2. Staffel der WDR-Comedy-Doku Spott mit Anbahnung: „Das Lachen der Anderen“

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Trotz Größenunterschieds auf Augenhöhe? Moderator Oliver Polak im Fotostudio mit Model Lisa (Mitte) und der kleinwüchsigen Fotografin Anna Spindelndreier (rechts). Foto: WDR/SEO EntertainmentTrotz Größenunterschieds auf Augenhöhe? Moderator Oliver Polak im Fotostudio mit Model Lisa (Mitte) und der kleinwüchsigen Fotografin Anna Spindelndreier (rechts). Foto: WDR/SEO Entertainment

Osnabrück.  In „Das Lachen der Anderen“ besuchen Micky Beisenherz und Oliver Polak Randgruppen und schreiben dann ein kurzes Comedy-Programm über MS-Kranke, Blinde oder Kleinwüchsige. Das Format hält zwar nicht, was es verspricht - ist aber trotzdem großartig.

Wer hinschaut und mitdenkt, dem muss auffallen, dass dieses Format seinem Publikum ein zentrales Element vorenthält: In „Das Lachen der Anderen“ besuchen Micky Beisenherz und Oliver Polak Angehörige von Randgruppen und schreiben schließlich gemeinsam einen Stand-Up; wie aber Beisenherz und Polak den Stand-Up produzieren, bleibt im Dunkeln.

Dem Zuschauer wird damit vorenthalten, welche Gags etwa über Multiple-Sklerose-Kranke oder Kleinwüchsige die beiden aussortieren. „Comedy im Grenzbereich“ lautet der Untertitel der Sendung – aber wird das Format diesem Untertitel gerecht, wenn das Publikum nie erfährt, welche Scherze die Protagonisten als grenzüberschreitend verwerfen?

Es handelt sich hier vermutlich nicht um eine simple Unterlassung. Was für Ekligkeiten Polak und Beisenherz über eine Krankheit wie Multiple Sklerose einfallen, bevor sie filtern, soll wohl niemand erfahren. Das ist einerseits verständlich, andererseits aber ziemlich unbefriedigend.

Ein Format, das nicht hält, was es verspricht

Überhaupt ist „Das Lachen der Anderen“ ein Format, das nicht hält, was es verspricht. Dem Stand-Up am Ende schauen vor allem die Betroffenen zu, und zum Opfer des Spotts von Oliver Polak, der die Gags vorträgt, werden naturgemäß in erster Linie diejenigen, die Polak und Beisenherz zuvor besucht haben.

Sie sind es auch, die im Anschluss vor der Kamera bekunden, wie ihnen die Verspottung gefallen hat. Und wer mag sich darüber wundern, dass sie alle begeistert sind? Sie haben sich schließlich dafür entschieden, zwei Komiker in ihr Leben eintreten und über das ausfragen zu lassen, was sie in den Augen vieler bemitleidenswert macht.

Spott mit derart langfristiger Anbahnung hat kaum das Potenzial, die Betroffenen zu beleidigen, erst recht nicht wenn die Betroffenen die Informationsgeber sind. Außerdem ist hinlänglich bekannt, dass gerade viele Menschen mit Behinderung sich sehnlichst wünschen, verspottet zu werden. Nicht auf der Straße – aber auf der Bühne. Von Comedy ausgeklammert zu werden empfinden viele als wahre Diskriminierung, sie möchten gleichberechtigt verarscht werden.

Der charmante Oliver Polak

Wer wirklich Comedy im Grenzbereich betreiben will, muss den Papst in urinbefleckter Soutane zeigen, ein Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten verlesen – oder mit Verachtung über Randgruppen herziehen. Böse Witze machen und dabei noch überheblich wirken, dann klappt es schon mit dem Gegenwind.

Oliver Polak agiert eigentlich genau so, in seinen Programmen lässt er keine Grenzüberschreitung aus und wirkt dabei im Mindesten blasiert. Dafür wird er von den einen geliebt und von den anderen gehasst, natürlich.

In den Stand-Ups von „Das Lachen der Anderen“ gibt es einen ganz anderen Polak: Die Gags sind nicht ganz so hart, vor allem aber spricht er die Opfer seiner Witze direkt und mit einem Lächeln an. Wenn er dann zu einem gläubigen MS-Kranken im Rollstuhl sagt, er habe das riesige Kreuz in seinem Zimmer doch sicher auch deshalb, weil er dann den Raum mit jemandem teile, der sich noch weniger bewegen könne als er, kann ihm doch im Ernst niemand böse sein.

Genie in Badelatschen

Es ist aber nicht dieser Oliver Polak, der „Das Lachen der Anderen“ - trotz der verfehlten Intention - zum Fernseh-Ereignis macht. Es ist der Oliver Polak, der verschlafen, in Joggingware und zur Krönung noch mit Badelatschen bekleidet herumeiert und alles sagt, was ihm in den Kopf kommt. Zum Genie wird das dicke, unwillige Kind in einer Hippie-Kommune, wo er in jeder Sekunde hören oder an seinem Gesicht erkennen lässt, wie behämmert er das alles hier findet.

Die Sendungen über MS-Kranke und in der Kommune gehören zwar zur ersten Staffel, sind aber noch in der Mediathek zu finden, werden vom WDR außerdem nun wiederholt - und sind unbedingt empfehlenswert: wegen des Gesamtkunstwerks Oliver Polak, weil die beiden Protagonisten in Beisenherz‘ Porsche zu Musikklassikern singen, weil sie die Hippie-Kommune herrlich auseinandernehmen   und weil sie mit ihrem leichtfüßigen und auf humorvolle Verarbeitung ausgerichteten Ansatz eine Krankheit wie Multiple Sklerose auf die denkbar beste Weise präsentieren.

Sechs neue Folgen

Am Samstag beginnt nun die neue Staffel, von der vorab nur die erste Folge über Kleinwüchsige zu sehen war. Sie hält das Niveau nicht ganz, ist aber trotzdem toll und allein deshalb sehenswert, weil Oliver Polak auf einem Reiterhof seine Mutter anruft: Sie möge Micky Beisenherz doch bitte bestätigen, dass Oliver eine Pferdehaarallergie hat.

Die weiteren Folgen der zweiten Staffel heißen „Kloster“, „Blinde“, „Adlige“, „Tierfreaks“ und „Seniorenheim“. Danach dürfte es dann den Grimme-Preis geben, den „Das Lachen der Anderen“ schon nach der ersten Staffel verdient gehabt hätte.

„Das Lachen der Anderen - Kleinwüchsige“ läuft am 16. April um 22.45 Uhr im WDR. Die weiteren Ausgaben der zweiten - und auch der ersten Staffel - zeigt der WDR auf dem selben Sendeplatz bis zum 4. Juni.


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