Kongress in Berlin ARD-Freienkongress gegen „Zweiklassengesellschaft“

Von Thomas Klatt

Ein Kameramann im Einsatz für die ARD-Fußballübertragung. Foto: dpaEin Kameramann im Einsatz für die ARD-Fußballübertragung. Foto: dpa

Berlin. Rundfunkanstalten greifen auf eine Vielzahl freier Mitarbeiter zurück. Das bedeutet aber nicht, dass sie rechtlich wie ihre fest angestellten Kollegen gleichgestellt sind, was der 1. Kongress der freien ARD-Mitarbeiter in Berlin thematisierte.

Jeder Bundesbürger muss monatlich für seinen Haushalt 17,50 Euro Rundfunkbeitrag zahlen. In einigen Jahren wird er vielleicht sogar auf über 20 Euro angehoben. Kaum ein Hörer oder Zuschauer weiß aber, wofür das Geld überhaupt ausgegeben wird, geschweige denn für wen. Kaum jemand weiß, dass für die Anstalten Mitarbeiter mit und ohne einen ordentlichen Arbeitsvertrag tätig sind.

Letzteres ist auch höchstrichterlich so gewollt, hat das Bundesverfassungsgericht doch entschieden, dass im Sinne der Rundfunkfreiheit jede Intendanz auch den Spielraum haben muss, je nach Wetter- und Nachrichtenlage freie Mitarbeiter zu beschäftigen oder eben auch nicht. Gerne wird das Beispiel unvorhergesehener Naturkatastrophen zitiert. Da müsse man schnell freie Kamerateams einkaufen können, um spektakuläre Bilder einzufangen. Danach kann man arbeitsrechtlich problemlos wieder auf den fest angestellten Personalstamm reduzieren. So weit die Theorie.

Praxis sieht anders aus

Nur die Ausnahme ist längst die Regel geworden. In der Praxis verlassen sich die Sender dauerhaft und tagtäglich auf ihre sogenannten festen Freien. Im ganzen Bundesgebiet sind es annähernd 18000, in manchen Anstalten stellen sie schon mehr als die Hälfte der Belegschaft, Tendenz steigend. Das Problem ist nur, dass diese sogenannten Arbeitnehmerähnlichen bei Weitem nicht dieselben Rechte genießen wie ihre fest angestellten Kollegen, obwohl sie meist die gleiche Arbeit leisten, manchmal an Wochenenden oder Feiertagen sogar weit darüber hinaus. Schon lange schwelt darüber der Konflikt in den Sendern. Der 1. ARD-Freienkongress zog nun rund 200 Teilnehmer nach Berlin, um sich auszutauschen und Strategien für Verbesserungen zu beraten.

Klage über Arbeitsverdichtung

Denn viele klagen über eine zunehmende Arbeitsverdichtung, die nicht adäquat entlohnt wird: „Wir arbeiten mittlerweile multimedial und multitasking! Wir Auslandskorrespondenten sind jetzt Mädchen für alles geworden. Ich bin die rasende Reporterin, die überall sofort vor Ort sein muss. Aber dafür bekomme ich bei aktuellen Einsätzen keine Reisekosten. Dann bin ich Tontechniker geworden. Früher hatte ich wenigstens noch einen Techniker im Studio. Jetzt hänge ich alleine vor dem Computer und mach das selber. Online-Text muss ich auch noch machen, und Fotograf bin ich dann auch noch“, schildert die freie ARD-Mitarbeiterin Kerstin Schweighöfer.

Berufliches Fortkommen?

Während ARD und ZDF für Sportrechte oder Unterhaltungsshows Millionen ausgeben, sparen sie offenbar bei ihren freien Mitarbeitern. Für diese bedeutet das: Um einigermaßen auf die eigenen Kosten zu kommen, müssen immer mehr Beiträge produziert werden, wofür immer weniger Recherche und Sorgfalt aufgebracht werden kann. Selbst die Verantwortung für das Programm wird offenbar zunehmend den schlechter bezahlten Freien aufgebürdet: „Vor 20 Jahren war das noch undenkbar, dass ein Redakteur frei sein könnte. Jetzt habe ich in allen ARD-Anstalten mit ständig rotierenden freien Redakteuren zu tun, die eine Woche später wieder meine Konkurrenten um Aufträge sind. In der anderen Woche sollen sie aber eigentlich mein berufliches Fortkommen bewirken. Man darf sich dann nicht wundern, wenn nur noch ein gewisses Mittelmaß entsteht. Denn welcher dieser freien Redakteure kann sich noch was trauen, Experimente etwa? Das sind Strukturen, die für die Qualität des Programms nicht förderlich sind“, beklagt der freie Hörfunk-Autor Tomas Fitzel.

Resolution verfasst

Eine andere Autorin beklagt, dass viele Fernseh-Magazine eine in der Regel dreimonatige Sommer-Produktionspause einlegen. In diesem Jahr wird diese sogar noch durch die anstehenden Sportgroßereignisse vergrößert. In der Zeit können keine Honorare erwirtschaftet werden, die Finanzlöcher werden für viele Freie von Jahr zu Jahr immer größer. Unter Tränen schildert eine Autorin, dass ihr nach 35 Jahren Hörfunktätigkeit gerade mal eine Rente von wenigen Hundert Euro zustehen wird. Während Festangestellte rechtzeitig sogar in den Vorruhestand gehen können, müssen Freie zunehmend bis ins hohe Alter schlecht bezahlte Aufträge annehmen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen.

Gemeinsam verfassten die ARD-Freien zum Ende des Kongresses eine Resolution, die ein Ende der Zweiklassengesellschaft in den Rundfunkanstalten fordert.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN