Wahre Verbrechen Das Genre True Crime boomt

Von Hendrik Steinkuhl

Die Geschichte von Steven Avery wird in der Serie „Making a Murderer“ beleuchtet. Foto: NetflixDie Geschichte von Steven Avery wird in der Serie „Making a Murderer“ beleuchtet. Foto: Netflix

Osnabrück. Seit rund eineinhalb Jahren boomt ein Genre, das wie kaum ein anderes das Publikum bewegt: True Crime. Der aktuelle Hype um die mediale Aufarbeitung wahrer Verbrechen wurde von einer Radio-Serie ausgelöst – und der Urknall des Genres liegt mehr als 50 Jahre zurück.

Im Januar 1965 erschien dieses Buch, das die Geschichte eines Verbrechens anders erzählte, als sie je zuvor erzählt worden war. Truman Capotes „In Cold Blood“, auf Deutsch „Kaltblütig“, ist die detaillierte Rekonstruktion eines vierfachen Mordes – in literarischer Form.

Capote kann damit als Wegbereiter von gleich zwei Genres gelten: erstens des sogenannten New Journalism, dem höchst subjektiven Reportagestil, der die vermeintlich scharf gezogene Grenze zwischen Journalismus und Literatur vollkommen verwischt. Zweitens erschuf Capote mit „In Cold Blood“ eine Gattung, die mehr als 50 Jahre später boomt wie nie zuvor: True Crime.

Interessant ist der Versuch, bei Google nach True Crime zu suchen. Einen Wikipedia-Eintrag zum Gattungsbegriff gibt es nicht, was der Suchende stattdessen bekommt, sind lauter Einträge einer gewalttätigen Computerspiel-Reihe. Dabei ist True Crime ein etabliertes Genre, das seit Monaten Konjunktur und in diesen Tagen Hochkonjunktur hat.

Netflix-Serie „Making a Murderer“

„Making a Murderer“ heißt die Verbrechens-Dokumentation, die in den USA eine kleine Hysterie ausgelöst hat. Netflix hat die Serie produziert und am 18. Dezember 2015 veröffentlicht, auch in Deutschland ist sie verfügbar. In zehn Folgen erzählt der Video-on-Demand-Anbieter die Geschichte von Steven Avery, der bis zum Jahr 2003 wegen einer vermeintlichen Vergewaltigung 18 Jahre im Knast saß. Unschuldig, wie sich herausstellte.

2005 wurde Avery wegen Mordes verurteilt, und schon wieder deutet vieles darauf hin, dass der Mann die Tat nicht begangen hat. Zwei Tage, nachdem Netflix die Serie für seine Kunden online gestellt hatte, wurde eine Online-Petition eingerichtet, die sich für eine Begnadigung Steven Averys einsetzte. Bis zum 7. Januar hatten 130000 Menschen die Petition unterzeichnet. Das Weiße Haus fühlte sich genötigt mitzuteilen, dass Barack Obama in diesem Fall nicht zuständig ist. Die Verantwortung liege beim Gouverneur des Bundesstaates Wisconsin.

True Crime bringt Zuschauer in Wallung

Das zeigt deutlich, was im Grunde schon lange bekannt ist: True Crime ist wie kein anderes Medienformat dazu in der Lage, die Zuschauer in Wallung zu bringen. Und kaum ein anderes Schicksal schafft dabei so viel Solidarität wie die unschuldige Inhaftierung.

In Deutschland weiß man das spätestens seit dem Fall Gustl Mollath, der unter dem Titel „Mollath – Und plötzlich bist du verrückt“ sogar für das Kino aufgearbeitet wurde.

Für weit weniger Interesse sorgte eine Dokumentation, die das Gegenteil verdient hätte: „Anklage Mord – Ein Freund vor Gericht“ aus dem Jahr 2010 schildert den verzweifelten Kampf des Münchener Freundeskreises von Benedikt „Bence“ Toth, der für den Mord an seiner Tante zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Das Urteil ist hoch umstritten, doch noch mehr als die anscheinende Ungerechtigkeit packt den Zuschauer der unfassbare Einsatz der Freunde des Verurteilten für ein Wiederaufnahme-Verfahren. Den wirklich überragenden Film kann man sich übrigens bei Youtube ansehen.

True-Crime-Welle wurde im Radio ausgelöst

Die aktuelle True-Crime-Welle wurde übrigens nicht im Fernsehen ausgelöst, sondern im Radio. In dem Medium also, das viele doch spätestens mit dem Erfolg des Internets für tot hielten. Gerade durch das Internet aber finden viele Radio-Angebote enorme Verbreitung – und genau das galt und gilt auch für „Serial“.

In zwölf Folgen untersuchte die Journalistin Sarah Koenig im Jahr 2014 den Mord an einer High-School-Schülerin. Das Format erfuhr weltweit riesige Aufmerksamkeit. Derzeit läuft die zweite Staffel, in der es um einen US-Soldaten geht, der erst von der Taliban entführt wurde, jahrelang in Gefangenschaft war, und sich nun wegen Fahnenflucht vor einem Militärgericht verantworten muss.

Auch in Deutschland gibt es True Crime mittlerweile im Radio. NDR 2 sendete im Herbst letzten Jahres die achtteilige Reihe „Täter unbekannt – Der Fall Inka Köntges“. Die junge Frau war im Jahr 2000 in Hannover spurlos verschwunden; jetzt, nach den Recherchen von NDR2, nahm die Polizei die Ermittlungen wieder auf.

Dass die mediale Aufarbeitung eines Verbrechens Auswirkungen auf die Strafverfolgung haben kann, zeigte im vergangenen Jahr auch die amerikanische True-Crime-Reihe „Der Unglücksbringer: Das Leben und die Tode des Robert Durst“. Der New Yorker Immobilien-Mogul wird mit mehreren schweren Straftaten in Verbindung gebracht: Er tötete seinen Nachbarn, saß dafür auch einige Jahre im Gefängnis, Dursts Frau wird seit 1982 vermisst und eine Freundin von ihm wurde im Jahr 2000 getötet. In der Serie des Kabelsenders HBO enthüllte Durst dann ein pikantes Detail nach dem anderen – und wurde noch am Tag vor der Ausstrahlung der letzten Folge festgenommen, weil der dringende Tatverdacht bestehe, dass er seine im Jahr 2000 getötete Freundin umgebracht habe.


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