ARD-Doku „Der gute Göring“ Hermann Göring tötete, Albert Göring rettete Leben

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Ungleiche Brüder: Hermann Göring (Francis Fulton-Smith, links), der überzeugte Nazi, und Albert Göring (Barnaby Metschurat, rechts), der Lebensretter.Foto: NDR/Vincent TV/Beate WätzelUngleiche Brüder: Hermann Göring (Francis Fulton-Smith, links), der überzeugte Nazi, und Albert Göring (Barnaby Metschurat, rechts), der Lebensretter.Foto: NDR/Vincent TV/Beate Wätzel

Osnabrück Sogar im Doku-Drama „Der gute Göring“ über Hermann Görings Bruder Albert droht der unbekannte Lebensretter im Schatten des Massenmörders zu verschwinden.

Der Titel klingt zunächst einmal wie eine billige Provokation: „Der gute Göring“. Welcher böse Teufel hat die ARD denn hier geritten, mag man sich verwundert fragen. Aber hinter dem Titel steckt der ehrenwerte Versuch, Albert Göring aus dem Schatten seines Bruders Hermann zu lösen, der Zeit seines Lebens – und weit darüber hinaus – über ihm lag.

Während Hermann fleißig damit beschäftigt war, Titel, Orden und gestohlene Kunstwerke zu sammeln , während er unter anderem als Reichsmarschall und Gestapo-Gründer willkürlich über Leben und Tod im Deutschen Reich entschied, konnte Albert Göring zur Zeit des Nazi-Terrors zahlreichen Menschen das Leben retten. Heute liegt sogar in Yad Vashem ein Antrag vor, Albert Göring in die Reihe der „Gerechten unter den Völkern“ aufnehmen zu lassen.

Im Jahre 1966 verstarb der entschiedene Gegner des Nationalsozialismus in bescheidenen Verhältnissen und ohne Anerkennung seines Engagements für zahlreiche Verfolgte des NS-Regimes. Mit dem Ende des Krieges geriet sein Nachnahme, der ihm während der Zeit des Dritten Reiches half, Verfolgten zu helfen, umgehend zum Fluch. Als er sich freiwillig den US-Behörden stellte, wurde er sofort inhaftiert. Sein Bruder Heinrich saß nur ein paar Zellen entfernt ein.

„Mangel an Raffinesse“

Niemand wollte Albert Glauben schenken, als dieser detailliert berichtete, wie er zahlreiche Opfer des NS-Regimes vor dem sicheren Tod bewahrt hat. Überliefert ist beispielsweise das Zitat des US-Majors Paul Kubala: „Das Ergebnis der Vernehmung von Albert GOERING, Bruder des REICHSMARSCHALLS Herman [sic], ist einer der plattesten Versuche der Reinwaschung und Ehrenrettung, die das SAIC [Seventh Army Interrogation Center] je erlebt hat. Albert GOERINGs Mangel an Raffinesse lässt sich allenfalls noch mit der Körpermasse seines fettleibigen Bruders vergleichen“.

So zitiert im einführenden Kapitel von William Hastings Burkes 2012 erstmals in deutscher Sprache erschienenem Buch „Hermanns Bruder: Wer war Albert Göring?“ Der Australier ist durch einen 1998 ausgestrahlten Film der britischen Doku-Reihe „The Real...“ erstmals auf Albert Göring aufmerksam geworden. „Die Vorstellung, jenes Monster [Hermann Göring], das wir aus dem Geschichtsunterricht kannten, hätte einen Oskar Schindler zum Bruder gehabt, schien mir geradezu unglaublich“, schreibt Burke. Umso erstaunlicher fand er es, dass er zunächst kaum Material zu Albert Göring finden konnte. „War es denn möglich, dass die Leistungen eines Mannes durch die Persönlichkeit seines Bruders vollkommen ausgelöscht wurden?“

Eine berechtigte Fragestellung, an der sich nun auch Sandra Maischbergers Produktionsfirma Vincent TV messen lassen muss. Immerhin benennt Maischberger in der ARD-Pressemappe das Buch von Burke als einen von drei ausschlaggebenden Gründen für die Produktion des Dokumentarspiels „Der gute Göring“, das am Sonntag im Ersten ab 21.45 ausgestrahlt wird.

Glaubwürdig trotz oberflächlicher Drehbuchvorgaben

Barnaby Metschurat verkörpert darin den guten Albert, Francis Fulton-Smith den bösen Nazi Hermann Göring. Beide Schauspieler agieren glaubwürdig in ihren gegensätzlichen historischen Rollen. Und das, obwohl sie darin recht oberflächlichen Drehbuchvorgaben folgen müssen. So muss Albert bei fast jedem Treffen Hermanns Sucht nach Orden kommentieren. Als ob ein sich schnell ermüdender Running Gag Charakterzüge offenlegen würde.

Insgesamt fünf szenisch nachgestellte Zusammenkünfte zwischen 1923 und 1945 sollen das Verhältnis der beiden Brüder kontrastieren. Hier der weltläufige, ironische und hintersinnig argumentierende Albert. Ihm gegenüber das polternde, wuchtige Übergewicht Hermann, der mit seiner Unberechenbarkeit auch im engsten Familienkreis stets für ein Klima der Angst sorgt.

Zeitzeugen und Nachfahren wie Albert Görings Tochter Elisabeth Göring, Albert Görings Stieftochter Brunhilde Löhner-Fischer und sogar Filmproduzent Oskar Pilzers 95-jähriger Sohn George Pilzer, der Albert Göring sein Leben verdankt, ergänzen die Spielszenen. Aber das Ergebnis wirkt dann häufig doch nur wie eine weitere TV-Geschichtsstunde im Schnelldurchlauf, die auf vereinfachende Momentaufnahmen und kurze Statements setzt, dabei aber viel zu häufig gesellschaftspolitische Gesamtzusammenhänge der nationalsozialistischen Verbrechenswelle aus dem Auge verliert. Am Ende erinnert man sich vor allem an Fulton-Smiths wuchtige Verkörperung des Verbrechers Hermann Göring.

So ist es zwar auf jeden Fall ein Verdienst dieses Dokumentarspiels, dass das Leben und Wirken Albert Görings nun auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Aber es entbehrt auch nicht der bitteren Ironie in Albert Görings Biografie, dass seine Person selbst in diesem ihm gewidmetem Film von seinem Nazi-Bruder und Massenmörder Hermann überschattet wird.

TV: „Der gute Göring“. Das Erste, Sonntag, 10. Januar, 21.45 Uhr.

Buch: William Hastings Burke: „Hermanns Bruder: Wer war Albert Göring?“. 237 Seiten. Aufbau Taschenbuch. 9,99 Euro.


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