zuletzt aktualisiert vor

Neues „Tatort“-Team „Tatort“ heute Abend aus Dresden: Der Boerne des Ostens

Von Joachim Schmitz


Osnabrück. Heute Abend gibt es den ersten „Tatort“ aus Dresden: Martin Brambach entpuppt sich in „Auf einen Schlag“ als eine Art Boerne des Ostens. Der Check:

Die Ermittler: Die beiden Oberkommissarinen Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) werden unterstützt vom Küken der Mordkommission, der Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr (Jella Haase). Mögen Sieland und Gorniak im Job auch überwiegend tough sein, so haben sie privat einige Probleme, ihr Leben in den Griff zu bekommen – die eine versucht vergeblich, schwanger zu werden, die andere hat die typischen Probleme einer alleinerziehenden Mutter. Chef des Kommissariats ist Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), ein Polizist wie aus einer anderen, längst vergessenen Zeit. (Hier gibt‘s einen Trailer zum neuen Dresdner „Tatort“)

Jung ist Trumpf

Die Hauptdarsteller: Obwohl er mit seinem blutjungen Erfurter „Tatort“-Team ein ziemliches Debakel erlebte und nach nur zwei Folgen schon wieder Schluss war, setzt der MDR weiter auf Jugendlichkeit: Karin Hanczewski ist mit ihren 34 Jahren schon die älteste der drei Darstellerinnen in der Dresdner Mordkommission, die 33-jährige Alwara Höfels, zuletzt Anfang des Jahres im packenden ARD-Zweiteiler „Das Programm“ zu sehen, wohl die bekannteste. Jella Haase (23), die die zuweilen etwas tollpatschige Polizeianwärterin spielt, machte zuletzt vor allem mit den Kinohits „Fack ju Göthe“ und „Heidi“ auf sich aufmerksam.

Witzige Figur

Der Star: Schillerndste Figur dieses „Tatorts“ ist zweifellos Martin Brambach als Chef der drei Frauen. In der Rolle des Peter Michael Schnabel ist er ausgewiesener Schlagerfan und hat Günther Geißlers DDR-Hit „Ich hab die gute Laune im Gepäck“ von 1960 als Klingelton aufs Handy geladen. Er trägt einen Trenchcoat, als hätte er zu viele Krimis aus den Siebzigern gesehen, empfindet das Wort „Sorry“ als scheußlichen Anglizismus, pflegt eine Aversion gegen „das verdammte Internet“ und ist auch sonst noch nicht in der heutigen Zeit angekommen. Diese Figur ist völlig überzeichnet und gerade deshalb so witzig.

Schlagerstar erschlagen

Der Fall: Schlagerstar Toni Derlinger vom Gesangsduo „Toni & Tina“ wird während der Proben zu einer Unterhaltungsshow in den Kulissen des Dresdner Zwingers erschlagen aufgefunden. Sein langjähriger Manager, dessen jung-dynamischer Konkurrent und jede Menge Kollegen geraten unter Verdacht – es beginnt das übliche Aussieben, bis am Ende der Täter übrig bleibt.

„Stromberg“-Autor

Drehbuch/Regie: Drehbuchautor Ralf Husmann gehört zu den bekanntesten seines Fachs in Deutschland, sein Ruhm gründet vor allem auf der Erfolgsserie „Stromberg“. Ähnliche Ansätze sind auch in seinem Dresdner „Tatort“ zu erkennen, vor allem in der Figur des sonderbaren Kommissariatsleiters Schnabel, bei dem sich gewisse Parallelen zu Stromberg geradezu aufdrängen. Schlager und Volksmusik sieht Husmann als „die letzten Bastionen, in denen die Welt noch friedlich ist, das Glück ewig und der Himmel schlicht blau und frei von Klimawandel“. Ihn reizte es, wenn gerade in diesem Milieu „die Gewalt einbricht“. Und er ließ es sich nicht nehmen, auch die Texte der Schlager zu schreiben, die es mit diesem Krimi zu ertragen gilt: „Mein Sachsen, hier bin ich geboren/ mein Sachsen, hier gehör ich hin/ Ich hab mein Herz an dich verloren/ weil ich ein Sachsenmädchen bin...“

Fürs junge Publikum

Regisseur Richard Huber ist zwar schon Mitte 50, aber dennoch einer, der dem jungen Publikum das liefert, was es liebt. So gehörte er zu den Regisseuren der Vox-Erfolgsserie „Club der roten Bänder“ und zeichnete für die Weimarer „Tatort“-Folge „Der Irre Iwan“ mit Nora Tschirner und Christian Ulmen verantwortlich.

Nicht wirklich spannend

Spannung: Überschaubar. Ralf Husmann ist eben kein wirklicher Krimiautor, sondern eher einer fürs Amüsante. Es gibt die üblichen falschen Fährten und am Ende eine Auflösung, die zumindest den einen oder anderen Zuschauer überraschen wird. Richtig spannend aber ist es eigentlich zu keinem Zeitpunkt.

Stimmung kippt

Humor: Ist die Stärke dieses Krimis. Vor allem dem gebürtigen Dresdner Martin Brambach mit seinem großartigen komödiantischen Talent verdankt „Auf einen Schlag“ eine ganze Reihe köstlicher Szenen, bei denen so mancher Tränen in den Augen haben wird. In ihm könnte so etwas wie der Boerne des Ostens heranwachsen – Brambach verfügt über ein ähnlich komisches Potenzial wie Jan Josef Liefers als Professor Boerne im Münster-„Tatort“. Am Ende allerdings kippt die Stimmung, dann ist dieser Dresdner „Tatort“ nicht mehr witzig, sondern vor allem traurig und tragisch.

Keine Spur von Pegida

Regionalität: Dresden zeigt sich von seiner schönsten Seite. Der Zwinger hat ganz klar die Hauptrolle unter den Kulissen, und wenn es mal zur Verfolgungsjagd kommt, dann könnte man meinen, sie diene vor allem dazu, weitere touristische Hotspots der Sachsenmetropole zu präsentieren. Von Pegida und Ausländerfeindlichkeit hingegen keine Spur. Oder höchstens zwischen den Zeilen, wenn die Witwe des Mordopfers sich beklagt: „Es wird immer unübersichtlicher und anders. Männer heiraten Männer, überall gibt es Moscheen und Ausländer. Da wollen die Leute wissen, dass es noch ein Eckchen gibt, wo sich nichts ändert.“

Luft nach oben

Wertung: Ein durchwachsener Start mit viel Luft nach oben. Die ziemlich dünne Story wird zwar wettgemacht von einigen höchst amüsanten Szenen, aber insgesamt ist das zu wenig, um ein wirklich guter „Tatort“ zu sein.

Quote wie Schweiger?

Quote: Das Interesse an einem neuen Team dürfte wie immer groß sein, andererseits gibt es keine neuen „Tatort“-Stars von Größenordnung eines Til Schweiger, der bei seinem Debüt in Hamburg gute zwölfeinhalb Millionen Zuschauer vor die Fernseher lockte. Unser Tipp: 10,78 Millionen.


0 Kommentare