Verbrechen und mörderische Irrtümer „Vater, Mutter, Hitler“: ARD-Doku über Motive von Nazis

Wilm Hosenfeld ließ sich vom Nationalsozialismus mitreißen. Später rettete er den jüdischen Musiker Wladyslaw Szpilman (Bild). Foto: imago/EastnewsWilm Hosenfeld ließ sich vom Nationalsozialismus mitreißen. Später rettete er den jüdischen Musiker Wladyslaw Szpilman (Bild). Foto: imago/Eastnews

KNA Stuttgart. Der Dokumentarfilm „Vater, Mutter, Hitler – Vier Tagebücher und eine Spurensuche“ zeigt die unterschiedlichen Motive, die Menschen zu Nazis werden ließen.

„Tieren in Menschengestalt muss man Einhalt gebieten“, sagt Teja-Udo Landau. Und er spricht dabei von seinem Vater. Fritz Landau ist einer von vier Tätern oder Mitläufern oder Verführten – oder wie auch immer man die prekären Lebensläufe beschreiben mag, die Anhänger von Adolf Hitler während der NS-Diktatur führten und die Tom Ockers anhand von Tagebüchern und Gesprächen mit ihren Nachkommen in all ihren Varianten skizziert. „Vater, Mutter, Hitler - Vier Tagebücher und eine Spurensuche“ heißt sein Dokumentarfilm, den die ARD am 18. Januar an einem undankbar späten Sendeplatz um 23.30 Uhr zeigt.

Was Ockers Recherche unbedingt sehenswert macht, ist die Vielfalt der Beteiligung, die die individuellen Schicksale aufzeigen. Es gab selbstverständlich die „Blutsäufer“ wie den Wiener Fritz Landau, der noch vor dem sogenannten Anschluss Österreichs militanten Einsatz für die Nazis zeigte, festgenommen wurde und Jahre später in Osteuropa an willkürlichen Erschießungen beteiligt war. Nicht einmal Landaus Sohn will es Jahrzehnte später gelingen, diese Person in begreiflichen Kategorien zu fassen.

Wilm Hosenfeld, ein Lehrer aus dem Hessischen, zeigte sich ebenfalls früh mitgerissen vom Nationalsozialismus, dessen Praxis sich aber immer schwerer mit seinem religiös geprägten Pazifismus vereinbaren ließ. Den Überfall auf Polen hielt er noch für ein notwendiges Übel, beteiligte sich gar als Hauptmann, bis er die Lebensumstände im Warschauer Ghetto sah und sich entschloss, einigen Menschen das Leben zu retten. Zu ihnen gehörte auch der jüdische Musiker Wladyslaw Szpilman, dem Roman Polanski mit dem Film „Der Pianist“ ein Denkmal setzte. Die Hamburgerin Luise Solmitz verfiel den Ideen der NSDAP, obwohl ihr Mann, ein Veteran des Ersten Weltkriegs, nach deren Ideologie als Jude zu gelten hatte.

Getrieben waren diese Menschen von einem Deutschnationalismus und der Sehnsucht nach der Stärke des eigenen Vaterlandes, die uns heute zurecht merkwürdig und fremdartig erscheinen. Ida Timmer aus Solingen hingegen nahm Hitlers Versprechen beim Wort, die Lage der Arbeiter zu verbessern. Die ersten Spielszenen des Films gehören ihr und einer Freundin beim nachinszenierten, zeitlupenverzögerten Flanieren über eine idyllische Wiese. Diese Bilder symbolisieren eine Naivität, die furchtbar an der Wirklichkeit zerschellen wird: Ida, die sich auch von den feschen Uniformen der Jungnazis angezogen fühlt, verliert ihren Zukünftigen an der Front in Russland.

Dieses jeder Person eigene Geflecht aus persönlicher Motivation, Charakteranlage und politischem Interesse entfaltet sich nicht nur in Interviews und bisweilen inszenatorisch wie schauspielerisch eher platt nachgestellten Schlüsselmomenten, sondern auch in Archivmaterial und Auszügen aus den Tagebüchern. Während ersteres durchaus drastische Bilder - etwa aus dem Warschauer Ghetto oder von Massenerschießungen, wohl aus Lettland - enthält, zeigen letztere auf subtile Weise auch Unterschiede in der Selbstreflexionsfähigkeit der Autoren auf.

Da ist etwa Wilm Hosenfeld als ständig zerrissener Zweifler. Rudimente eines Gewissens gibt es selbst bei Fritz Landau. Und da ist die sinnlich satte Sprache der großbürgerlichen Frau Solmitz, die sie freilich nicht schützte vor der großen Blindheit, die auch eine selbstverschuldete war und die ihre ganze Familie schließlich in höchste Gefahr brachte.

Sie verurteile ihre Mutter nicht für das, was sie damals getan habe, sagt eine der Töchter von Ida Timmer. Aber sie hätte sich gewünscht, dass sie später ihren Fehler zugegeben hätte. Tom Ockers wusste sicherlich, dass er sich in der Täterperspektive auf einen schmalen Grat begeben würde zwischen legitimen Erklärungsversuchen und fragwürdigen Entschuldigungen.

Doch den Tagebüchern und den Momentaufnahmen aus dem Leben der Protagonisten stellt sich eben immer wieder die Gegenwart in den Personen ihrer Kinder gegenüber - die Gegenwart, die sich das Recht nimmt, die Vergangenheit aus persönlichen wie ethischen Motiven zu beleuchten, zu bewerten und einzuordnen.