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Probst, Jaksa, Kassandra, Piwko Welche „Tatort“-Darsteller sind wirklich gehörlos? – „Totenstille“

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Berlin. Der Saarbrücker Kommissar Stellbrink (Devid Striesow) ermittelt heute unter Gehörlosen. Auch einige Darsteller hören nicht. Hier erfahren Sie, welche es sind. Und was der „Tatort“ heute der Augenschmaus-Bloggerin Julia Probst zu verdanken hat.

Der heutige „Tatort: Totenstille“ (Sonntag, 24. Januar 2016, ARD, 20.15 Uhr) aus Saarbrücken ist mehr Lehrfilm als Thriller. Als solcher hat er viel zu bieten – sogar die Darsteller sind gehörlos. Das Fachwissen kommt von der gehörlosen Bloggerin Julia Probst. (Was taugt der „Tatort: Totenstille“ heute? Zur Kritik)

Gehörlosen-Expertise im heutigen „Tatort“ aus Saarbrücken

Für den Gehörlosen-„Tatort: Totenstille“ hat Drehbuch-Autor Peter Probst mit Julia Probst zusammengearbeitet. (Sie haben nur zufällig denselben Namen.) Die gehörlose Bloggerin gibt auf der Webseite „Mein Augenschmaus“ einen „Einblick in mein ‚taubes‘ Leben“. Bekannt wurde sie vor allem mit ihren Übersetzungen von Jogi Löws Anweisungen vom Spielfeldrand, die Probst ihm von den Lippen liest und per Twitter ausplaudert. Probst hat nicht als einzige Erfahrungswissen beigesteuert. Am „Tatort“ wirken auch gehörlose Darsteller mit: Die Schülerin Jessica Jaksa hat als Ambra Reichert ihre erste große Fernsehrolle. Die gehörlose Tänzerin Kassandra Wedel, die auch im „Tatort“ Kassandra heißt und tanzt, hat ungeachtet ihres Handicaps bei Deutschen und Europäischen Meisterschaften unter Hörenden den Titel geholt. Benjamin Piwko, im „Tatort“ der Erpresser Ben Lehner, ist der einzige Gehörlose, der international in der oberen Liga der „Martial Arts“ eine Rolle spielt. Bevor er eine Kampfschule gründete, trainierte er US-Soldaten. Auch für ihn ist der„Tatort“ die erste größere Rolle. (Trash statt Cash: Nachruf auf Gunter Gabriel)

Zuviel Information: Das alles erfahren Sie heute im „Tatort“ über Gehörlose

Der „Tatort“ als Sachfilm zur Gehörlosigkeit. Der „Tatort“ will heute so dringend Stoff vermitteln, dass wir intuitiv mitgeschrieben haben. Das alles lernt man im Saarbrücker „Tatort: Totenstille“ über das Thema:

  • Kommissar Stellbrink tapst mit dem Wort „taubstumm“ ins Fettnäpfchen. Es gilt heute als diskriminierend. Zum einen, weil auch Gehörlose die Fähigkeit zur akustischen Artikulation erwerben können. Zum anderen, weil man sich auch über die Gebärdensprache eloquent mitteilen kann.
  • Die Gallaudet University in Washington D.C. ist komplett auf die Lehre für Gehörlose und Schwerhörige eingerichtet. Um seiner Freundin dort ein Studium zu ermöglichen, wird heute ein Mann im „Tatort“ zum Erpresser.
  • Gehörlose können tanzen, weil die Bässe den Rhythmus fühlbar machen: Kommissar Stellbrink besucht einen Gehörlosen-Tanzkurs.
  • Die Musik ist beim Tanzkurs so laut, dass Stellbrink sein eigenes Wort nicht mehr versteht, während die Gehörlosen munter über Gebärden kommunizieren. Wer behindert ist und wer nicht, ist eine Frage des Kontextes.
  • Behindert ist nicht krank: Schusselig, wie er ist, ist Kommissar Stellbrink kurz davor, eine schwangere Gebärdendolmetscherin mit diesem Lapsus zu kränken. Ob sie Angst vor einem gehörlosen Kind habe? „Hauptsache, es ist gesund.“
  • 1880 proklamieren Gehörlosenpädagogen beim Mailänder Kongress „Überlegenheit der Lautsprache gegenüber der Gebärdensprache“. Die daraus abgeleitete Didaktik unterdrückt die Gebärdensprache und wird heute für ein Jahrhundert verhinderter Teilhabe verantwortlich gemacht. Offiziell aufgehoben wurden die Beschlüsse erst 2010. Bei einem Festakt, zu dem auch die „Tatort“-Ermittler dazustoßen, wird heute noch einmal daran erinnert.
  • Handicap-Familien sind für Geschwisterkonflikte anfällig, wenn die Förderung eines beispielsweise gehörlosen Kindes alle Aufmerksamkeit bindet. Kommissar Stellbrink bekommt es mit einem Verdächtigen zu tun, der in der Kindheit wegen seiner gehörlosen Schwester vom Einser-Schüler zum Schulversager mutierte.
  • Gehörlose, deren Hörnerv intakt ist, können sich eine Hörprothese einsetzen lassen, ein sogenanntes Cochlea-Implantat (CI). Die Methode ist umstritten. Kritiker sehen darin einen Ausschluss der Betroffenen aus der Gehörlosenkultur und eine normative Bevorzugung der akustischen Kommunikation gegenüber der Gebärdensprache. Auch im „Tatort“ wird das Für und Wider diskutiert.

Können Sie von den Lippen lesen?

In einem Interview mit Krimisonntag.de berichtet Julia Probst, dass nur wenige Gehörlose so gut von den Lippen lesen, dass sie wie im „Tatort“ das Geständnis eines Mordes „belauschen“ könnten. Wie gut Sie selbst es beherrschen, lässt sich in einem Online-Spiel testen, das Probst an dieser Stelle empfiehlt.


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