbrück. Auf einer Klassenfahrt geschieht es: Der junge Niedersachse büxt aus, entdeckt die Londoner Clubszene und infiziert sich mit dem Musik-Virus. In Hamburg studiert er Anglistik, Soziologe und Geschichte auf Lehramt, 1977 legt er seine Doktorarbeit „Rollende Worte – Die Poesie des Rock“ vor. Urbans Musikwissen ist es auch, das ihn schon 1974 zum Radio verschlägt: Weil einem Moderator ein Fehler unterläuft, schreibt er einen Brief – und spricht kurz drauf selbst ins Mikro. Seither macht er sogenanntes Autorenradio, interviewt die ganz Großen von Keith Richards bis Harry Belafonte. Obwohl seit 2013 im Ruhestand, ist Urban weiter auf Sendung. Donnerstags ab 21 Uhr läuft bei NDR 2 „Soundcheck Neue Musik“, alle zwei Wochen auf NDR Info der „Nachtclub“, dessen Redaktion er zuvor geleitet hat. Den Eurovision Song Contest moderiert Urban seit 1997 für Deutschland. Seine ironisch-charmante Art beschert ihm Millionen Fans. Spätestens jetzt wird Urban selbst zum Star – inklusive Autogrammkarten, wie er auf Nachfrage zugibt. „Mr. ESC“ spricht nicht nur über Musik, sondern macht auch welche, für seine Band Bad News Reunion schreibt er Songs, spielt Orgel und Piano. Auch seine mittlerweile acht Hüftoperationen stoppen ihn nicht. Privat lebt der Moderator im Norden Hamburgs mit seiner Frau Laura und zwei Kindern. mhs