Haben wir zu viele Krimis? Matthias Brandt über TV-Programm und „Polizeiruf“

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Schauspieler Matthias Brandt. Foto: dpaSchauspieler Matthias Brandt. Foto: dpa

Osnabrück. Er gehört zu Deutschlands besten und populärsten Schauspielern – und er ist mittlerweile seit fünf Jahren Ermittler in einem der außergewöhnlichsten ARD-Sonntagskrimis, dem „Polizeiruf 110“ aus München. Wir unterhalten uns über seine Rolle als Hanns von Meuffels, die Flut der Krimis im deutschen Fernsehen und den Jugendschutz:

Herr Brandt, hat Ihr Vater eigentlich Krimis gemocht?

Das kann ich Ihnen gar nicht sagen – ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, dass wir mal zusammen einen gesehen hätten. Das Genre hatte damals noch nicht die Bedeutung, die es heute hat. Bei mir selbst war es auch nicht so, dass Krimis jetzt unbedingt meine Passion gewesen wären, auch wenn mich der eine oder andere durchaus interessiert hat.

Es heißt, Sie seien früher „Derrick“-Fan gewesen.

Das ist interessant, da wissen Sie mehr als ich (lacht). Ich fand den „Kommissar“ damals eigentlich toller als „Derrick“. Da gibt es Folgen, die bis zum heutigen Tag sehr schön und auch lustig sind. Da kann man regelrechte Sozialstudien der frühen Siebziger betreiben.

In diesem Jahr gab’s ja schon den ersten Krimi-Aufreger: Haben Sie Til Schweigers „Tatort“-Doppelfolge gesehen?

Bis jetzt noch nicht. Aber ich werd’s mir noch angucken, auch, weil es was ganz anderes ist als das, was wir machen, und weil es mir grundsätzlich sympathisch ist, dass hier jemand den Rahmen des Gewohnten sprengt.

Haben Sie denn den Tukur-„Tatort“ gesehen, der ja auch für einige Diskussionen sorgte?

Den habe ich mit großem Vergnügen gesehen, das war eine amüsante Idee.

Deutschlands auflagenstärkste Zeitung titelte am Tag danach: „Die große Tatort-Verarschung“.

Tatsächlich? Habe ich nicht gelesen.

Die Kollegen meinten auch, am Anfang eines jeden „Tatorts“ müsse immer eine Leiche sein und am Ende das Gute gegen das Böse gewinnen.

Meines Wissens steht das nicht im Grundgesetz. So ein Denken ist mir eigentlich fremd, da ist mir die künstlerische Freiheit wichtiger. Es ist doch absolut legitim, dass für die sehr speziellen Ideen der Murot-„Tatorte“ Platz ist. Was die Herrschaften von der „Bild“-Zeitung offenbar gerne sehen wollen, wird doch ausreichend bedient. Die könnten sich eigentlich ein bisschen entspannen, oder? Im Moment gibt’s wirklich wichtigere Dinge.

Gibt’s neben Ulrich Tukur noch andere Kollegen, denen Sie beim Ermitteln besonders gerne zuschauen?

Ich mag meine Münchner „Tatort“-Kollegen sehr und verfolge regelmäßig, was die machen.

Sie selbst haben gleich bei Ihrem zweiten „Polizeiruf“ erleben müssen, dass er aus Gründen des Jugendschutzes vom Sonntagabend um 20.15 Uhr auf einen Freitag um 22 Uhr verlegt wurde. Sind die Redaktionen, Autoren und Regisseure seitdem vorsichtiger geworden mit ihren Stoffen?

Das war ein Vorgang, der mir damals nicht eingeleuchtet hat. Und es ist mir bis heute nicht gelungen zu verstehen, warum ausgerechnet dieser Film als jugendgefährdend betrachtet wurde. Wenn ich sehe, was Woche für Woche gezeigt wird, ist das für mich heute noch eine recht willkürliche Entscheidung gewesen. Aber ich glaube nicht, dass es wirklich Auswirkungen gehabt hat. Für den Jugendschutz gibt es ja keine zentrale Stelle der ARD, sondern es liegt an den Jugendschutzbeauftragten des jeweiligen Senders. Offenbar wird das in Hamburg anders gehandhabt als in München. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es eine generelle Wirkung hatte.

Stichwort Jugendschutz: Die ARD zeigt „Tatort“ und „Polizeiruf“ in der Mediathek erst nach 20 Uhr. Ist das nicht absurd, wenn man sich ansieht, was auch für Jugendliche im Internet rund um die Uhr frei zugänglich ist?

Ja, das ist absurd. Ich vermute mal, dass diejenigen, die das verantworten, auch noch mal dahinterkommen werden, dass das nicht mehr zeitgemäß ist. Kann aber nach meiner Erfahrung durchaus noch ein bisschen dauern.

Es gibt immer mehr Krimis im Fernsehen und immer mehr Menschen, die das kritisieren. Sehen Sie das auch so?

Nö, aber dadurch, dass es so viele Krimis gibt, gibt es vielleicht zu wenig anderes. Beim Sonntagskrimi gibt es ja nach wie vor ein großes Bedürfnis der Zuschauer danach – insofern ist es nicht zu viel. Die Frage ist eher, was auf allen anderen Fernsehfilm-Sendeplätzen passiert: Wenn dort auch hauptsächlich Krimis gesendet werden, ist das schade, weil damit andere Erzählformen wegfallen. Das finde ich bedauerlich. Die Alternative kann ja nicht heißen Krimi oder Kitsch, es gibt schließlich noch ganz andere Formate. Aber es ist schon deutlich spürbar, dass es außerhalb des Krimi-Genres schwieriger geworden ist, interessante Geschichten zu machen.

Wird man als Schauspieler eigentlich schneller krimimüde als im Fernsehsessel?

Ich bin jedenfalls nicht krimimüde, das würde meiner Arbeit ja auch nicht guttun.

Sie sind jetzt fünf Jahre beim Münchner „Polizeiruf“ – würden Sie sagen, dass es fünf gute Jahre waren?

Ja, ich finde es immer noch reizvoll. Da ich vorher noch nie so eine Reihe gemacht hatte, konnte ich anfangs ja nur spekulieren. So viel Zeit mit einer Figur zu verbringen war für mich eine komplett neue Erfahrung. Und dadurch, dass wir eine Reihe mit lauter in sich geschlossenen Einzelfilmen machen, ist mir noch nicht langweilig geworden. Also: Ja, es war eine gute Zeit.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Matthias Brandt und Hanns von Meuffels entwickelt?

Ich wollte die Figur nicht gleich von Anfang an mit irgendwelchen Erfindungen zuballern, sondern das eher schmal halten und den Meuffels sich langsam entwickeln lassen über die ganzen Fälle und Situationen, die er erlebt. Insofern habe ich ihn im Laufe der Jahre natürlich besser kennengelernt. Und ich hatte mich gleich am Anfang entschieden, jemanden zu spielen, den ich mag. Es ist so viel Zeit, die wir miteinander verbringen, das tue ich natürlich lieber mit jemandem, der mir sympathisch ist.

Sie spielen also nicht einfach ein Drehbuch runter – und fertig?

Nein. Wir reden im Vorfeld eines Films lange über Themen und Fälle, die uns interessieren, und die Entwicklung der Bücher hat einen langen Vorlauf. Wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht, gibt es immer Sachen, die so interessant sind, dass man einen Film daraus machen kann.

Zu Ihrem aktuellen „Polizeiruf“: Wenn Sie in fünf Jahren an „Und vergib uns unsere Schuld“ zurückdenken – woran werden Sie sich erinnern?

Der Fall hatte eine ziemlich lange Vorgeschichte, wir haben ein paar Jahre darüber nachgedacht, mal so eine Selbstbezichtiger-Geschichte zu machen. Mir hat ein Kriminalbeamter erzählt, dass bei denen recht häufig Leute erscheinen, die bestraft werden wollen für etwas, das sie vermeintlich getan haben. Ich fand diese Idee interessant, einen Fall gewissermaßen auf diese Weise von hinten aufzurollen. Mir hat das große Freude gemacht, außerdem war ich sehr angetan von der Arbeit mit dem Regisseur Marco Kreuzpaintner und meinem Kollegen Karl Markovics.

Für Marco Kreuzpaintner war es die erste Fernseharbeit überhaupt – er hatte bislang nur Kinofilme gedreht. Warum hat das Fernsehen eigentlich so einen schlechten Ruf bei Leuten, die vom Kino kommen?

Da gibt es immer die Angst vor Normierung und davor, dass sie ihre Geschichten nicht so erzählen können, wie sie sie gerne erzählen wollen. Das fängt ja damit an, und das könnte man ja auch mal infrage stellen, dass jeder Film exakt 88 Minuten und 30 Sekunden lang sein muss. Ich habe es schon erlebt, dass das Filme kaputt gemacht hat. Die sind einfach aus der Balance geraten, weil sie fünf Minuten mehr oder auch mal drei Minuten weniger gebraucht hätten. Außerdem hat der Kinofilm andere Produktionsmöglichkeiten, mehr Zeit und ein anderes Publikum. Beim Kino kommt das Publikum zum Film, und beim Fernsehen kommt der Film zum Publikum. Aber es ist ja eine erfreuliche Sache, wenn Marco Kreuzpaintner sagt, er habe diesen Dünkel vorher gehabt und habe ihn jetzt nicht mehr.

Was er Ihnen zu einem Großteil anrechnet. Er sagt ja, dass ihn die Arbeit mit Ihnen nachhaltig beeindruckt habe und eine regelrechte Freundschaft daraus entstanden sei. Haben Sie das ähnlich erlebt?

Ja, Marco ist ein außergewöhnlicher Regisseur mit einem besonderen atmosphärischen Empfinden. Er ist entscheidungsfreudig und weiß genau, was er erzählen will, und er hat die Fähigkeiten, das dann auch umzusetzen. Er ist fantasievoll, das heißt, er begnügt sich nicht mit dem Naheliegenden. Dafür muss jemand schon wirklich was auf dem Kasten haben, denn es muss beim Dreh ja immer alles wahnsinnig schnell gehen, da ist nicht viel Zeit, um Dinge auszuprobieren. Er riskiert auch, dass mal Dinge schief gehen – das hat mir gut gefallen.

Marco Kreuzpaintner sagt, Ihre Freundschaft werde sicher weitere Projekte nach sich ziehen – gibt es da schon was?

Noch nichts, was spruchreif wäre. Aber ich finde es toll, beim „Polizeiruf“ mit Leuten weiterzuarbeiten. Das sollten wir mit Marco tun, wenn’s nach mir geht.

Kommissare im Sonntagskrimi sind meist Personen, an denen man nicht zweifelt und die auch nicht zweifeln. Bei von Meuffels ist das anders . . .

Natürlich machen auch diese Leute Fehler. Aber es ist eben, was die Konsequenzen angeht, etwas anderes, ob ein Polizist einen schweren Fehler macht oder ich. Im Übrigen finde ich jemanden, der nicht an sich und dem, was er tut, zweifelt, eher uninteressant.

Wie geht die Reise mit von Meuffels weiter?

Wir haben den nächsten Fall bis Mitte Dezember gedreht, wieder mit Christian Petzold als Regisseur. Und Anfang März fangen wir schon wieder mit dem nächsten an, den macht Hermine Huntgeburth.

Weiterlesen: Kritik zum neuen „Polizeiruf 110“ aus München


Matthias Brandt wird am 7. Oktober 1961 in Berlin als Sohn des damaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt und dessen Frau Rut geboren. Den größten Teil seiner Jugend verbringt er jedoch in Bonn, wo sein Vater von 1969 bis 1974 Bundeskanzler ist. Durch gemeinsame Auftritte mit seinem Vater etwa im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF ist der Kanzlersohn schon als Jugendlicher bekannt. Eine deutlich intensivere Beziehung hat er jedoch zu seiner Mutter.

Seine Ausbildung zum Schauspieler absolviert Brandt ab 1984 an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Es folgten zahlreiche Theater-Engagements, unter anderem in Hannover, Oldenburg, Krefeld, Wiesbaden, Karlsruhe, Mannheim, München, Bonn, Zürich und Bochum. Ab 1989 kommen immer mehr Fernsehproduktionen hinzu, den großen Durchbruch schafft Brandt allerdings erst im Jahr 2003 mit einer aufsehenerregenden Rolle: Er spielt in Oliver Storz‘ Politdrama „Im Schatten der Macht“ den Kanzleramtsspion Günter Guillaume, der seinen Vater zu Fall gebracht hatte.

Seitdem ist Matthias Brandt einer der gefragtesten und populärsten deutschen Schauspieler, wobei er im Fernsehen deutlich häufiger zu sehen ist als im Kino. Etliche Auszeichnungen für den vielseitigen Darsteller sind die Folge – Bayerischer Fernsehpreis, Grimme-Preis, Goldene Kamera und Bambi für den besten Schauspieler sind nur einige davon. Im August 2011 debütiert er als Münchner „Polizeiruf“-Kommissar Hans von Meuffels.

Der 54-Jährige ist mit Sofia, einer Kollegin vom Theater, verheiratet. Der leidenschaftliche Werder-Bremen-Fan lebt gemeinsam mit Ehefrau und Tochter in seiner Geburtsstadt Berlin. Foto: imago/APress js

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