Verstöße gegen Pressekodex Reichlich Schleichwerbung: Elf Rügen des Presserats

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Kränze stehen vor der Unfallstelle des Zugunglücks in der Nähe von Bad Aibling. Die „Abendzeitung“ hatte nach der Katastrophe ein schockierendes Augenzeugen-Video veröffentlicht - laut Presserat „unangemessen sensationell“. Foto: dpaKränze stehen vor der Unfallstelle des Zugunglücks in der Nähe von Bad Aibling. Die „Abendzeitung“ hatte nach der Katastrophe ein schockierendes Augenzeugen-Video veröffentlicht - laut Presserat „unangemessen sensationell“. Foto: dpa

Berlin. Der Deutsche Presserat hat wegen schwerer Verstöße gegen den Pressekodex insgesamt elf öffentliche Rügen ausgesprochen. Prominente Themen in den Sitzungen waren diesmal Schleichwerbung, die Berichterstattung über die Silvester-Übergriffe von Köln, über das Paris-Attentat sowie über das Zugunglück in Bad Aibling.

Als unangemessen sensationell bewertete der Beschwerdeausschuss laut Mitteilung vom Freitag die Veröffentlichung eines Augenzeugen-Videos vom Zugunglück in Bad Aibling. Die „Abendzeitung“ hatte in der Online-Ausgabe unter der Überschrift „Bad Aibling – Video zeigt schockierende Szenen nach der Kollision“ ein mehrminütiges Video veröffentlicht, das unmittelbar nach dem Zusammenstoß der Züge aufgenommen worden war. Zu sehen sind chaotische Szenen mit verletzten Menschen, zu hören sind Schmerzensschreie. Mit Blick auf das Leid der Betroffenen und Hinterbliebenen war die Darstellung nach Ansicht des Ausschusses presseethisch nicht akzeptabel.

Beschwerden zu den Übergriffen von Köln

Als unbegründet erachtete der Beschwerdeausschuss die insgesamt 14 Beschwerden, die zu dem „Focus“-Cover „Frauen klagen an“ vorlagen. Die Abbildung erschien Print und Online und thematisierte die Übergriffe von Köln. Zu sehen war eine nackte Frau mit schwarzen Handabdrücken auf ihrer Haut. Im Raum gestanden hatte der Vorwurf, die Abbildung sei sexistisch und rassistisch. Der Beschwerdeausschuss jedoch erkannte in der Abbildung keine herabwürdigende Darstellung von Frauen. Auch überschreite die Abbildung nicht die Grenze der Diskriminierung, hieß es. Es gebe unterschiedliche Ansichten, wie die Handabdrücke zu bewerten seien, einige Leser sahen hier rassistische Stereotypen bedient, andere Leser hielten die Darstellung der Übergriffe für sachlich. Die Abbildung sei daher nicht eindeutig in eine Richtung interpretierbar, urteilte der Ausschuss. Die Veröffentlichung sei daher vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt.

Beschwerden zum Paris-Attentat

Gerügt wurde „Bild Online“ für die Darstellung der Opfer des Paris-Attentates. Unter der Überschrift „Die Geschichten der Opfer“ hatte die Redaktion Porträtbilder der Getöteten veröffentlicht, angereichert mit persönlichen Details aus dem Lebenslauf. Ein öffentliches Interesse an dieser identifizierbaren Darstellung bestand nach Ansicht des Gremiums jedoch nicht. Der Ausschuss sah deshalb einen schwerwiegenden Verstoß gegen den Opferschutz.

Dokument der Zeitgeschichte

Als Dokument der Zeitgeschichte bewertete der Ausschuss hingegen das Foto, welches die Szenerie in der Konzerthalle Bataclan nach dem Anschlag zeigte. Das Foto, unter anderem unter der Überschrift „Der Tod kam als sie tanzten“, zeigte eine Gesamtansicht des Tatorts. Zu sehen waren Leichen, die inmitten von Blutlachen auf dem Boden lagen. 64 Leser hatten sich über die Darstellung in „Bild“ und „Bild Online“ beschwert. Der Ausschuss kam zwar zu dem Schluss, dass die Aufnahme schockierend gewesen sei. Das öffentliche Interesse an dem Terroranschlag und seiner schrecklichen Folgen sei in diesem Fall jedoch höher zu bewerten als der Persönlichkeitsschutz der Betroffenen. Die Mitglieder des Ausschusses machten allerdings deutlich, dass es sich bei dem Foto um einen Grenzfall handelt. Die politische Dimension der Tat und das damit einhergehende Informationsinteresse der Leser rechtfertigten aber im vorliegenden Fall diese Form der Abbildung.

Opferschutz verletzt

„Bild“ und „Bild Online“ wurden wegen Berichterstattungen über die Mordfälle Elias und Mohamed gerügt. Zu sehen sind Fotos der getöteten Jungen, die im Rahmen der Suche nach den Kindern zu sehen waren. Der Ausschuss sah kein überwiegendes öffentliches Interesse an der erneuten Veröffentlichung der Fotos nach Abschluss der Fahndung. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte der minderjährigen Verbrechensopfer sei daher verletzt worden.

Schutz der Persönlichkeit verletzt

Eine Rüge sprach der Beschwerdeausschuss zudem gegen die „Bild am Sonntag“ wegen eines Verstoßes gegen den Schutz der Persönlichkeit aus. Das Blatt hatte unter der Überschrift „Schwangere erschlagen, in Donau geworfen“ über eine schwangere Frau berichtet, die ermordet worden war. Dabei wurden Fotos verwendet, die von ihrem Facebook-Profil stammten. Darüber hatte sich die Mutter der Verstorbenen beschwert. Der Ausschuss sah im Abdruck der Bilder einen Verstoß gegen den Opferschutz. Danach können Fotos und Namen nur veröffentlicht werden, wenn die Angehörigen zugestimmt haben. Allein der Umstand, dass die Fotos auf Facebook verfügbar waren, rechtfertige nicht die Verwendung in der Berichterstattung, hieß es.

Schleichwerbung

Zwei Rügen ergingen gegen „Focus Online“. In einem Fall hatte das Medium in einem Video über Technik-Sonderangebote eines großen Discounters berichtet. Dabei wurden auch die originalen Werbeanzeigen des Unternehmens eingeblendet. Vor dem Hintergrund, dass der Beitrag zum sogenannten Black Friday erschien, an dem zahlreiche Unternehmen mit Sonderangeboten auf sich aufmerksam machen, bewertete der Ausschuss das Präsentieren ausschließlich der Angebote dieses Discounters als Schleichwerbung. In einem weiteren Beitrag hatte „Focus Online“ ein Video veröffentlicht, das die Wirkungsweise eines Erkältungsmedikaments darstellt. Durch die werbliche Sprache und Bildgestaltung und die Beschränkung auf das Präparat eines bestimmten Herstellers entstehe ein Reklameeffekt, der über das Informationsinteresse der Leser hinausgehe, urteilte der Ausschuss. Die Grenze zur Schleichwerbung werde auch hier überschritten.

Rüge gegen FAS

Eine weitere Rüge sprach der Ausschuss gegen die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) und ihre Onlineausgabe aus. Unter der Überschrift „Schönschreiben mit Federhaltern“ war über die Produkte eines Herstellers von Füllfederhaltern berichtet worden. Der Ausschuss wertet die ausführliche und ganz überwiegend positive Besprechung der Fabrikate eines einzigen Herstellers ohne ersichtliche Alleinstellungsmerkmale als Schleichwerbung.

Der Beschwerdeausschuss sprach weiterhin eine Rüge gegen das Portal Netmoms.de aus. Unter der Überschrift „präsentiert von ...“ war dort ein durchweg positiver Artikel über die Bachblütentherapie erschienen, der von einem Hersteller homöopathischer Präparate stammt. Der Ausschuss sah in der Überschrift „präsentiert von ...“ keine ausreichende Kennzeichnung, dass dieser Beitrag gesponsert wurde. Die Veröffentlichung verstößt damit gegen Ziffer 7 des Pressekodex.

Beitrag gesponsert

Auch die Zeitschrift „TV Hören und Sehen“ erhielt eine Rüge wegen Verstoßes gegen die Richtlinie zur Schleichwerbung. Die Zeitschrift hatte einen Beitrag über ein Abnehm-Präparat veröffentlicht, der als Interview mit dem Hersteller aufgemacht war. Der Ausschuss kam zu der Ansicht, dass durch die Aufmachung als Interview eine neutrale bzw. kritische Berichterstattung suggeriert werde. Die unkritische Darstellung des Produkts und die anpreisenden Formulierungen in dem Beitrag lösten dieses Versprechen aber nicht ein. Ein werblicher Effekt sei zudem durch ein Foto des Präparats erzielt worden.


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