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Michonne und Rick haben Sex in Folge 10 The Walking Dead Staffel 6: Warum Folge 10 ein Desaster ist

Von Manuela Kanies


Osnabrück. In Folge 10 „Die neue Welt“ der sechsten Staffel von „The Walking Dead“ geht es ruhiger zu: Nach einem Zeitsprung geht das Leben in Alexandria allmählich normal weiter. Leider läutet die Zombie-Serie damit den bisherigen Tiefpunkt ein: Episode 10 ist die schlechteste Folge aller Zeiten.

Achtung, im Text folgen Spoiler!

Das Wichtigste wie immer vorweg: Michonne und Rick haben Sex, und Paul „Jesus“ Rovia taucht auf. Ja, das sind in der Tat die beiden wichtigsten Ereignisse. Und jetzt muss es raus: Folge 10 „Die neue Welt“ der sechsten Staffel von „The Walking Dead“ ist die schlimmste Episode aller Zeiten. (Weiterlesen: Das passiert in Folge 11 „Knots Untie“)

Hier die Gründe für meinen Verriss:

Wir müssen über die Dialoge reden

„Es war ein harter Tag.“ „Willst Du darüber reden?“ „Nein, jetzt nicht. Ich will mein Gehirn eine Weile abschalten.“

Der Abschlussdialog zwischen Rick Grimes (Andrew Lincoln) und Michonne (Danai Gurira) auf der heimischen Couch. Besonders witzig wird der Dialog, wenn der Zuschauer realisiert, dass er das Vorspiel für Michonnes und Ricks Stelldichein ist.

„Die neue Welt“ in Folge 10 ist die ganz alte Welt, noch bevor Rick aus dem Koma erwachte, sogar noch ein paar Jahrzehnte davor. In der neuen alten Welt kommt der Mann erschöpft nach Hause, will nicht reden, dafür Sex mit seiner Frau haben. Die Frage, wie ihr Tag war, wird auch lieber gar nicht erst gestellt. Bitte nicht reden!

Vertraut sind die beiden ja sowieso miteinander, Schlimmeres hat ein Pärchen wohl noch nie durchgestanden (Zombies, Apokalypse und so). Da braucht es dann auch nicht mehr viel Romantik. Und überhaupt: War da nicht was mit einer blonden Frau, die zwei Söhne hatte, wie hieß sie noch mal? Ach, egal, die nächste Hausfrau, die Rick den Rücken freihält, während er auf der Jagd nach Essen ist, steht ja schon in den Startlöchern. (Lesen Sie dazu auch unsere ausführliche Kritik von Folge 9 „In der Falle“.)

Wir müssen über das Frauenbild reden

Ja, „The Walking Dead“ hatte es schon immer schwer mit der Darstellung von starken Frauen. Denken wir an die ungeliebte Lori Grimes (Sarah Wayne-Callies) zurück, die das perfekte Hausfrauchen spielte und hinter dem Rücken ihres Mannes mit seinem besten Freund und Kollegen geschlafen hat. Michonne und auch Maggie waren deshalb gute Vorbilder, die sich in einer Zombie-Apokalypse wehren und nicht hinter dem Rücken ihres Anführers verstecken. (Weiterlesen: Screen Junkies enthüllen Logik-Löcher in „The Walking Dead“)

Umso enttäuschender, dass Michonne jetzt in eine Rolle fällt, die überhaupt nicht zu ihr passt. Zwar sitzt sie nicht den ganzen Tag untätig herum, bis Rick wieder nach Hause kommt, sondern begleitet Spencer, Deannas Sohn, in den Wald, um ihn zu beschützen. Nachdem Spencer seine Mutter Deanna, die nun als Zombie durch den Wald streift (sie wollte sich selbst töten in Folge 8, aber das hat dann wohl aus bislang unerfindlichen Gründen nicht funktioniert), getötet hat, wird klar, was für eine gute Gefährtin Michonne für die gesamte Gruppe in Alexandria ist. Sie hat auf alles ein Auge, hilft, wo sie kann, und versteht den Schmerz der Menschen, die ihre Familienmitglieder verloren haben.

Michonne ging bisher eher unter, sie wurde auf ihr Schwert (Katana) und ihre Überlebenskunst reduziert, aber das wird ihr nicht gerecht. Nachdem sie mit Carl (Chandler Riggs), der ebenfalls im Wald unterwegs war und Deanna nicht getötet hat, über den Verlust seiner Liebsten spricht, kommt ihre bisher vernachlässigte mütterliche Seite zum Vorschein. Denn sie hat auch ein Kind und ihren Freund verloren, ihr Herz konnte erst Carl wieder erweichen.

Die Szene zwischen ihr und Carl in Folge 10 ist wahrscheinlich deshalb sogar eine der besten der gesamten Staffel. Carl erklärt Michonne, er wollte, dass Deanna von jemandem getötet wird, der sie liebte. Deshalb sollte Spencer Deanna umbringen. Dabei wird klar, dass der Junge, der sich von seiner Schusswunde schon wieder gut erholt hat, immer noch an den Tod seiner Mutter Lori denkt. Und in Michonne eine Ersatz-Mutter gefunden hat.

Wir müssen über Humor und Selbstironie reden

Die rührende Szene wirkt allerdings deplatziert in einer Episode, die versucht, sich nicht selbst ernstzunehmen. Zum ersten Mal werden Rick und Daryl auf ihrer Suche nach Essen vor den Toren Alexandrias als atemberaubend dilettantisch dargestellt. Die beiden Charaktere, die am meisten Erfahrung darin haben, Leute gefangen zu nehmen, Essen zu finden und Zombies zu töten, scheitern an dem neuen Unbekannten, Paul Rovia, der auch „Jesus“ genannt wird.

Dieser Jesus foppt Rick und Daryl nach Lust und Laune, stiehlt ihnen geschickt den Transporter voll mit Essen und lässt sich einfach nicht fesseln. Wie der Narr am Königshof führt er die beiden an der Nase herum und offenbart dabei eine unnahbare und allwissende Attitüde. Kampfkünste, die ein Daryl nie zuvor am eigenen Leib erlebt hat, strecken den erfahrenen „Bad Ass“ zu Boden, Ricks drei Fragen zur Aufnahme in die Gemeinschaft werden einfach abgebügelt. Dabei macht Jesus eine erfrischende Figur, wirkt aber mehr wie eine unfreiwillige Witzfigur. Was wahrscheinlich daran liegt, dass Rick und Daryl Selbstironie nicht steht. (Weiterlesen: Schwebt Daryl in Gefahr?)

Ist der Auftakt zur Jungstour noch recht amüsant, mit heruntergelassenen Scheiben und lauter Musik im schicken Auto durch die Gegend fahrend, gestaltet sich der Rest als unfreiwillig komisch und absurd. Oder war das Absicht? Dass Rick den Transporter mit Essen genau am Ufer eines Sees abstellt, obwohl dazu keine Not ist, und der Wagen, oh Wunder, in den See fährt und versinkt?

Wir erinnern uns an den wütenden, diktatorischen Rick („Das hier ist keine Demokratie mehr!“), an den verrückten Rick, der Halsschlagadern durchbeißt, und an den verzweifelten Rick, der geliebte Menschen verliert. Ein lustiger Rick war bislang nicht dabei. In Folge 10 „Eine neue Welt“ wird klar, warum: In einer Welt voller Zombies gibt es nichts zu lachen.

Sechs Staffeln lang hat „The Walking Dead“ versucht, eine ernst zu nehmende, düstere Utopie aufzubauen, in der Verzweiflung, Angst und Tod herrscht. Auch früher gab es unsinnige Aktionen (die Zombieherde an Alexandria vorbei zu führen, war nicht Ricks cleverste Idee), die mit dem Tod geliebter oder auch ungeliebter Charaktere endeten. Nun stellen sich Rick und Daryl auf ihrer Männertour zwar ungeschickt an, doch zum Glück lungern dort nicht viele Zombies herum, die ihre Dummheit bestrafen könnten. Also, was war das? Der Versuch, mal locker zu sein? Ausgerechnet nach einer guten Folge, die auf dramatische Art und Weise die Menschen in Alexandria endlich zusammengeführt hat? Deshalb ist nun alles Friede, Freude, Eierkuchen? (Weiterlesen: Wer ist der neue Bösewicht Negan in „The Walking Dead“?)

Wir müssen über die gute alte Zeit reden

Früher war alles besser. Charaktere wurden eingeführt und aufgebaut, bevor sie getötet wurden oder zum Zombie wurden. Erstaunlich häufig beziehen sich die Macher von „The Walking Dead“ seit der fünften Staffel auf die Anfänge der Zombie-Serie, als Rick im Krankenhaus aufwachte. Rick selbst zieht in Folge 9 den Vergleich, als er an Carls Bett darum fleht, dass sein Sohn nicht sterben darf. Rick will ihm die neue Welt zeigen, ihn beschützen und gleichzeitig ein eigenes Leben ermöglichen.

Der Wechsel zwischen Folge 9 und 10 ist heftig: Gerade noch haben zahlreiche Zombie-Leichen die Straßen von Alexandria gepflastert, in „Die neue Welt“ ist der Wiederaufbau im Gange, alle sind fröhlich und optimistisch. Dass Mitglieder der Gemeinde gestorben sind, darüber spricht niemand mehr, dabei können höchstens ein paar Wochen zwischen den beiden Folgen liegen.

Dennoch hat sich der Tenor der Serie grundlegend verändert: Michonne, Judith, Carl und Rick wohnen wie eine Familie in einem Haus, gehen ihrem Alltag nach. Von Bedrohung keine Spur, die Zombies sind mehr als nur in den Hintergrund getreten, sie spielen so gut wie keine Rolle mehr. Auch andere Bedrohungen sind nicht erkennbar. Wüsste ich nicht, dass ich einer Zombie-Serie zuschaue, ich hätte die ersten Minuten für eine Seifenoper gehalten.

Wo ist der Überlebenskampf hin, die Angst, die Verzweiflung? Nichts gegen eine ruhige Episode, in der Charaktere sich weiterentwickeln können, aber dafür braucht es zumindest gute Dialoge. Die werden allerdings schon seit einigen Folgen schmerzlich vermisst. Einzig Vater Gabriel gab in Folge 9 Hoffnung auf Besserung.

Geredet wird kaum noch in dieser apokalyptischen Welt und wenn, dann mehrere Sätze lang über Limonade. Wie der Dialog zwischen Daryl und Denise, sie erklärt ihm lang und breit, warum Limonade wichtig ist, oder auch nicht. „Tara hat im Schlaf davon gesprochen. Daher dachte ich, sie mag Brause. Oder auch nicht. Ist auch nicht wichtig.“ Oh, diese Pausenfüller!

Wenn wir über die gute alte Zeit reden, dürfen wir ein paar Charaktere nicht vergessen. Da gibt es doch noch Heath und Aaron. Gut eingeführt, interessante Ansätze, dann in der Versenkung verschwunden. In Folge 9 durften sie ein bisschen kämpfen, aber die Versorgungstouren, einst mit Aaron und Daryl, dürfen nun die Chefs persönlich durchführen. Leider ohne Erfolg, und das schon seit Wochen. Da muss nicht nur Rick den Gürtel enger schnallen.

Aber halt, mangelnde Versorgung ist eine direkte Bedrohung, steht die Gruppe kurz vorm Verhungern? Eher nicht, bedenkt man, dass niemand wirklich traurig ist, dass der Transporter mit Essen im See verschwunden ist. Zur Not jagt Daryl halt wieder Eichhörnchen, und Enid findet bestimmt noch irgendwo eine Schuldkröte zum Rösten.

Jesus ist nicht zu fangen

Ist noch was passiert? Ach ja, Jesus kann nicht gefangen gehalten werden. Nachdem er sich bereits einmal von seinen Fesseln befreien konnte, ist es Daryl auch beim zweiten Mal nicht möglich, ihn zu bewachen. Daher taucht er in Ricks Schlafzimmer auf, wo Rick und Michonne nackt im Bett liegen. „Wir müssen reden“, so sein letzter Satz. Ja, in der Tat, das müssen wir. (Weiterlesen: Tom Payne spricht über Jesus)

Fazit von Folge 10 „Die neue Welt“

Nichts gegen ruhige Folgen mit Charakterentwicklung und guten Dialogen. Davon gab es in Folge 10 „Die neue Welt“ so gut wie nichts. Ein sinnloser Füller, der einen neuen Charakter, Jesus, möglichst comicnah einführen sollte. Das mag gelungen sein, aber dafür bleiben die „Alten“ auf der Strecke. Klar, sie konnten nicht ewig durch die Wälder streifen, aber Rick und Michonne als häusliches Ehepaar kauft ihnen keiner ab. In dieser neuen Welt möchte ich als „The Walking Dead“-Fan der ersten Stunde nicht leben.