Gespräch mit Filmdramaturgin Was macht ein Dramaturg beim Fernsehen?

Von Marcel Kawentel


  Osnabrück Im Zuge der Debatte um die Qualität deutscher Filme und Serien rückt allmählich die Bedeutung des Drehbuchautoren in den Fokus. Was kaum bekannt ist: Immer mehr Filmproduktionen ziehen bei der Buchentwicklung zusätzlich Dramaturgen hinzu. Eva-Maria Fahmüller vom Verband deutscher Dramaturgen erklärt, warum.

„Dramaturgen sind überall dort tätig, wo es darum geht, Stoffentwicklung zu beraten und zu begleiten,“ so Fahmüller im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wer ein Drehbuch schreibt, steckt ja sehr tief im Stoff und den Figuren, über Monate, manchmal Jahre hinweg. Da ist es hilfreich, wenn jemand mit einer gewissen Distanz unabhängig vom Entwicklungsprozess nüchtern und sachlich darauf schauen kann.“ Eva-Maria Fahmüller ist Vorsitzende des VeDRA, des Verbands deutscher Dramaturgen.

Die Berufsbezeichnung Dramaturg ist dabei ein Sammelbegriff für mehrere Tätigkeiten, die an verschiedenen Punkten der Drehbuchentwicklung zum Einsatz kommen können, etwa als Script Consultant, also Berater in der Drehbuchphase oder auch als Script Doctor, der eine bereits vorhandene Drehbuchfassung bearbeitet.  Dramaturgen sind eine Fachkräfte für Erzählstruktur, Figurengestaltung und Spannungsaufbau – Dramaturgie eben, jene Lehre, die auf Aristoteles’ Poetik zurückgeht. Doch was macht einen Dramaturgen zum Spezialisten?

Professionalisierung der Stoffentwicklung

„Es gibt wenig Angebote sich speziell zum Dramaturgen ausbilden zu lassen,“ verrät Eva-Maria Fahmüller, die selbst Germanistik und Philosophie studierte. „Es sind häufig Geisteswissenschaftler, die in die Filmbranche hineingeraten sind und sich dann in Drehbuchhandwerk und unterschiedlichen dramaturgischen Ansätzen weitergebildet und dort Erfahrungen gesammelt haben.“ Ein Tätigkeitsschwerpunkt des VeDRA – neben politischer Arbeit und Hilfe bei der Vermittlung von passenden Dramaturgen an Auftraggeber - sind darum interne Weiterbildungen. „Insgesamt geht es uns darum den Bereich der Stoffentwicklung zu professionalisieren,“ so Fahmüller. „VeDRA veranstaltet außerdem jedes Jahr ein Seminar rund um Kommunikation und Konfliktmanagement, denn als Dramaturg ist man oft in einer Vermittlerrolle, wenn zum Beispiel Autor und Produzent verschiedene Vorstellungen vom Stoff haben.“

Dramaturg als Vermittler

Von solchen Meinungsverschiedenheiten erfährt die Öffentlichkeit zumeist nach einem gescheiterten oder misslungenen Filmprojekt, man habe nicht die selbe Vision gehabt, heißt es oft. „Wichtig bei dramaturgischer Tätigkeit ist es die Vision des Autors oder der Produktionsfirma in den Mittelpunkt zu stellen,“ betont Eva-Maria Fahmüller. „Man kann nicht vertrauensvoll mit Autoren arbeiten, wenn man ihnen eigene Ideen aufdrückt. Es geht immer darum den Schöpfungsanspruch des Autoren ernst zu nehmen und ihm dabei zu helfen seine Vision noch besser zum Ausdruck zu bringen.“ Dramaturgische Arbeit ist so etwas wie die Geburtshilfe im Stoffentwicklungsprozess und als solche oft noch unterbewertet. „Manchmal herrscht der Glaube, jeder könne zu einem Stoff etwas sagen und das Schreiben und Beraten eines Drehbuchs erfordere nicht jahrelange Erfahrung, Handwerk und besonderes Talent,“ kritisiert Fahmüller.

Eckpfeiler eines guten Films

„Grundsätzlich sehe ich inzwischen eine zunehmende Tendenz Dramaturgen früher in die Stoffentwicklung zu involvieren, was meiner Ansicht nach sinnvoller ist, als erst Hilfe zu holen, wenn Unstimmigkeiten oder Unsicherheiten aufgetreten sind.“ Woher diese Entwicklung kommt? „Es gibt ja in letzter Zeit die Diskussionen, warum sind deutsche Kinofilme etwa kaum in Cannes vertreten, warum entwickeln wir keine TV-Serien, wie die Amerikaner es tun? Hier und da blitzt dann die Erkenntnis auf, dass Drehbuch und Dramaturgie dabei wesentliche Eckpfeiler sind,“ glaubt Fahmüller.

Schon Billy Wilder wusste um die drei Voraussetzungen für einen guten Film: „Erstens, ein gutes Drehbuch, zweitens ein gutes Drehbuch, und drittens - ein gutes Drehbuch.“