Aufklärung statt Streit Sexuelle Gewalt gegen Kinder Thema bei Maischberger

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Über Kindesmissbrauch sprachen die Gäste von Sandra Maischberger am Mittwochabend. Foto: Archiv/dpaÜber Kindesmissbrauch sprachen die Gäste von Sandra Maischberger am Mittwochabend. Foto: Archiv/dpa

Osnabrück. An die Stelle von politischem Streit über Tagespolitik traten in der Talkrunde von Sandra Maischberger leise, dafür aber umso verstörendere Töne. Über sexuelle Gewalt und organisierten Missbrauch sprachen am Mittwochabend ausschließlich Menschen, die selbst mit dem Thema zu tun haben.

Im Anschluss an den Spielfilm „Operation Zucker“, in dem es um Kinderhandel und Kinderprostitution ging, bemühte sich die Runde von Sandra Maischberger um Aufklärung. Weniger politische Forderungen als vielmehr das Anliegen, ein realistisches Bild der krassen Realität zu zeichnen, trieb die Gäste an.

Aus Gesprächen mit Betroffenen wisse er, dass die Realität noch schlimmer sei als im Film dargestellt, begann Johannes-Wilhelm Rörig. Er ist „Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“. Rörig sagte, sogar Babys würden von pädophilen Kreisen gekauft und missbraucht. Statistisch gesehen säßen mindestens ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse, die sexuelle Übergriffe erfahren hätten.

Verschworene Gemeinschaft von Pädophilen

Im Gegensatz zur allgemeinen Vorstellung handele es sich bei den Tätern nicht um sozial schwache Einzelpersonen, ergänzte die Psychologin Julia von Weiler. „Das macht vor keiner Schicht halt.“ Sie zitierte eine Studie wonach der durchschnittliche Täter in einer intakten Beziehung lebe, einen Job habe und leicht überdurchschnittlich intelligent sei. Die Runde skizzierte das Bild einer Oberschicht, die als verschworene Gemeinschaft Kinder geradezu abrichtet. Oft würden die Opfer in solche Kreise hineingeboren. Täter schreckten nicht davor zurück, eigene Kinder zu missbrauchen, sagte von Weiler. Durch Folter werde ein erwünschtes Verhalten hervorgerufen, das beim Kind schwere psychische Schäden hinterlasse. Begünstigt würden diese Vorgänge von einer Kultur des Wegschauens.

Berechtigter Einwand Maischbergers: „Wieso lese ich nie etwas von diesen Kreisen in der Zeitung?“ Johannes-Wilhelm Rörig erklärte, Verfahren gegen diese Kreise blieben häufig im Ermittlungsverfahren stecken, gerade weil diese Verbrecherringe so verschworen seien.

Odenwaldschüler berichtet von sexuellen Übergriffen

Dass es diese Art von sexueller Gewalt jedoch sehr wohl gibt, bewies der ehemaligen Odenwaldschülers Andreas Huckele. Er wurde jahrelang vom Leiter der renommierten Schule, dem Reformpädagogen Gerold Becker, sexuell missbraucht. Verstanden habe er mit 13 Jahren nicht, was der Schulleiter ihm da antat. Huckele sagte, er sei einfach „eingefroren“, habe unter Schock gestanden. Nach dem Übergriff habe er die Tat immer neu durchlebt: „Die Bilder verfolgen Sie.“ Huckele war nicht der Einzige. „Wir haben immer gelauscht: Kommt er wieder die Kellertreppe runter.“

Unfreiwillig komisch geriet die Sendung für einen Moment, als Maischberger fragte, ob sich Huckele mit dem Begriff Missbrauch überhaupt identifizieren könne, dieser verneinte und die Vokabel im unmittelbaren Anschluss in der Bauchbinde zum Gast auftauchte. Huckele wie auch die Psychologin von Weiler sprachen statt von Missbrauch von Grenzverletzungen, Übergriffen, sexueller Gewalt und Vergewaltigungen.

Kindern wird nicht geglaubt

Ein großes Problem, auch da war sich die Runde einig, sei, dass Kindern häufig nicht geglaubt werde. Kinder würden häufig zum Schweigen angehalten, sagte Manfred Paulus, ehemaliger Kriminalhauptkommissar. „Der Ruf des guten Hauses steht über solchen Delikten.“ Zudem würde kleinen Kindern vor Gericht häufig nicht ausreichend geglaubt, ergänzte die Psychologin Julia von Weiler. Prozesse, bei denen etwa Vierjährige als Hauptbelastungszeugen aussagten, gingen häufig nicht zugunsten der Kinder aus.

Einig waren sich die Experten auch, dass Außenstehende Veränderungen im Verhalten eines Kindes ernst nehmen und sich im Zweifel an Experten wenden sollten. Wichtig sei dabei, nicht überzureagieren und zu früh zu interpretieren. „Wenn Sie beginnen, sich Sorgen zu machen, nehmen Sie das ernst“, appellierte von Weiler an die Zuschauer.

Der Ausblick wirkte so wenig hoffnungsvoll wie das Ende des Spielfilms. „Noch ist sexuelle Gewalt ein Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland“, sagte der Beauftragte der Bundesregierung. In Prävention werde nicht ausreichend investiert.

Seinen Peiniger, den ehemaligen Leiter der Odenwaldschule, habe er schließlich in einem Brief konfrontiert, erzählte Huckele. Dessen Taten waren da nach deutschem Recht bereits verjährt. Geantwortet habe der Pädagoge: „Dich kennengelernt zu haben, war eine der wertvollsten Erfahrungen meines Lebens.“ In das „Oh Gott“ der Runde sagte Huckele: „Jetzt wäre ein guter Moment zum Kotzen.“


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